Das schweizerische Städtchen Solothurn übergießt seine Besucher mit zuckrig-barocker Schönheit, der Fluss Aare fließt in bläulicher Klarheit gemächlich durch die Innenstadt, ein paar Schwäne gleiten von Ufer zu Ufer. Man mag nicht so recht glauben, dass gerade an diesem Ort der schrillbunten Geschichte der Hippiedroge LSD das wichtigste Kapitel seit Jahrzehnten hinzugefügt werden soll. Dabei beginnt die Geschichte von LSD in ebendieser schweizerischen Beschaulichkeit mit dem Chemiker Albert Hofmann, der an Naturstoffen forschte. Die Substanz versetzte die Welt in Aufruhr und prägte ein ganzes Jahrzehnt. Dass mit Peter Gasser ausgerechnet ein Mann dieses Erbe fortführt, der mit jedem Wort, jeder Geste bürgerliche Seriosität vermittelt, passt wieder ins Bild.

Gasser leitete eine Studie, die wenig Überraschendes ans Licht brachte und doch eine Sensation ist – allein weil es sie gibt. Sie ist die erste Untersuchung zu LSD-gestützter Psychotherapie seit mehr als 40 Jahren.

1973 war es zum letzten Mal einem Therapeuten erlaubt, Patienten mit LSD zu behandeln. Schon 1966 hatte die US-Regierung den Stoff verboten und damit auf die Hippiebewegung reagiert, in rascher Folge stuften auch andere Länder die Substanz als illegal ein, in Deutschland ist sie seit 1971 "nicht verkehrsfähig". Selbst für die Forschung ist LSD seitdem nur extrem schwer zugänglich. Wissenschaftler konnten das Experimentierfeld kaum mehr betreten – und wenn sie es taten, setzten sie ihren Ruf aufs Spiel. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Nur langsam wandelt sich die Einstellung, vorsichtig beginnen einige Wissenschaftler mit der Droge zu arbeiten. So wie Peter Gasser, der mit einem Lächeln in das Wartezimmer seiner Praxis kommt und seinem Besucher den Vortritt in den Therapieraum lässt.

Therapie gegen Todesangst

In diesem lichten Zimmer hat Gasser, kurze Haare, sanfte Stimme, tiefe Lachfalten um die Augen, auch die zwölf Patienten zur LSD-Therapie empfangen. Die Männer und Frauen waren an Krebs erkrankt, Endstadium, fünf von ihnen sind mittlerweile gestorben. Alle kämpften mit starken Angstzuständen. LSD sollte ihnen helfen, mehr Gelassenheit im Angesicht des nahenden Todes zu erlangen, ihre Ängste besser zu bewältigen. "Wie gehe ich mit der Endlichkeit des Lebens um? Was will ich mit der verbleibenden Zeit anfangen, wen will ich treffen, wen meiden? Solche Fragen sind am Ende wichtiger als die Angst vor dem Tod", sagt Peter Gasser. Freunde hätten ihn vor der Arbeit mit Todkranken gewarnt. Am Ende sei er überrascht gewesen, dass die Arbeit mit den Patienten lebensbejahend und nicht von der Nähe vom Tod geprägt gewesen sei, erzählt der Psychotherapeut.

LSD wurde ursprünglich von der Pharmafirma Sandoz (gehört heute zu Novartis) für die medizinische Forschung entwickelt. Die Abkürzung steht für Lysergsäurediethylamid, dessen Grundform Lysergsäure im Mutterkornpilz vorkommt, einem Getreideparasiten. Chemisch gehört es zu den Alkaloiden. In seiner heutigen Form wurde es 1943 von Albert Hofmann entdeckt, der damit die stärkste Bewusstseinsdroge unserer Zeit fand. Berühmt wurde die Substanz in den sechziger Jahren als psychischer Katalysator der Hippiebewegung. Schon in geringen Dosen ruft es bei den Konsumenten veränderte Sinneseindrücke hervor. LSD beeinträchtigt nicht das Erinnerungsvermögen, während des Trips ist sich der Nutzer darüber im Klaren, was sein Erleben verändert. Für Forscher ist der Rausch interessant, weil er Merkmale einer Psychose simuliert. Deshalb kann die Untersuchung eines LSD-Trips Aufschlüsse darüber geben, was in Patienten mit psychischen Störungen vor sich geht.

Gasser interessiert etwas anderes: Für die Therapiestudie gab er seinen Patienten innerhalb von drei Monaten je zweimal LSD, Gasser bereitete sie auf den Trip vor und wertete die Erfahrungen in mehreren Sitzungen mit ihnen aus. Die Droge hebt Filter im Hirn auf, die vor einer Überflutung mit Sinneseindrücken schützen, und bewirkt eine Verschmelzung von innerem Bewusstsein und äußerer Welt. Darin liegt für Fachleute die mögliche Kraft der Substanz. Manche LSD-Konsumenten haben Einheitserfahrungen: Sie sehen sich selbst von außen und im Kontext mit der Welt, die sie umgibt. Andere erleben spirituelle Erleuchtung.

Meditative Musik zum Rauschbeginn

Gassers Patienten sollten davon profitieren. Zusammen mit einem Co-Therapeuten begleitete er die Patienten am Tag der LSD-Einnahme. Jeder bekam die Droge in einer Einzelsitzung. Die Wirkung setzte nach zwanzig bis dreißig Minuten ein und hielt rund zehn Stunden an. "Wichtig ist der Übergang in den Rausch", sagt Gasser, der dazu leise meditative Musik spielte und störende Einflüsse von den Patienten fernzuhalten versucht.