Um 0.45 Uhr ist es so weit. Da ist im The Peel auch die zweite Show der rustikalen Dragqueens vorbei – dreier mittelalter Transen mit scharfen Paillettengewändern, von denen Klaus, der Meeresbiologe, schwärmte, mit dem Glitzerzeug als Blinker könnte man einen ganzen Schwarm Forellen anlocken. Mary, die Irin, ist schon wieder woanders, nachdem sie im Raucher-Innenhof gelallt hat, wie toll dieser Schwulenclub sei, und das in einem so harten Akzent, dass Patrick, der Australier, mir nur zugeraunt hat: "Einfach nicken." Rihanna, Katy Perry, alle sind sie abgespielt. Und jetzt kommt endlich, wofür ich hier bin – die neue Single von Kylie.

Man kann gut feiern in Melbourne, der zweitgrößten australischen Stadt. Was mich hergebracht hat, ist Sehnsucht. Sehnsucht nach Kylie Minogue, 70 Millionen verkaufte Platten, Grammy-Gewinnerin, berühmteste Tochter der Stadt. Sie hat mein Teenager- und Erwachsenenleben so penetrant begleitet, dass mich, in den Worten einiger Freunde, eine "völlig verkorkste Bewunderung" mit ihr verbindet. Schulfete, Coming-out, Club-Marathon: Kylie gehörte dazu. Pop-Kylie, Indie-Kylie, Dance-Kylie: Ich habe all ihre Verwandlungen mitgelebt.

Ihr Hedonismus war immer spaßiger als der von Madonna, nie so bierernst, sondern eher mit einem Klaps auf den Po. Spätestens im Jahr 2000 überzeugte sie mit Spinning Around auch den letzten Kritiker von ihrem Talent, hochwertige Disco-Unterhaltung in schlüpfriger Garderobe zu singen. Was bei Schwulen gut ankommt. Jetzt will ich versuchen, ihr in ihrer Heimat noch näher zu kommen. Aber das ist gar nicht so leicht.

Tags zuvor, am Schalter des Thementour-Unternehmens: "Riesenfan?", fragt die Frau, als sie mir ein Ticket in die Hand drückt. Ich murmele: "Noch nicht." Thema der Tour ist ja nicht Kylie, sondern die Seifenoper Neighbours. Bis vor Kurzem wusste ich nicht mal, dass es sie nach fast 7.000 Folgen immer noch gibt. Mit ihr hat damals, noch vor der Musik, Kylies Karriere begonnen. In der Serie war sie Charlene, die schöne junge Automechanikerin.

Pünktlich um elf Uhr sitzen 19 Fans in dem Van mit der knalligen Neighbours- Aufschrift, nur ein Platz ist frei, ein Drittel der Leute ist über 40, der Rest erstaunlich jung. Natürlich sind auch vier schwule Londoner darunter. Ein älterer Herr aus England, grauer Bart, Crocodile-Dundee-Hut, klärt Fakten ab ("Was ist da noch mal genau passiert?"). Natalie, unsere Fahrerin, ist Mitte 30, trägt sandfarbene Wanderschuhe und eine Dreiviertelhose. Mit ihr könnte ich mir gut eine Reise ins Outback vorstellen, so patent wirkt sie. Allerdings fahren wir nur 20 Kilometer auf der Autobahn an den östlichen Stadtrand – nach Nunawading, wo die örtlichen Filmstudios liegen.

Kylie-Minogue-Fans bei der "Neighbours"-Tour © Ulf Lippitz

Nach mehreren erfolglosen Versuchen, das Bordmikrofon anzustellen, schreit Natalie einfach ein paar Eckdaten zum bisherigen Geschehen in der fiktiven Vorstadt Erinborough nach hinten: "In 28 Jahren gab es 14 Fälle von Amnesie, 14-mal lag jemand im Koma, es litten mehr Menschen an zeitweiliger Erblindung als tatsächlich im gesamten Großraum Melbourne." Ein Wunder, dass Kylie all das heil überstanden hat. Im Bus läuft ein Fernseher mit Szenen aus jener Zeit. Mein Gott, Kylies aufgedonnerte Haare! Sofort fällt mir ein Song von ihr ein, Step Back In Time.

Ich spreche mit Mary aus Brisbane, die ihrer Tochter den Tourausflug zum 13. Geburtstag spendiert hat, um die gemeinsame Serienleidenschaft zu feiern. "Als Kylie damals mitspielte, durfte ich Neighbours noch nicht sehen", sagt sie. "Charlene war meinen Eltern zu rebellisch." Mary schaute trotzdem, heimlich: wie die 18-Jährige ihre Mutter terrorisierte und mit dem Nachbarsjungen schlief. Allzu rebellisch war Charlene dann am Ende doch nicht: Binnen eines Jahres heiratete sie den Geliebten (gespielt von Kylies damaligem Freund Jason Donovan). Die Hochzeits-Episode hält bis heute den Einschaltquoten-Rekord der Serie.