Brad Pitt und Angelina Jolie während ihrer Ankunft zur Verleihung der Brit Awards, am 16. Februar 2014 in London © Luke Mac Gregor/Reuters

Marcus, der Marathonläufer aus Mainz, will in unseren Einkaufswagen. Holger, der Klassikliebhaber aus Leuna, auch. Und Charly, der Motorradfahrer aus Jena, hofft ebenfalls auf einen Platz. Wo soll das enden? Vor ein paar Stunden haben wir, zwei ZEIT-Autorinnen, uns in das Dating-Portal "Shop a Man" eingeloggt. Wir haben uns mit Foto und Echtnamen angemeldet, seitdem werden uns Männer angeboten wie Biersorten im Supermarkt. In unseren Postfächern gehen Dutzende Mails ein mit der Nachricht: "Ein neues Produkt hat sich Dir vorgestellt".

Die Produkte sind Männer. Wir können Sie sehen in der Fotogalerie des Portals. Neben den Bildern steht eine Tabelle, die uns unter der Überschrift "Marktwert" über den Anklang informiert, den sie bei der Kundschaft finden. Der Marktwert hängt davon ab, wie viele Frauen sich das Profil der Männer im Detail angesehen haben, wie viele danach das "Like"-Zeichen anklickten und wie viele davon tatsächlich zuletzt "shoppen" gingen, das heißt: den Mann kennenlernen wollten. Bei Shop a Man können nur Frauen Kundinnen werden.

Auch wir könnten jetzt Charly oder Holger in unseren virtuellen Einkaufswagen packen. "Entscheide, ob er ein Must-have ist oder nur ein Ladenhüter", fordert man uns auf.

Während wir die Männergalerie checken, werden wir laufend über unsere eigene Attraktivität informiert. "34 Prozent der Frauen haben einen höheren Marktwert als Du", erfährt eine von uns. Ist das jetzt ein Kompliment? Wir beschließen, dass Holger, Marcus und Charly ohne uns glücklich werden müssen.

Ein Besuch bei Shop a Man fühlt sich an wie ein Gastauftritt in einer Satireshow, unwirklich und schrill. Doch Marcus und Holger gibt es tatsächlich. Und die Liebe, das lehren zumindest ganz unterschiedliche soziologische Untersuchungen, funktioniert teilweise wie ein Markt, mit Rankings nach den Gesetzen des Kapitalismus. "Menschen wägen Alternativen ab und sind sich ihres Tauschwertes stets bewusst", sagt der Familiensoziologe Norbert Schneider, Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. Die israelische Soziologin Eva Illouz hat für diese Entwicklung den Begriff des "emotionalen Kapitalismus" erfunden. Ihr großes Thema ist, wie sich die Grenzen zwischen Business und Privatleben auflösen. Waren werden mit emotionalen Botschaften verkauft, Paare handeln nach ökonomischen Gesetzen. Sie vermarkten sich und kalkulieren den eigenen Nutzen und den des anderen härter denn je.

Unter Soziologen und Ökonomen, die sich mit Partnerschaften beschäftigen, ist unbestritten, dass Geld, Besitz und Status für Bindungen nach wie vor eine große Rolle spielen – auch wenn frisch Verliebte sich das oft nicht eingestehen. Nichts senkt das Scheidungsrisiko so sehr wie gemeinsamer Immobilienbesitz, hat der Kölner Soziologe Michael Wagner festgestellt: Selbst Paare mit gemeinsamen Kindern trennen sich öfter als Männer und Frauen, die sich Häuser oder Eigentumswohnungen teilen.

Dabei war die Freiheit, ohne gesellschaftlichen und ökonomischen Druck einen Partner zu wählen, nie so groß wie heute. Jahrhundertelang wurden Ehen ganz selbstverständlich allein aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen. Man heiratete so, dass die Höfe der Eltern zusammenpassten oder ein Geschäft erfolgreich weitergeführt werden konnte. Männer suchten sich ihre Bräute nach deren Mitgift aus, Frauen hielten Ausschau nach einem Familienernährer. Geld und Liebe ist eigentlich ein Begriffspaar aus Romanen versunkener Zeiten, als Frauen sich für die gute Partie entscheiden mussten anstatt für das große Gefühl. Das war Stoff für die ganz großen Dramen im alten Europa.

Karrierefrauen leben oft allein – doch das wird sich ändern

Mittlerweile leben 39 Prozent der Frauen in Deutschland vor allem vom eigenen Einkommen. Die Frauenerwerbstätigkeit wächst von Jahr zu Jahr. In sechs Bundesländern sind schon mehr Frauen als Männer berufstätig. In einer von vier Familien ist die Frau die Haupternährerin. Zwar sind die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen in Deutschland noch besonders groß, daran werden in dieser Woche die Frauengruppen am Equal Pay Day erinnern. Aber die meisten Frauen müssten bei der Wahl ihrer Männer eigentlich längst nicht mehr an Geld denken. Auch für die Männer nimmt der ökonomische Druck bei der Partnerwahl ab, weil sie seltener als früher Familien ganz allein ernähren müssen.