DIE ZEIT: Herr Widmark, wo ist die Lesefreude der Schweden hin? Ihr Land kam beim letzten internationalen Pisa-Vergleich im Lesen nur noch auf Platz 25!

Martin Widmark: Fragen Sie doch mal Ihre Freunde, wie oft sie ein Buch in der Hand haben. In meinem Freundeskreis haben alle geantwortet: Stimmt, ich lese deutlich seltener als noch vor fünf Jahren. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Kinder das von uns Erwachsenen übernehmen. Es hat sich gesellschaftlich etwas verändert: Wir lesen alle weniger.

ZEIT: Haben die letzten Pisa-Ergebnisse Sie also nicht überrascht?

Widmark: Nein, wir hatten unseren Pisa-Schock 2011. Es war klar, dass wir erst einmal noch schlechter werden würden.

ZEIT: Sie selbst haben nun ein Jahr lang nicht mehr an Ihren Kinderbüchern gearbeitet und in dieser Zeit ein Leseprojekt für schwedische Schüler vorbereitet. Was genau planen Sie?

Widmark: Mein Projekt heißt en läsande klass, auf Deutsch "eine lesende Klasse". Ich habe ein Team zusammengestellt, das eine Art Regelwerk zum besseren Leseverständnis erarbeitet hat. Damit gehen wir in alle 7.500 Schulen in Schweden, die Kinder von der ersten bis zur sechsten Klasse unterrichten.

ZEIT: Was genau bekommen die Schulen?

Widmark: Jede Schule erhält im April ein Buch mit ganz praktischen Hinweisen und Anleitungen, wie Lehrer ihren Leseunterricht gestalten können. Begleitend dazu haben wir eine Website eingerichtet, auf der sie kostenlos Hunderte von Texten herunterladen können. Dafür habe ich alle Verlage, viele Kinderbuchautoren und Illustratoren in Schweden zusammengetrommelt, die uns ihre Werke zur Verfügung stellen.

ZEIT: Sie erklären den Lehrern, wie sie unterrichten sollen? Fühlen die sich nicht auf die Füße getreten?

Widmark: Sie sind ein wenig überrascht – aber positiv. Ich kritisiere ja niemanden, und vor allem möchte ich kein Lese-Jesus werden. Ich habe dieses Projekt ins Leben gerufen, weil ich beobachtet habe, dass in den Schulen niemand weiß, wie man das Leseverständnis verbessern kann. Ich war früher selbst Lehrer und habe es auch erst jetzt gelernt.

ZEIT: Warum lernen die Lehrer das nicht in ihrer Ausbildung?

Widmark: Sie lernen zu wenig oder nur einen kleinen Teil. Es sind jedenfalls nicht nur neue Erkenntnisse, auf die wir uns beziehen. Da sind Studien aus den 1980er Jahren dabei. Aber das Wissen ist eingesperrt. Die Schulbuchverlage haben es, aber sie geben es nicht kostenlos heraus. Die wollen Lernanleitungen verkaufen. Und die Wissenschaft kennt sich natürlich auch aus, aber es gibt nicht genug Verbindungen von der Leseforschung zur Lehrerausbildung. Das holen wir nach. Ich will das Wissen in die Schulen bringen – es soll sich wie ein Virus unter den Lehrern verbreiten.

ZEIT: Nun sind wir gespannt: Was sind denn die Empfehlungen?

Widmark: Wichtig ist zunächst, dass nicht mehr und mehr gelesen wird, sondern dass die Kinder über die Texte sprechen und sie diskutieren. Nur dann setzt ein Verständnis ein. Man kann es herunterbrechen auf fünf aufeinander aufbauende Strategien. 1. Voraussagen: Worum wird es in dem Text gehen? 2. Zusammenfassen: In eigenen Worten die Handlung wiedergeben. 3. Bei neuen Wörtern eine Pause einlegen und versuchen, die Bedeutung aus dem Kontext zu erschließen. 4. Fragen stellen: Warum wirft sich der Junge weinend auf den Boden? 5. Die Geschichten lebendig werden lassen. Wie riecht wohl das Gras? Wie sieht das Haus aus?

ZEIT: Das klingt jetzt aber sehr simpel ...

Widmark: Ja, die fünf Strategien sind fast beschämend einfach. Erfahrene Leser tun all das automatisch, aber Kinder müssen es erst lernen.

ZEIT: Hören Sie gar keine Kritik?

Widmark: Natürlich sorgen sich manche, wer sich da in die staatlichen Schulen einmischt. Es macht einige Leute etwas nervös, weil ich außerhalb jeder staatlichen Kontrolle agiere. Aber ich sage allen, dass der Staat mich liebend gern einstellen und für diese Arbeit bezahlen darf. Doch wenn er es nicht tut, mache ich trotzdem weiter.

ZEIT: Sie haben bis vor fünf Jahren selbst unterrichtet. Haben die Kinder damals besser gelesen?

Widmark: Ich glaube, sie waren geduldiger. Sie haben sich hingesetzt und eine halbe Stunde am Stück gelesen. Es war viel ruhiger in den Klassen.

ZEIT: Wie haben Sie damals gearbeitet?

Widmark: Die Kinder haben ein Buch gelesen, eine Erörterung dazu geschrieben und sie ihren Mitschülern vorgestellt. Die fünf Strategien, die wir jetzt verbreiten wollen, kannte ich damals jedenfalls nicht.