Der Goldgräber José Joaquim Texeira weiß: Das Gold aus Paracatu ist mit sehr viel Arsen vermischt.

Vom Wellblechdach des einfachen Häuschens, das José Joaquim Texeira gehört, hat man einen ausgezeichneten Blick auf die Explosion. An jedem Werktag um 16 Uhr wird in der Riesengrube ein Schatz aus der Erde gesprengt, 60 Tonnen Dynamit lassen kilometerweit die Gläser klirren, und kurz darauf hängt eine graue Wolke über dem Tal. Die Sonne bricht sich in den Staubpartikeln und färbt sie in ein schmutziges Gelb, bis der Wind sie erfasst und über die flachen Hügel wirbelt, über das Häuschen von José Texeira und seinen Heimatort Paracatu.

Paracatu, 80.000 Einwohner, vier Autostunden östlich von Brasiliens Kapitale Brasilia gelegen, wurde auf einem Goldklumpen gebaut. 1722 erlebte der Flecken seinen ersten Goldrausch, und noch vor wenigen Jahrzehnten traten seine Bewohner nach heftigen Regengüssen auf die Wege und suchten im Schlamm nach kleinen glitzernden Steinchen, die ein bisschen Wohlstand versprachen.

Inzwischen sind Paracatus Wege asphaltiert, ein Minenkonzern hat das Land in der Umgebung aufgekauft, und seit zehn Jahren ist José Texeira nicht mehr das, was er früher war: ein hauptberuflicher Goldwäscher. Jahrzehntelang war der massige schwarze Mann mit einem Sieb zu den Bächen und Rinnsalen ausgerückt, und selbst als die Minenbetreiber mit Baggern und Sprengstoff kamen, arbeitete er noch in den von der maschinellen Goldsuche zurückgelassenen Abwässern. Bis 2004 ein neuer und besonders aggressiver Besitzer der Mine, der kanadische Konzern Kinross, die letzten verbliebenen Goldwäscher mit Hunden und Gewehren vertreiben ließ. Denn das Gold, so stand es in seinem Vertrag mit der Regierung, gehört Kinross allein.

José Texeira weiß bis heute alles über das Gold in dieser Gegend – und er weiß auch um seine dunkle Seite. "Wo das Gold liegt? Hier überall!", sagt er, deutet auf den Boden und hebt einen dicken Gesteinsbrocken auf. Es ist ein graues Stück Fels mit feinen Adern, sie sind gelb, braun und grünlich, es ist ein gefährliches Gemisch. Das Gold von Paracatu ist zusammengebacken mit Arsen, einem geruchlosen Gift, von dem kleine Mengen genügen, um einen Menschen zu töten, und das sich schleichend in den Atemwegen und den Knochen sammelt, Krebsgeschwüre wachsen lässt, ungeborene Kinder schädigt und einen ganzen Katalog chronischer Beschwerden auslöst.

Arsen und Gold kommen fast überall gemeinsam vor, aber in der Gegend von Paracatu ist das Verhältnis besonders ungünstig. In vier Kilo Gestein findet man hier nur 0,4 Gramm Gold, aber 300 Gramm Arsen. Unter Paracatu liegt zwar ein Schatz – aber auch genügend Gift, um theoretisch die ganze Menschheit tausendfach auszurotten.

Was passiert also, wenn man in einer offenen Mine, die mitten in einer Kleinstadt liegt, jeden Tag sprengt? Wenn man den Staub in die Luft schleudert? Wenn man mit einer Gesteinsmühle – übrigens von Siemens geliefert – und chemischen Prozessen das Gold herauslöst und die giftigen Abwässer ringsherum in Sickerbecken pumpt?

Während der vergangenen Jahrzehnte waren solche Fragen in Brasilien zweitrangig. Der Rohstoffboom ging vor. Brasilien wollte vom Schwellenland zur Industrie- und Weltmacht werden, dafür mussten die Reichtümer raus aus der Erde. Rohstoffe, die fast ein Viertel aller brasilianischen Ausfuhren ausmachen, mussten nach China, in die USA und nach Europa verschickt werden, und sie mussten die schnell wachsende heimische Industrie füttern. Fragen der öffentlichen Gesundheit oder des Umweltschutzes waren etwas für Sonntagsreden und für Gesetze, an die sich im Ernstfall niemand hielt.

Aber als der kanadische Konzern Kinross 2003 die Paracatu-Mine übernahm, als er die Goldförderung mit neuen "Supermining"-Techniken binnen weniger Jahre zu verdreifachen trachtete, stieß er beim Baggern und Sprengen auf etwas völlig Neues: auf erbitterten Widerstand.