Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © C. Bertelsmann

Ich finde, dass Heino kein wirklich großer Musiker ist. Die Musik von Bob Dylan ist tausendmal besser als die Musik von Heino. Auch Dylans Texte sind besser. Jede Musik hat natürlich ihr Existenzrecht, einschließlich Heino, aber es gibt Unterschiede in der Qualität und im, sagen wir mal, kulturellen Rang.

Aus dieser meiner Meinung ergibt sich glasklar, dass ich ein Nazi bin. Auch Adolf Hitler hat behauptet, es gebe wertvolle und weniger wertvolle Musik. Sein Musikgeschmack unterscheidet sich stark von meinem, bis auf Beethoven und Wagner, die wir beide schätzen. Aber das ist nicht der springende Punkt. In Wirklichkeit ist jede Musik exakt gleich viel wert, alles andere wäre Diskriminierung. Wer behauptet, dass Ray Charles kulturell wertvollere Beiträge geleistet hat als De Randfichten, ist ein Rassist und ein Nazi.

Diesen originellen Gedanken habe ich in einer Kolumne von Jakob Augstein gefunden, auf Spiegel Online. In der Kolumne befasst er sich mit dem neuen Buch von Thilo Sarrazin, das ich nicht gelesen habe. Ich kenne nur die Rezensionen. Offenbar vertritt Sarrazin die These, dass Leute, die Ideen jenseits des Mainstreams vertreten, in den Medien ausgegrenzt oder sogar als Nazis bezeichnet werden. Augstein rückt Sarrazin wegen der Behauptung, man würde ihn als Nazi bezeichnen, in die Nähe von Adolf Hitler. Sogar das Wort "Auschwitz" kommt in Augsteins Text vor. Für mich klingt das sehr stark nach einer überzeugenden Bestätigung der These von Sarrazin durch Augstein.

Vor ein paar Monaten ist Jakob Augstein allerdings fast das Gleiche widerfahren wie jetzt Sarrazin. Eine jüdische Organisation hat erklärt, Augstein sei einer der schlimmsten Antisemiten der Welt. "Antisemit" und "Nazi" ist nicht das Gleiche, aber es gibt relativ starke Gemeinsamkeiten. Anlass war die Kritik, die er immer wieder an Israel übt. Viele Kollegen, die anders denken als er, auch ich, haben ihn damals in Schutz genommen. Und jetzt, bei der ersten sich bietenden Gelegenheit, wendet Augstein tatsächlich selbst diese nicht sehr feine Methode an.

Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden, sag ich jetzt einfach mal. Das wird man doch wohl noch sagen dürfen. Immer wenn ich Nazivergleiche lese, denke ich: Da sind jemandem die Argumente ausgegangen. Da war jemand intellektuell ein bisschen überfordert, deshalb musste er Adolf Hitler zu Hilfe rufen. Wenn man es in Deutschland verbieten würde, in Debatten seinen jeweiligen Widerpart mit den Nazis zu vergleichen, würde dies sofort zu einer Niveausteigerung in den Feuilletons führen.

Dann habe ich zu meiner Überraschung gelesen, dass solch ein Gesetz, das Nazivergleichsverbot, in Israel tatsächlich diskutiert wird. Israelis beschimpfen sich offenbar bei der kleinsten Unstimmigkeit gegenseitig als Nazis. Kürzlich musste sich der liberale Rabbiner Dov Lipman öffentlich als Nazi beschimpfen lassen, weil er gegen das Verbot von Miniröcken eintritt. Wenn jeder, der "Nazi" genannt wird, tatsächlich einer wäre, müsste Israel die Nazi-Nation Nummer eins sein. Für mich stellt sich die Frage, wie man eigentlich einen echten Nazi nennen soll, wenn man mal einem begegnet, wo schon jeder lästige Nachbar einer ist. Man braucht eigentlich zwei Wörter, "Nenn-Nazi" und "Echt-Nazi". Nenn-Nazis sind übrigens auch fast alle Demonstranten in der Ukraine. Wladimir Putin bezeichnet sie als "Faschisten und Antisemiten".

Ich finde, es ist höchste Zeit für den ersten Weltkongress der Nenn-Nazis, mit Wladimir Klitschko, Jakob Augstein, Thilo Sarrazin, Rabbiner Lipman und mir, in Tel Aviv.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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