Nur selten öffnet Frau C. eine breite braune Schachtel und zieht daraus Papier, eine Karte vielleicht, einen Brief, Liebe Mama, ich höhre gerade Paulo Conte Puramando di saprei. Düdüdüdüdüüüü. Bye, Lea.

Lea hat einen IQ von 142.

Lea ist jetzt 36.

Liebe Mama, ich liege gerade im Bett und höhre Mendelssohn. Merci das du immer und immer für mich da bist, Lea, Psychiatrische Klinik Sankt Urban, 12. März 1999.

Frau C. ist Witwe, Lehrerin in Rente, wahllos greift sie in die Schachtel. Eigentlich sollte sie längst ins Bett.

4. September 2000. Lieber Herr M. Heute um 17 Uhr war ich bei Ihnen, wir besprachen Leas Austritt aus der Klinik. Zu Hause angekommen, rief ich meine Tochter noch einmal an und fragte sie, ob es für sie jetzt so stimme. Sie antwortete, sie sei sehr erleichtert gewesen, dass ich im Gespräch die Wahrheit nicht ausgeplaudert hätte. Also fragte ich Lea, was die Wahrheit denn sei. Ihre Wahrheit ist nun die: Sie, Lea, werde einmal sehr berühmt sein, ohne Zweifel, das sei nur logisch. Auf meine Frage, woher sie so sicher sei, meinte Lea, alle Zeichen sprächen dafür, nur schon die Fernsehsendungen: Musik- und Kulturprogramme arbeiteten ständig nur daran, sie, Lea, berühmt zu machen. Jedes Mal, wenn sie den Fernseher einschalte, sende dieser, extra für Lea, etwas aus, was für ihren Aufbau bestimmt sei. (...) Ihre Wahrheit wagt Lea nur mir zu erzählen, und ich darf sie niemandem verraten. (Was ich hier jedoch tue, mit der großen Hoffnung, Lea erfahre nichts davon.) Ich bin immer noch der Meinung, dass ein Austritt aus der Klinik nicht unbedingt das Richtige ist. Aber vielleicht geht ja alles gut. Ich hoffe es sehr. Mit freundlichen Grüßen und großem Dank für Ihre Arbeit mit meiner Tochter.

Lea, im Februar 1978 geboren, war anders als ihre ältere Schwester, Lea war schweigsam, ruhig, stundenlang spielte sie allein mit ihren Puppen, mochte keine traurigen Märchen, Rumpelstilzchen, Hänsel und Gretel, sie litt mit jedem Wurm auf der Straße, genau wie ich, sie war ein einfaches Kind, lieb, keine Mitläuferin, sagt die Mutter.

Achtjährig wiederholte Lea die erste Klasse, Legasthenie, Dyskalkulie, POS in schwacher Form, Psychoorganisches Syndrom, Konzentrationsschwierigkeiten, Frau C. brachte Lea ins Nachbardorf zu einem Psychologen, Lea sollte malen, sie stieß Stecknadeln, die Spitzen nach oben, in ein Glas voller dicker gelber Fingerfarbe, strich die Farbe glatt, damit das Kind, das nach ihr malte, von der Falle nichts merkte und sich stach.

Eine Freundin bat Lea, in ihrem Poesiealbum zwei Seiten zu füllen, Lea zeichnete ein Pferd, so schön, dass weitere Freundinnen um das gleiche Pferd baten, ein braunes mit weißen Füßen, weißer Stirn, Lea setzte sich hin, fünf leere Alben vor sich, Lea konnte nicht zeichnen, Lea wollte nicht, irgendwann habe ich gemerkt, dass sie besonders ist.

Anders.

Ein Brief.

Die Vögel tzwitschern immer noch. Enten fliegen oben in der Luft vorbei und quaken dabei. Ich glaube, eine Ente ist es nicht. Oder meinst Du? Wieso schreibt man in Briefen das Du gross? Das mich schreibe ich klein. Man sieht hier durch die Gitter ein Langegg vom Himmel, 1 Meter auf 3 ca. ich liebe meine Briefe und ich liebe das Kiffen und hasse meine Komplexe. Das Flugzeug fährt vorbei und es tönt richtig berauschend. Summmmmsummmmsummmsummmm. Den Kugelschreiber höhre ich auch. Er tönt sehr schön. Abstrackt. Eine Melodie höhrt man während des Schreibens. Die Geräuschmelodie vom schreiben. Mit dem Kugelschreiber. Kugelschreiber.

Lea spielte Querflöte, sie begriff die Noten nicht, Lea musste eine Melodie nur einmal hören, um sie dann zu spielen. Sie quälte sich durch die Schule, schaffte dennoch den Gang in die Sekundar, bei einem Opernsänger lernte sie Gesang, in Mathe schlief Lea ein. Frau C. holte sie aus der öffentlichen Schule des Dorfes, an der sie selbst lehrte, schickte Lea nach Ebikon in die Privatschule Rey. 8. Januar 93, Zwischenzeugnis, Lea muss sich etwas mehr einsetzen, sie ist in allen meinen Fächern um eine halbe Note gesunken.

Eines Tages, auf dem Pausenplatz, brach sie zusammen, Lea zuckte, krampfte, schäumte, Epilepsie, vermutlich einmalig, sagte ein Arzt im Kantonsspital.

Damals, denkt Frau C. am Tisch in ihrer Stube, begann Lea zu kiffen.

Sie streichelt die Schachtel.