Nur selten öffnet Frau C. eine breite braune Schachtel und zieht daraus Papier, eine Karte vielleicht, einen Brief, Liebe Mama, ich höhre gerade Paulo Conte Puramando di saprei. Düdüdüdüdüüüü. Bye, Lea.

Lea hat einen IQ von 142.

Lea ist jetzt 36.

Liebe Mama, ich liege gerade im Bett und höhre Mendelssohn. Merci das du immer und immer für mich da bist, Lea, Psychiatrische Klinik Sankt Urban, 12. März 1999.

Frau C. ist Witwe, Lehrerin in Rente, wahllos greift sie in die Schachtel. Eigentlich sollte sie längst ins Bett.

4. September 2000. Lieber Herr M. Heute um 17 Uhr war ich bei Ihnen, wir besprachen Leas Austritt aus der Klinik. Zu Hause angekommen, rief ich meine Tochter noch einmal an und fragte sie, ob es für sie jetzt so stimme. Sie antwortete, sie sei sehr erleichtert gewesen, dass ich im Gespräch die Wahrheit nicht ausgeplaudert hätte. Also fragte ich Lea, was die Wahrheit denn sei. Ihre Wahrheit ist nun die: Sie, Lea, werde einmal sehr berühmt sein, ohne Zweifel, das sei nur logisch. Auf meine Frage, woher sie so sicher sei, meinte Lea, alle Zeichen sprächen dafür, nur schon die Fernsehsendungen: Musik- und Kulturprogramme arbeiteten ständig nur daran, sie, Lea, berühmt zu machen. Jedes Mal, wenn sie den Fernseher einschalte, sende dieser, extra für Lea, etwas aus, was für ihren Aufbau bestimmt sei. (...) Ihre Wahrheit wagt Lea nur mir zu erzählen, und ich darf sie niemandem verraten. (Was ich hier jedoch tue, mit der großen Hoffnung, Lea erfahre nichts davon.) Ich bin immer noch der Meinung, dass ein Austritt aus der Klinik nicht unbedingt das Richtige ist. Aber vielleicht geht ja alles gut. Ich hoffe es sehr. Mit freundlichen Grüßen und großem Dank für Ihre Arbeit mit meiner Tochter.

Lea, im Februar 1978 geboren, war anders als ihre ältere Schwester, Lea war schweigsam, ruhig, stundenlang spielte sie allein mit ihren Puppen, mochte keine traurigen Märchen, Rumpelstilzchen, Hänsel und Gretel, sie litt mit jedem Wurm auf der Straße, genau wie ich, sie war ein einfaches Kind, lieb, keine Mitläuferin, sagt die Mutter.

Achtjährig wiederholte Lea die erste Klasse, Legasthenie, Dyskalkulie, POS in schwacher Form, Psychoorganisches Syndrom, Konzentrationsschwierigkeiten, Frau C. brachte Lea ins Nachbardorf zu einem Psychologen, Lea sollte malen, sie stieß Stecknadeln, die Spitzen nach oben, in ein Glas voller dicker gelber Fingerfarbe, strich die Farbe glatt, damit das Kind, das nach ihr malte, von der Falle nichts merkte und sich stach.

Eine Freundin bat Lea, in ihrem Poesiealbum zwei Seiten zu füllen, Lea zeichnete ein Pferd, so schön, dass weitere Freundinnen um das gleiche Pferd baten, ein braunes mit weißen Füßen, weißer Stirn, Lea setzte sich hin, fünf leere Alben vor sich, Lea konnte nicht zeichnen, Lea wollte nicht, irgendwann habe ich gemerkt, dass sie besonders ist.

Anders.

Ein Brief.

Die Vögel tzwitschern immer noch. Enten fliegen oben in der Luft vorbei und quaken dabei. Ich glaube, eine Ente ist es nicht. Oder meinst Du? Wieso schreibt man in Briefen das Du gross? Das mich schreibe ich klein. Man sieht hier durch die Gitter ein Langegg vom Himmel, 1 Meter auf 3 ca. ich liebe meine Briefe und ich liebe das Kiffen und hasse meine Komplexe. Das Flugzeug fährt vorbei und es tönt richtig berauschend. Summmmmsummmmsummmsummmm. Den Kugelschreiber höhre ich auch. Er tönt sehr schön. Abstrackt. Eine Melodie höhrt man während des Schreibens. Die Geräuschmelodie vom schreiben. Mit dem Kugelschreiber. Kugelschreiber.

Lea spielte Querflöte, sie begriff die Noten nicht, Lea musste eine Melodie nur einmal hören, um sie dann zu spielen. Sie quälte sich durch die Schule, schaffte dennoch den Gang in die Sekundar, bei einem Opernsänger lernte sie Gesang, in Mathe schlief Lea ein. Frau C. holte sie aus der öffentlichen Schule des Dorfes, an der sie selbst lehrte, schickte Lea nach Ebikon in die Privatschule Rey. 8. Januar 93, Zwischenzeugnis, Lea muss sich etwas mehr einsetzen, sie ist in allen meinen Fächern um eine halbe Note gesunken.

Eines Tages, auf dem Pausenplatz, brach sie zusammen, Lea zuckte, krampfte, schäumte, Epilepsie, vermutlich einmalig, sagte ein Arzt im Kantonsspital.

Damals, denkt Frau C. am Tisch in ihrer Stube, begann Lea zu kiffen.

Sie streichelt die Schachtel.

Liebe Mama, ich möchte, dass die Ärzte mein Gehirn ändern

Früher sammelte sie jeden Brief, jeden Zettel, den sie bekam oder schrieb, selbst die Karten, die Lea erhielt.

Guguseli Lea! In Rhodos ist es geil! Alle Kellner sind hübsch und das Wetter auch!

Im August 1994, 16 Jahre alt, wechselte Lea ans Töchterinstitut Marienburg in Wikon, von Nonnen geführt, 6.40 Tagwache mit Musik, 7.10 Frühstück, dann Zimmer ordnen, 8.00 Beginn der Schule, 16.30–18.00 Studium mit Aufsicht, 19.45–20.45 Studium, 20.45 jede Schülerin sucht ihr Zimmer auf, 21.00 Ruhe.

Lea, die Schrift klein und klar, hellblaue Tinte, schrieb ihrer Mutter, sie möchte, wenn sie das Internat bald hinter sich habe, zum Film, nicht als Schauspielerin, sondern als Maskenbildnerin oder als Kamerafrau.

Hunderte von Briefen sind in der Schachtel, vielleicht tausend, ohne Ordnung, ohne Logik.

Liebe Mama, ich dachte, die Ärzte könnten mein Gehirn ändern. Ich möchte, dass sie mein Gehirn ändern.

Im August 1995 begann Lea im Institut du Sacré-Cœur in Estavayer-le-Lac ein viertes Sekundarschuljahr. Application au travail: insuffisant, Ordre: insuffisant.

Irgendwann in jener Zeit, vor oder nach Estavayer, war Aufregung im Dorf. Wer bezahlte, konnte vom Arm eines Krans in die Tiefe springen, gehalten von einem Seil aus Gummi, und Lea, die mich nie um etwas bat, bat um Geld, damit man sie springen ließ, das einzige Mädchen im Dorf meine Lea, die nie wusste, was sie wollte.

Lea, 19 Jahre alt, blieb in der Westschweiz, La-Chaux-de-Fonds, sie arbeitete im Haus einer Familie, hütete deren Kind, putzte, kochte, Lea schrieb Briefe, schickte sie nie ab.

An diese Jahre erinnere ich mich schlecht, vieles habe ich verdrängt, irgendwann war Lea wieder zu Hause und nahm sich vor, eine Kunstgewerbeschule zu besuchen, sie ließ Unterlagen kommen, Luzern, Zürich, Bern, ließ sie liegen, bewarb sich nie, immer wieder reiste Lea nach Yverdon zu einem Freund oder Bekannten, den sie Ali nannte, Ali, immer nur Ali.

Am 3. August 1997 ertappte die Polizei, Dossier 199700261, Lea C. am Strand von Salavaux, Murtensee, mit einer Wasserpfeife und einem Gramm Cannabis, drei Wochen später begann sie ihre Arbeit im Istituto San Angelo, einem Heim für Lernbehinderte im Tessin, Castel San Pietro, wieder ein Jahr später, zur Überraschung ihrer Mutter, saß sie in der Handelsschule Frei in Luzern, August 1998, Lea war 20 und trug in jedem Ohr sechs Ringe.

Manchmal, die Schachtel vor sich, weint Frau C. am alten dunklen Tisch in ihrer Stube, Blumen darauf, eine Zeitung, ein Glas, gefüllt mit Wasser.

Bald verlasse ich die Klinik. Ich sollte nicht immer das eine Bein über das andere halten! In fünf Minuten ist es nun vier Uhr und ich habe Hunger. Ich werde etwas trinken gehen. Was soll ich blos bis fünf Uhr machen? Schildkrötenzeit. Was blos? Lesen mag ich nicht. Kiffen? Gekifft habe ich schon, ist mir aber nicht so fest eingefahren. Ali, ich vermisse dich. Nun werde ich fernseher schauen gehen.

Samstagabend, 17. Oktober 1998.

Lea war zwei Tage in Emmen gewesen, Reiki, This is to certify that Lea C. completed the first degree in the Usui System of Natural Healing, sie legte das Diplom, steifes gelbes Papier, auf einen Stuhl, ging rückwärts, wankte und zitterte, ging rückwärts, stolperte, setzte sich in den Hundekorb.

Was ist los?

Nichts.

Warum sitzt du im Hundekorb?

Weil ich muss.

Warum musst du?, fragte die Mutter.

Das darf ich dir nicht sagen.

Steh auf.

Lea stand auf, ging im Kreis, Lea sagte, sie könne jetzt heilen. Und die Aura eines Menschen sehen. Ob der ihr Böses wolle oder Gutes, Energie nähme oder gäbe.

Monate oder Jahre später erzählte sie mir, dass es ihr toter Vater war, der sie in den Hundekorb zog. Dass der tote Vater Lea riet, nicht mehr Tabak zu rauchen, nur noch Cannabis.

Jeden Morgen stand Lea C. früh auf, legte sich in die Badewanne, eine Stunde lang, fuhr dann nach Luzern, kam abends wieder und sagte, in der Schule laufe alles bestens, sie möchte viel lernen, Nachhilfeunterricht. Am Wochenende reiste sie nach Yverdon, 24. Oktober 1998, Lea besuchte Freunde, Frau C. lag längst im Bett, als die Polizei anrief, Gendarmerie Yverdon-les-Bains, ihre Tochter sei hier auf dem Posten, sie habe sich seltsam benommen, auffällig, Frau C. fuhr nach Yverdon, fast 200 Kilometer, holte Lea nach Hause ins Dorf.

Und Lea, die gern schwieg, hörte nicht zu reden auf, ich wollte Ali besuchen, aber der machte nicht auf, heute sei nicht der Moment, sagte Ali, die Tür zu öffnen, seine Freundin sei bei ihm, ich war dann unterwegs und zog durch die Beizen und heilte viele Leute, legte ihnen meine Hände auf oder lächelte sie nur an. Und irgendwann kam mir jemand entgegen, der schlechte Strahlen hatte, ich rannte los, warf die Jacke weg, ich zog alle Ringe aus den Ohren, schmiss sie ins Gebüsch, auch die Uhr, die du mir geliehen hast, Mama, auch die Schuhe zog ich aus, weil die Metallkappen haben. Weil Metall die Energie fehlleitet.

Jeden Morgen briet sie Tofu, drei Schnitzel, aß sie heiß, dann fuhr Lea nach Luzern, kam abends wieder, reiste am Freitag nach Yverdon, war am Samstag um zehn, weil Ali nicht öffnete, wieder im Dorf, Lea trank Aceto Balsamico aus der Flasche, saugte Senf aus der Tube.

"Ich rede mit Ali." – "Indem du Viva schaust?"

Frau C., schulterlanges Haar, lange schlanke Finger, 67, legt den Kopf in die Hand, kein Geräusch im Haus.

Gestern bin i fol abgstörzt met em Flogi. Das Flugzeug hate keine Flügel. Vollwitzig! Keine Flügel! Ja doch! Da stürzte es ab. Grossmutter war traurig.

Lea legte sich vor den Fernseher, stundenlang, schaute Viva.

Lea, was soll das?

Ich rede mit Ali.

Indem du Viva schaust?

Ja.

Lea!

Mama, das verstehst du nicht.

Was verstehe ich nicht?

Lass mich in Ruhe, Mama, kümmere du dich um deinen eigenen Scheiß.

Die Mutter, Lehrerin im Dorf, eilte zum Hausarzt, wieder war Lea nicht nach Hause gekommen. Samstag, 19. Dezember 1998, Frau C., bringen Sie Ihre Tochter hierher, möglichst bald.

Aber nur, wenn du mitkommst, Mama.

Am Nachmittag des 21. Dezember 1998, Montag, fuhren Lea und Frau C., begleitet von einer Freundin, nach Sankt Urban, Kantonale Psychiatrische Klinik.

Irgendwo verließen wir die Autobahn, ich weiß nicht mehr wo, und kamen an einem Laden vorbei, Lea saß hinten, sie sagte, sie habe Hunger, sie müsse essen, jetzt, sofort, wir hielten an, ich sagte, bitte hau nicht ab, und Lea ging in den Laden und kam mit einer kalten Fertigpizza wieder und mit einer Flasche Chili, sie schüttete das Chili auf die Pizza, aß und fraß.

Komisch, sagte Lea, die Leute in Sankt Urban wissen bereits, dass ich komme.

Wie meinst du das?

Da drin im Laden, da läuft das Radio. Und das hat gesagt, Lea C. ist auf dem Weg nach Sankt Urban.

Dann lass uns keine Zeit verlieren, sagte die Mutter.

Geschlossene Abteilung.

Frau C., sagte ein Arzt, bitte teilen Sie uns mit, was Sie über Ihre Tochter wissen.

Noch in der Nacht setzte sie sich an den Computer, weinte und sah die Tasten kaum, Lea läuft abends oft wie getrieben durch die Wohnung, plötzlich scheint sie etwas zu stoppen, herumzureißen. Oft heult sie laut heraus. Wenn ich sie dann frage, was sie bedrücke, sagt sie: Alles ist okay, ich weine aus Freude, weil es im Hirn klick gemacht hat. Gelegentlich kommt mir Lea gefühlslos vor, überhaupt nicht Lea, jemand ganz anderer. Sie lacht mich aus, wenn ich weine. Manchmal versucht sie, mir den gestreckten Finger in den Rücken zu stoßen, mir wehzutun. Oder dann lächelt sie wieder, unbeholfen, flackernd.

Frau C. greift in die Schachtel, liest, lacht leise, Ernährungsplan und Gewichtstabelle, C. Lea Alexandra Maria, 3710 g, 52 cm, Nabel weg.

Mein Wunschkind!

Abend für Abend reiste Frau C. nach Sankt Urban, 40 Minuten, und wartete vor einer gläsernen Tür bis jemand öffnete und sie zu Lea führte, sie saßen in Leas Zimmer, redeten, schwiegen, spazierten im Garten.

Einmal hörte ich jemanden schreien, eine Frau, sie schrie und schrie, Lea sagte, die ist in Isolation, da war ich auch schon drin, festgebunden auf ein Bett.

Lea sei, sagte ein Arzt, sehr intelligent, sie habe einen IQ von 142, ihre Krankheit sei anzusiedeln im schizophrenen Formenkreis, medikamentös gut behandelbar. Frau C. rettete sich ins Internet, kaufte Bücher, Broschüren. Die Schizophrenie ist eine rätselhafte Krankheit des Gehirns, die auf der ganzen Welt verbreitet ist. Ihre Ursache ist noch nicht geklärt. Ein Teil der Erkrankten erlebt eine einzige schizophrene Episode, ein anderer Teil geht durch Rückfälle hindurch und lernt, damit zu leben, ein dritter Teil hat einen schwereren Krankheitsverlauf und ist auf ständige Hilfe angewiesen, ich war mir so sicher, so absolut sicher, dass Lea zum ersten Drittel gehörte: einmal und nie wieder.

Frau C., es wäre für Ihre Tochter vielleicht besser, wenn Sie nicht täglich hierher kämen.

Liebe Lea, wenn ich heute schon nicht komme, schicke ich Dir diese Karte, vielleicht gefällt sie Dir. Liebe Lea, Du musst wissen, dass ich, wenn ich nicht gerade unterrichte, an Dich denke. So liebe Grüße wie nur möglich. Mama.

Diese ständigen Briefchen und Karten, dachte ich, bauten Lea eine Brücke zurück in die Wirklichkeit.

Sie wischt sich eine Träne aus dem Gesicht, schaut auf die Uhr, eigentlich sollte sie ins Bett.

An Wochenenden war Lea bei ihrer Mutter im Dorf

Eines Nachts, es war Winter, rief Lea an.

Mama, ich bin in Willisau.

Was machst du in Willisau?

Ich musste fliehen, Mama, ich friere, ich habe keine Jacke dabei.

Wo bist du?

In einer Telefonkabine, ich friere total.

Lea, schau dich um, siehst du irgendwo Licht, ein Restaurant, das noch offen ist.

Ich trau mich nicht aus der Kabine.

Schau dich um, siehst du ein Restaurant, das noch offen ist.

Dort drüben.

Wie heißt es?

Ich kann es nicht lesen.

Wie heißt es?

Mohren.

Renn los, warte im Mohren auf mich, ich komme.

Ich trau mich nicht.

Lea, es passiert dir nichts, mein Liebes, lauf rüber, ich hol dich, keine Angst, ich hol dich.

Lea saß allein an einem langen dunklen Tisch, mein Häufchen Elend, ich brachte sie zum Auto, legte eine Decke um sie, dann fuhren wir nach Hause, und Lea erzählte, es sei ihr keine Wahl geblieben, als aus der Klinik zu fliehen, denn eine andere Patientin, bevor man zu einem Spaziergang habe aufbrechen wollen, habe ihre, Leas, Schuhe gelobt, Lea, du hast so schöne Schuhe, Lea, du hast so schöne Schuhe.

Du hast doch schöne Schuhe, sagte Frau C.

Mama, du weißt nicht, was das bedeutet!

Dann erklär es mir.

Das heißt: Wenn du vom Spaziergang zurückkommst, bringe ich dich um.

Leponex 100 mg, eine Tablette am Morgen, eine mittags, drei am Abend.

An Wochenenden war Lea bei ihrer Mutter im Dorf.

Keine Freundinnen mehr.

Frau C., keine Kirchgängerin, fand im Bahnhof Luzern ein kleines Kreuz, darauf das Zeichen des Klosters Baldegg. Sie hob es aus dem Dreck, brachte es Tage später den Nonnen. Wir werden für Sie beten, sagte die Pförtnerin.

Und dann hörte ich mich sagen: Besser wäre, Sie alle, das ganze Kloster, beteten für mein Kind.

Was ist mit ihm?

24. Mai 1999. Sehr geehrter Herr W. Lea hat zurzeit große Mühe mit ihrem Essverhalten. Bei Ihnen, in St. Urban, scheint sie sich einigermaßen im Griff zu haben, hier aber ist sie überfordert. Sie isst Unmengen, verteilt über den ganzen Tag, vor allem aber nachts. Ihrer Schwester und mir gelingt es nicht, sie zu stoppen. Nach einem großen Essanfall bringt sich Lea zum Erbrechen, gestern Abend, heute Morgen. Ich bin sehr beunruhigt und möchte mich mit meiner großen Sorge ganz auf Sie verlassen können. Herr W., ich hoffe nicht, Sie denken jetzt, ich sei eine Anhäufung von Emotionen. Obwohl ich vermute, ich bin nahe dran ...

Im Sommer 1999, nach acht Monaten in der Psychiatrischen Klinik Sankt Urban, hörte Lea keine Stimmen mehr, keine Befehle aus dem Fernseher. Am 11. August zog sie in die Therapeutische Wohngemeinschaft Hofberg in Wil. Auf dem Bett lag eine Karte, Sommerfülle von Andreas Felger, Liebe Lea, wir freuen uns, dass du dich für einen Hofberg-Eintritt entschieden hast. Für deinen Aufenthalt wünschen wir dir einen glücklichen Start, alles Gute und zum Erreichen deiner Ziele viel Erfolg. 8.30–9.15 Frühstück, 9.15–9.30 Bewegung, 9.30–11.30 Garten.

Liebe Mama, habe ich Dir schon erzählt, dass hier eine Geiß ein Junges bekommen hat?

Lea verliebte sich in einen Betreuer, Lea war oft verliebt, Lea liebt gern.

Manchmal, wenn sie hier ist, schleicht sie am Morgen in mein Zimmer, legt sich neben mich und schweigt. Dann frage ich vielleicht, Lea, woran denkst du? Dann sagt sie, an ihn.

An wen?

An den, den ich heirate.

Endlich stehen wir auf, setzen uns hier an diesen Tisch, sie nimmt ihre Tabletten, trinkt ihren Saft, ich frage vielleicht, möchtest du zeichnen?, dann zeichnet sie, am liebsten große dicke nackte Frauen mit langem krausem Haar. Und irgendwann legt Lea sich aufs Sofa dort drüben, stützt sich mit fünf Kissen, liest vielleicht aus Der kleine Nick und die Schule oder hört Musik, seit Wochen die gleiche CD, The Living Road von Lhasa. Um sechs am Abend schluckt sie wieder ihre Tabletten, jede Pille kennt sie mit ihrem Namen, um halb sieben geht sie ins Bett und schläft unter dem Bild von Lars dem kleinen Eisbär, das kühle ihre Gedanken, sagt Lea, Lea hat das schönste Zimmer im Haus, mit Balkon, sie hat es, als wir hier einzogen, selbst gewählt.

Die Schizophrenie wird nie wieder weggehen

Im Juli 2000 ein Anruf aus Wil, Lea sei nicht länger tragbar in der Wohngemeinschaft, sie schreie herum, sei aggressiv, nehme ihre Medikamente nicht, stelle, wenn andere die Tagesschau schauten, den Fernseher ab.

Sankt Urban.

Lea drückte sich die Zigarette auf dem Handrücken aus, das war vielleicht meine schwierigste Zeit: zu merken, dass sie nicht zu jenen gehört, die nur einmal schizophren sind und nie wieder, sondern zu denen, die es immer sind, ihr Leben lang.

Ihr Leben lang.

Und mir ist klar, weint Frau C. am alten Tisch, Blumen darauf, das Glas, die Zeitung, die Schachtel, mir ist klar: Schuld an Leas Leben bin ich.

Ich wollte sie.

Wollte ein Schwesterchen für ihre Schwester.

Im September 2000 wechselte Lea zur Stiftung Märtplatz in Freienstein, begann eine Lehre als Schneiderin.

2. Oktober 2000. Sehr geehrter Herr J. Zu meinem großen Schrecken habe ich gestern, Sonntag, als Lea bei mir war, festgestellt, dass sie wieder Cannabis raucht. Dies ist jedoch, nach Aussage aller Ärzte, die bis anhin mit meiner Tochter zu tun hatten, für Lea sehr gefährlich, sozusagen DIE große Gefahr! Ich bin nicht ahnungslos in Sachen Cannabis, habe selber zusammen mit dem Freundeskreis von Leas Vater jahrelang geraucht. Leas Hirn jedoch reagiert überaus empfindlich darauf, sie verträgt es einfach nicht. Sie sagte mir, rund die Hälfte der Märtplätzler rauche. Und dass sie mit dem Theaterregisseur geraucht und philosophiert habe.

Sehr geehrte Frau C. Der Theaterregisseur ist längst wieder dort, wo er hergekommen ist. Was den Cannabiskonsum der übrigen Märtplätzler betrifft, so ist das ein Problem, mit dem Lea überall konfrontiert ist und es auch weiterhin sein wird.

Am Mittwoch, 13. Dezember 2000, schnitt sich Lea am linken Arm Adern und Sehnen durch.

Spital Bülach.

Sankt Urban.

Ich war nie wütend auf sie.

Ich freue mich, wenn Lea kommt, jedes zweite Wochenende, ihre Tabletten im Gepäck, ich bin traurig, wenn sie geht. Neulich waren wir am See, Lea und ich, Leute kamen uns entgegen, und Lea sagte, was sie seit vielen Jahren nicht mehr gesagt hatte: Grüezi.

Dass man sich so freuen kann, wenn die Tochter Grüezi sagt.

Verein für Sozialpsychiatrie Zürcher Unterland, Juli 2001.

Solian 100 mg/Tag.

Fluctine.

Lea begann in der Stiftung Märtplatz eine Töpferlehre, zuerst lernte sie mit Lust, dann schmierte sie dem Lehrmeister Töpferton ins Haar, wollte sich aus dem Fenster stürzen.

Neulich fragte sie, Mama, wie stellt man es an, nicht verrückt zu werden?

Klinik Hard, Embrach, geschlossene Abteilung, Station 3/2, Verlaufsblatt 3, 29. Oktober 2002. Wieder, fast täglich, schickte Frau C. Briefe und Karten, Kopf hoch, Lea, ich denke immer an dich!

Am 6. Juli 2004 war Lea in der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, sie riss aus, floh nach Luzern, die Polizei brachte sie zurück, ich besuchte Lea so oft, wie ich durfte, wir gingen spazieren, selbst wenn es regnete, Arm in Arm gingen wir übers Gelände und sahen Tiere, Schafe, einmal sogar zwei Rehe, einen Fuchs, wir fotografierten, was uns gefiel, Baumrinden, die Wolken, Moose, das Straßenpflaster, dann fuhr ich im Zug nach Hause und heulte vor mich hin, lange her.

Frau C. zieht ein Papier aus der Schachtel, Kinderschrift, sie liest und schnaubt, Wie geht’s, wie steht’s? Mir geht’s super. Ich mache dieses Jahr wieder eine Geburtstagsparty und lade Dich ein. Du findest im Couvert die Einladung. Wenn Du sie ausmalst und zur Party mitbringst, bekommen die schönsten Drei einen Preis.

Da war Lea vielleicht elf oder zwölf.

Nun ist sie 36 und so kindlich wie damals, manchmal kommt es mir vor, als erzöge ich Lea ein zweites Mal, sie sitzt hier am Tisch und wartet, bis es zu essen gibt, nie kommt ihr in den Sinn, den Tisch zu decken, ihn abzudecken, sie sitzt und wartet und isst.

Sie musste sich entscheiden – Freund oder Tochter

Lea sitzt und wartet.

Lea, bitte wasch dir die Hände.

Lea, bitte stell die Musik leiser.

Lea, bist du traurig?

Nein, ich überlege nur.

Was denn?

So Zeugs.

Einmal fragte jemand, wie es sei, seine Tochter zu verlieren.

Ich verstand die Frage nicht.

Wie es sei, wenn einem das eigene Kind abhandenkommt, Stück für Stück.

Diese Frage!

Lea ist Lea.

Im Sommer 2006 zog Lea C., weil sie nur dort einen Platz fand, ins Alters- und Pflegeheim von L., Zürcher Oberland, sie war die Jüngste im Haus und plapperte am liebsten mit einer Serbin, deren Sprache sie nicht verstand, Lea, ständig müde, immer schwerer, setzte sich vor den Fernseher, die Bedienung in der Hand, und ließ nicht zu, dass jemand schaute, was ihr nicht passte. Am anderen Dorfrand war ein Heim für Asylbewerber, einer gefiel ihr sehr, Lea wollte heiraten, aber sie weiß nicht, aus welchem Land er kommt.

Frau C. verließ das Dorf, Herbst 2008, und zog an einen Ort, den Lea, wenn sie alle zwei Wochen nach Hause kommt, ohne Hilfe erreicht. Die Mutter hatte nun einen Freund, der manchmal neben ihr schlief, an Silvester stand er in der Küche und kochte, Kürbissuppe, Gulasch, Bratkartoffeln, Gemüse, Salat, aber Lea hatte Hunger, Lea wollte sofort essen, sie griff in seine Töpfe, Lea, lass das sein, sie griff in seine Töpfe, lass das bitte sein, Lea, verdammt noch mal, und ich stand dazwischen, zwischen ihm und ihr, zwischen Mann und Tochter, Lea lärmte, Du bist ein Arschloch, ein Riesenarschloch, du störst hier nur, hau ab, der Mann zog die Schürze aus und ging, aber ich konnte ja nicht wählen, Lea ist meine Tochter.

Mama, was muss man denken, um nicht verrückt zu werden?

Im Advent 2009 zeichnete Lea jeden Tag eine Kerze auf weißen leichten Karton, jeden Tag schickte sie das Bild ihrer Mutter, adressiert an Mama C., Kährweg 3, Liebe Dich viel, Lea, Liebe Dich viel, Lea, Liebe Dich viel, Lea, vierundzwanzig Mal bis Weihnachten.

Von neun bis zwölf, Montag, Mittwoch, Freitag, packt sie zehn Haargummi in eine Tüte aus Plastik, verschließt die Tüte mit einer Klammer, klebt darauf ein Etikett, sie sei, meint Lea, die Schnellste, schneller noch als A., mit der sie das Zimmer teilt, die jetzt einen kleinen Kühlschrank hat, den Lea nicht berühren darf, ist ihr doch egal.

Frau C., die breite braune Schachtel vor sich, lacht leise.

Neulich spazierten sie am See, die Mutter und ihre zweite Tochter, Leute kamen entgegen, und Lea sagte, was sie seit Jahren nicht mehr gesagt hatte: Grüezi. Frau C. schwieg, wagte Lea nicht zu fragen, weshalb sie nun plötzlich grüße.

Und dann.

Vielleicht das Schönste.

Dann gingen wir nach Hause, Arm in Arm, Samstag, 4. Januar 2014, und Lea, meine große dicke Kleine, setzte ihren Fuß tapfer und mutig auf den Deckel eines Straßenschachts.

Auf den Deckel eines Straßenschachts.

Wo bis anhin, 16 Jahre lang, der Teufel gewohnt hatte.

Hallo liebe Mama, in einer Stunde bekomme ich Besuch von meiner Mama.