Der steinerne Mann macht Mittagspause. Gerade stand er noch als lebendes Denkmal auf einem Markt in der Innenstadt. Jetzt entspannt er auf einer Bank in Kapstadts Stadtpark Company’s Garden, schiebt seine graue Maske zur Seite und beißt in einen Schokoriegel. Gemeinsam sitzen wir zwischen exotischen Bäumen, atmen den Duft von Jasmin ein und beobachten einen schwarzen Dandy, der seine Kombination aus roter Pudelmütze und braun kariertem Einreiher so selbstbewusst trägt, dass man die Kamera zücken möchte. Ein schwules Paar mit Hund schlendert vorbei. Eine Frau in Bürokleidung balanciert ihre Kostümjacke kokett auf dem Zeigefinger. Mit klackernden Absätzen überholt sie einen Obdachlosen, der ein halb gegessenes Brötchen aus einem Mülleimer fischt.

Company’s Garden ist Kapstadts grüne Oase im Zentrum. Im 17. Jahrhundert baute der niederländische Schiffsarzt Jan van Riebeeck auf diesem Boden Gemüse zur Versorgung der Handelsschiffe an. Jetzt gedeihen hier Aloe-Bäume und duftende Rosenhecken. Von der Bank gegenüber grinst ein farbiger Mann herüber. Als er hört, woher ich komme, ruft er fröhlich: "Sauerbraten und Krautsalat!" Das muss sie sein, die Lässigkeit, für die Kapstadts Bürger berühmt sind. Seine Begleiterin, eine Schwarze mit imposantem Kopftuch, will wissen, was mich hierher führt. "Kapstadt ist Weltdesignhauptstadt? Davon hatte ich keine Ahnung", gesteht sie. Verwundert ist sie aber nicht: "Besseres Design als das hier kann es ja wohl kaum geben." Sie deutet in die Ferne, wo flauschige Wolken über den Tafelberg kriechen.

Diese Stadt hat einen weiten Begriff von Design. Aber das ist ganz im Sinne der icsid, einer weltweiten Vereinigung von Industriedesignern. Sie vergibt den Titel World Design Capital (WDC) alle zwei Jahre an eine Stadt, die Design nutzt, um ihre soziale, kulturelle und ökonomische Entwicklung anzukurbeln. Und entwickeln muss sich hier noch eine Menge. Kapstadt steckt voller Schönheit, doch auch zwanzig Jahre nach dem Ende der Apartheid haben längst nicht alle der vier Millionen Einwohner daran teil. Hunderttausende leben in den Townships an den Rändern der Innenstadt unter teilweise erbärmlichen Bedingungen. Es geschehen viele Verbrechen, und das öffentliche Verkehrssystem reicht bei Weitem nicht aus – Probleme, die man im WDC-Jahr verstärkt angehen will.

"Live Design. Transform Life" heißt das Motto. 450 Projekte sollen bis Ende des Jahres realisiert werden. Eines der ehrgeizigsten leitet die Ökonomin Zahira Asmal, mit der ich in Company’s Garden verabredet bin. Unter dem Titel "Designing our Democracy" bringt sie Experten jeder Ausrichtung zusammen. Gemeinsam sollen sie dem öffentlichen Raum ein neues Gesicht geben. "Kapstadt ist voller Plätze, die kahl und unwirtlich sind", sagt Asmal. Eine politische Hässlichkeit, wenn man so will: "Die Apartheidregierung hat Stadtgestaltung dazu missbraucht, Menschen voneinander zu trennen."

Soziales Design, das funktioniert

Die 36-Jährige hat indische Wurzeln. Ihre Erinnerung an die Apartheid ist sehr lebendig. "Ich weiß noch, wie ich als Kind mit meinem Opa am Strand war und ein Mann sagte, wir dürften da nicht sein. Ich sagte: ›Opa, das ist doch der Indische Ozean, ich dachte, der gehört dir?‹" Asmal will Design dazu nutzen, diese Trennung umzukehren: "Wir müssen Orte so gestalten, dass Menschen aus allen Schichten sich dort wohlfühlen, und den Nahverkehr so verbessern, dass auch tatsächlich jeder Zugang zu den öffentlichen Einrichtungen hat."

Wir laufen eine Allee entlang, die quer durch den Park führt. Links wechseln sich klassizistische Regierungsgebäude mit Museen ab, deren weiße Fassaden wie Zuckerguss aussehen. Die rechte Seite mit dem botanischen Garten ist der Natur und dem Nichtstun gewidmet. "Dieser Weg hier ist ein Beispiel für soziales Design, das funktioniert", sagt Asmal. Er verbindet die Bezirke an beiden Enden des Parks: die gemischte Innenstadt und das feinere Wohnviertel Gardens. "Wir haben nicht viele solcher Orte, wo Menschen aus unterschiedlichen Schichten einander begegnen."

Wo ihr Projekt ansetzen wird, kann sie heute nicht zeigen. Das soll sich erst noch konkretisieren, in einer Reihe von Gesprächsrunden während des WDC-Jahrs. Ist sie damit nicht etwas spät dran? Zahira Asmal wischt den Einwand salopp beiseite: "Schnelle Lösungen gibt es nicht." Wer eine gerechte Gesellschaft wolle, müsse Geduld haben, meint Asmal.