DIE ZEIT: Doktorandinnen gibt es viele, Professorinnen umso weniger. Woran liegt das?

Margit Weber: Zwischen der Promotions- und der Habilitationsphase klafft eine große Lücke, da fallen viele gute Wissenschaftlerinnen aus dem System. Das liegt zum einen daran, dass es Frauen im Kosmos Universität immer noch schwerer haben, nach oben zu kommen – es fehlt an einer Kultur der Ermutigung. Zum anderen besteht gerade bei Frauen eine große Spannung zwischen wissenschaftlicher Biografie und eigener Lebensplanung.

ZEIT: Zumindest was die Ermutigung angeht, haben sich viele Hochschulen gewaltig weiterentwickelt. Es gibt Mentoringprogramme ...

Weber: Richtig, die sind für Frauen sehr wichtig. Nicht weil Frauen Nachhilfe brauchen oder zu schwach sind, sondern weil die Wissenschaft zum Beispiel in Deutschland mit einem Männeranteil an Professoren von durchschnittlich über 80 Prozent noch männlich geprägt ist. Männer neigen dazu, eher Männer zu fördern. Nur ein Beispiel: Wissenschaftliche Artikel von Frauen werden seltener zitiert, das zeigt eine groß angelegte internationale Studie des Magazins Nature von 2013. Aber zitiert zu werden ist nun einmal sehr wichtig für eine wissenschaftliche Karriere.

ZEIT: Die Wahrscheinlichkeit, dass Männer bevorzugt werden, ist also größer.

Weber: Ja, und weil die Publikationsleistung und der Publikationsort bei Bewerbungen ein wichtiges Kriterium darstellen, werden Männer auch bei der Stellenvergabe bevorzugt. Das zieht sich durch alle Fachbereiche. Das kann aufgebrochen werden durch stärkere Unterstützung in Form von Mentoring und eine besondere Berücksichtigung von Frauen bei Berufungen. Aber die Frauen müssen auch selbst aktiv werden.

ZEIT: Wie zum Beispiel?

Weber: Was mir Frauen häufig erzählen, ist folgende Situation: Es stände eine Konferenz an, und der Chef habe wieder seinen Kollegen mitgenommen. Wenn sie dann fragen würden: Warum?, dann heiße es oft: Na ja, sie betreue die Laborsachen, das müsse auch jemand machen, das könne nicht alleine gelassen werden. Diese Funktion scheint Frauen irgendwie anerzogen zu sein. Dann sagen sie oft: Ich hätte ja gar nicht mitfahren können. Die Frau muss aber lernen, nicht das liebe Mädchen vom Dienst zu sein. Oft bietet sie das sogar vorschnell selbst an. Die Chefs denken oft nicht weiter darüber nach. Der Umgang mit Männern ist das Bekannte, die Frau das Fremde. Weil sie es nicht anders kennen, sprechen sie also meist den männlichen Nachwuchswissenschaftler an und nicht die Frau.

ZEIT: Was können Frauen dann tun?

Weber: Sie sollten auf den Chef – bisweilen auch auf die Chefin – zutreten und sagen: Ich will mit! Wann steht die nächste Konferenz an? Woran arbeiten Sie? Ich kann mich mit diesem Beitrag beteiligen.

ZEIT: Sind Frauen oft zu zaghaft?

Weber: Viele Frauen müssen erst einmal ihre anerzogene Zurückhaltung überwinden. Sie brauchen den Mut, sich zu präsentieren. Ich rate ihnen, sich das in ganz konkreten Situationen bewusst vorzunehmen, schon während des Studiums. Etwa im Seminar oder auch bei Gruppenarbeiten nicht das Protokollschreiben im Hintergrund zu übernehmen, sondern besser das Ergebnis im Plenum vorzutragen. Außerdem sollten sie sich frühzeitig auf Hiwi-Stellen oder Tutorien bewerben und früh mit dem Netzwerken beginnen. Dazu gehört, dass man Angebote der Fakultät, die über das normale Studienpensum hinausgehen, nutzt, um bekannt zu werden: indem man zum Beispiel an Fachtagungen an der eigenen Fakultät teilnimmt.

ZEIT: Gibt es bestimmte Eigenschaften, die angehende Akademikerinnen mitbringen sollten?

Weber: Ich will keine Klischees fortschreiben, indem ich über bestimmte Eigenschaften spreche, die Frauen zugeschrieben werden. Dennoch sage ich ganz deutlich: Junge Frauen sollten Mut und Zuversicht und eine gewisse Lust am Wettbewerb mitbringen.

ZEIT: Kann man das trainieren?

Weber: Was man trainieren kann, ist, diese Eigenschaften auch auszustrahlen. Es gibt viele Angebote zur Entwicklung der Körpersprache, zum Präsentieren oder zur Rhetorik. Wichtig ist dabei, nicht die eigene Persönlichkeit durch eine angelernte Rolle zu verdecken, sondern sie zu verstärken. Ich leite selbst ein solches Weiterbildungsprogramm für Studentinnen und Nachwuchswissenschaftlerinnen, bisweilen sind auch männliche Studenten und Wissenschaftler dabei. So wird beiden Geschlechtern klar, wo Frauen und Männer vielleicht unterschiedlich kommunizieren, verbal wie nonverbal. Das hilft, sich gegenseitig besser zu verstehen und in Seminaren, Diskussionen oder in Gremien die unterschiedlichen Positionen effektiv zu nutzen oder Konflikte zu meistern.

ZEIT: Von den angebotenen Förderprogrammen fühlen sich einige Frauen allerdings auch bevormundet.

Weber: Viele meinen, Frauenförderung sei bereits am Ziel. Gerade die Studentinnen, die noch weit vom Arbeitsleben, vom Kampf um Stellen und um Gleichbehandlung entfernt sind, hegen diesen Irrtum. Deswegen haben oft auch sie, nicht nur Männer, den Frauenförderprogrammen gegenüber die Einstellung: Ach, jetzt reicht es aber langsam mal. Das ist falsch. In erster Linie müssen Frauen diese Programme ganz selbstbewusst wahrnehmen und diese auch öffentlich wertschätzen. Sie dürfen diese Förderung nicht selbst als Nachhilfe sehen oder als Minderung ihrer eigenen Kompetenzen oder Leistungen oder gar als Benachteiligung von Männern, sondern als notwendige Unterstützung und als Nachteilsausgleich. Übrigens wäre auch eine Quote kein Freifahrtschein für Stellen, sondern ein Ausgleich für ein real bestehendes Ungleichgewicht. Eine Quote ist immer mit Leistung gekoppelt: Niemand bekommt eine Stelle über eine Quotenregelung, wenn sie oder er nicht gut ist.