Deutsche Professoren, die sich selbst gern als "Gelehrte" bezeichneten, seien ganz gewiss die "unbändigste und am schwersten zu befriedigende Menschenklasse – mit ihren ewig durchkreuzenden Interessen, ihrer Eifersucht, ihrem Neid, ihrer Lust zu regieren, ihren einseitigen Ansichten, wo jeder meint, dass nur sein Fach Unterstützung und Beförderung verdiene". So urteilte und klagte einst Wilhelm von Humboldt in einem Brief an seine Frau Caroline. Man schrieb das Jahr 1809, und der weltläufig gebildete preußische Freiherr, der lange in Paris und Rom gelebt hatte, war von seinem König soeben beauftragt worden, Hochschullehrer an die neu zu gründende Berliner Universität zu berufen.

Dass es Humboldt gelang, die besten dieser oftmals nur um sich selbst kreisenden Köpfe nach Berlin zu holen, war den umfassenden Vollmachten zu verdanken, mit denen er im Moment der Universitätsgründung im Unterrichtsministerium ausgestattet war. Zu den glanzvollsten Namen seiner Berufungsliste gehörten der Jurist Savigny, der Theologe Schleiermacher, der Philosoph Fichte, der Historiker Niebuhr, der Agronom Thaer und der Chemiker Klaproth – allesamt Männer, die sich aus freien Stücken vielleicht niemals aufeinander zubewegt hätten.

Wie ist es gegenwärtig – zweihundert Jahre nach Humboldt – um die Berufungspolitik der deutschen Universitäten bestellt?

Nicht immer zum Besten. Das lehren mich meine eigenen Erfahrungen, die ich in den vergangenen Jahren nicht nur hierzulande sammeln konnte, sondern auch in den USA und vor allem in Großbritannien, wo ich als Historiker akademisch sozialisiert und nachhaltig geprägt wurde. Erst nach meinem Studium an der London School of Economics und der Promotion in Cambridge kehrte ich zurück nach Deutschland, um mich dort in Hamburg zu habilitieren. Anschließend forschte ich an den Universitäten Potsdam und Regensburg, hielt mich auch für längere Zeit an verschiedenen amerikanischen Forschungsinstitutionen auf, bewarb mich jedoch gezielt auf vakante Professuren in meiner deutschen Heimat, der Familie wegen. Das war eine frustrierende, doch immerhin augenöffnende Zeit.

Hatte ich nichts anzubieten, genügte mein Lebenslauf nicht den Anforderungen?
Jürgen Overhoff

Ungezählte Bewerbungen, die ich zunächst hoffnungsvoll verschickte, stießen auf völliges Desinteresse. Sie wurden ignoriert, Jahr um Jahr. Wie konnte das sein? Hatte ich nichts anzubieten, genügte mein Lebenslauf nicht den Anforderungen, waren die von mir vorgeschlagenen Lehreinheiten und Forschungsprojekte, die ich als Professor umzusetzen gedachte, ganz und gar irrelevant? Ich war ratlos. Als ich mich in dieser heiklen Phase bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) um ein Stipendium für Habilitierte bemühte, führten mir die auch hier einhellig ablehnenden Gutachten, die mir in längeren Auszügen vorgelegt wurden, die wahren Gründe des Misserfolgs vor Augen.

Die deutschen Gelehrten, die hier anonym als Gutachter fungierten, sprachen offen aus, was sie dachten. Mein "wissenschaftlicher Werdegang" mit sehr guten Abschlüssen an den britischen Eliteuniversitäten in London und Cambridge entspreche zwar "durchaus den Exzellenzkriterien", die einen Professor kennzeichnen sollten. Auch meine angekündigten Projekte seien allesamt "höchst interessant" und "förderungswürdig", dazu auch "kompetent und überzeugend" dargelegt. Doch seien meine in den geisteswissenschaftlichen Traditionen der USA und Großbritanniens angesiedelten Forschungsmethoden in Deutschland "momentan nicht erwünscht". Das mindere meine "Berufungschancen" nun "ganz erheblich". Deshalb wolle man mich auch nicht fördern. Doch sei man sich wiederum sicher, dass ich "aufgrund der Auslandskontakte" meine Forschungsvorhaben bestimmt "karriereträchtig vorantreiben" werde – in England oder in Amerika, aber eben nicht hier.

Nicht nur ich habe es erleben müssen, dass der Weg, der einen jungen deutschen Wissenschaftler zunächst zu seiner großen Freude nach Cambridge, Oxford, Harvard, Yale oder Stanford führt, seine Chancen auf eine spätere Rückkehr in die Wissenschaftslandschaft der alten Heimat eben nicht vergrößert, sondern eher schmälert. Entgegen allen Beteuerungen bei Fest- und Feiertagsreden, in denen es heißt, dass man das im Ausland erworbene Wissen dereinst mit Schwung in Deutschland zur Anwendung bringen solle, erweist sich dieser Weg allzu häufig als unfreiwilliger Abschied. Vor allem dann, wenn man zu eigenständig agiert.

Einem Studienfreund, dem nach seiner Promotion in Berlin überraschend eine Stelle als Gastforscher mit gutem Gehalt in Oxford angeboten wurde, gratulierte sein Doktorvater dazu bezeichnenderweise nicht. Er freute sich auch nicht für ihn. Stattdessen sagte er ihm nur in knappen Worten: "Wenn Sie die Stelle in Oxford annehmen, wird es mit einer Rückkehr nach Deutschland schwer." Und dieses Diktum hat sich zwischenzeitlich bewahrheitet. Wer sich aus Neugierde, Forscherdrang und Lust am Einleben in die akademischen Traditionen Großbritanniens und der USA zeitweilig fortbewegt, darf sich bei späteren Bewerbungen um eine Professur in Deutschland nichts vormachen: Viele Chancen erhält er nicht, egal, wie interessant und originell seine Projekte auch sind.