Deutschland ist eine der inklusivsten und einwanderungsfreundlichsten Gesellschaften Europas. Und trotzdem beäugen sich auch hier Bürger mit und ohne Migrationshintergrund oft noch skeptisch. Einige sagen, dass eine Abstimmung wie kürzlich in der Schweiz in Deutschland noch eindeutiger ausfallen würde – und zwar gegen "Massenzuwanderung".

Zuletzt zeigte die Debatte über Zuwanderung aus Südosteuropa, dass wir auch 2014 eine Grundfrage noch nicht klar beantwortet haben: Wollen wir Zuwanderung – oder akzeptieren wir sie nur? Dabei läuft es doch ganz gut. Warum mangelt es in Deutschland an einem emotionalen Zusammenhalt, der Vertrauen zwischen Alt- und Neudeutschen stiften könnte?

Deutschland ist, wenn wir ehrlich sind, nach 50 Jahren Integrationsdebatte immer noch in zwei Lager gespalten. Das eine, nennen wir es das rechtskonservative, will Einwanderung nur dann, wenn sie ökonomisch zweckmäßig ist, und hängt im Grunde noch immer der Idee der "Leitkultur" an. Das andere Lager, nennen wir es das linksliberale, begrüßt Zuwanderung schlechthin, verteidigt den "Multikulturalismus" und verdächtigt die andere Seite des Rassismus. Beide Denkweisen sollten wir langsam überwinden, denn sie verkennen die Realität.

Was wir brauchen, ist eine neue Vorstellung von deutscher Identität. Denn davon hängt ab, wer als zugehörig, als begrüßenswert anerkannt wird. Es geht also weder um Leitkultur noch um Multikulturalismus, sondern um eine Anerkennungskultur.

Deutschland hat einige Erfolgsgeschichten: das Wirtschaftswunder, die deutsche Außenpolitik, sportliche Erfolge, die Wiedervereinigung, den sozialen Frieden, die starke Exportwirtschaft. Wer seinen Teil beigetragen hat, gilt als anerkannt und somit als zugehörig. Umgekehrt werden Menschen, genauer: Zuwanderer, die diese Erfolgsgeschichten angeblich bedrohen, als regelrecht schädlich gebrandmarkt.

Die Fakten sind aber ganz andere: Die rund 20 Millionen in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund sind bestens in den Arbeitsmarkt integriert. Lohnunterschiede und Arbeitslosenquoten zwischen Alt- und Neudeutschen sind messbar, aber marginal. Vergleicht man diese Zahlen mit denen anderer europäischer Staaten, kann man die hierzulande so erfolgreiche Arbeitsmarktintegration noch deutlicher erkennen.

Das ist umso beeindruckender, wenn man sich die Bildungsnachteile vor Augen führt, die Neudeutsche überwinden müssen: Es war nicht Teil der deutschen Gastarbeiterpolitik, Zuwanderer und deren Kinder in das Ausbildungssystem zu integrieren. Und auch heute tut sich unser Bildungssystem schwer, Kindern aus Arbeiter- und Angestelltenfamilien das Mehr an Förderung zukommen zu lassen, das Akademikerkinder "von Haus aus" mitbekommen.

Da die "neuen" Deutschen vor allem aus Arbeiter- und Angestelltenfamilien kommen, weist ihre gute Arbeitsmarktintegration darauf hin, dass sie die Schwächen unseres Ausbildungssystems durch beachtliches Eigenengagement ausgeglichen haben. Sie müssen für die gleichen Noten und Zeugnisse härter büffeln als viele ihrer Mitschüler aus Akademikerfamilien. Ihre ganz persönlichen Erfolgsgeschichten basieren somit auf den sprichwörtlichen deutschen Tugenden, die Deutschlands konservatives Wertefundament ausmachen: Fleiß, Eigenverantwortung und Leistungsbereitschaft. Gerade hier verdienen die "neuen" Deutschen größte Anerkennung; viele von ihnen sind deutscher als die "alten" Deutschen!

Beide Lager kurzum, das rechtskonservative und das linksliberale, könnten die Erfolge der Einwanderung als eigene Erfolge feiern. Die Rechtskonservativen sollten sich über die hervorragende Integration von Einwanderern in den Arbeitsmarkt freuen und darüber, dass es kaum messbare Anzeichen von "Parallelgesellschaften" gibt. Genauso sollten Linksliberale anerkennen, dass Deutschland seit gut einem Jahrzehnt eine weitestgehend liberale Integrations- und Zuwanderungspolitik betreibt. Und wo sind die großen rechtspopulistischen Anti-Multikulturalismus-Parteien? Sie spielen derzeit keine Rolle. Die "alten" Deutschen akzeptieren die "neuen" als gleichberechtigte Mitbürger.