Wie viel Güter brauchen wir? Einkäufer im Dezember 2011 in München © Frank Leonhardt/dpa

Das Zimmer ist karg wie eine Gefängniszelle: eine Matratze auf dem Boden, ein Tisch mit einem Stuhl, eine Kleiderstange, ein paar Klamotten. Der Laptop fällt auf, wahrscheinlich hat er mehr gekostet als all die anderen Sachen zusammen. Sebastian Michel, 24 Jahre alt, fühlt sich wohl in seinem winzigen WG-Zimmer. "Es ist alles da, was ich brauche", sagt er stolz. Michel besitzt wenige Dinge, aber nicht aus finanzieller Not, sondern aus Überzeugung.

Früher sahen sein Leben und sein Zimmer anders aus. Als er bei seinen Eltern auszog, nahm er alles mit in seine Berliner Wohnung. Regale vollgestopft mit Büchern, CDs, DVDs, den riesigen Kleiderschrank, Kleinkram. Dann geriet Michel in eine existenzielle Krise: Ein schwerer Krankheitsfall in der Familie und die Frage, wie das Leben in zehn Jahren aussehen wird, trieben ihn um. Ausbildung, Karriere, Auto, ein Haus, das sich mit Sachen füllt und abbezahlt werden muss – so kannte er es von seinen Eltern. Aber das wollte er nicht. Die Vorstellung, ein Leben lang zu arbeiten, um Besitz und Statussymbole anzuhäufen, deprimierte ihn. Deshalb wagte er vor zweieinhalb Jahren einen Neustart.

Michel räumte alles, was er besaß, in Kisten und verschenkte den Großteil. Bis nur noch das Nötigste übrig war. Er sortierte sogar im Freundeskreis aus. "Wer ist wichtig, auf wen kann ich verzichten?" Er hatte das Gefühl, mit jedem Gegenstand weniger den Überblick über sein Leben zurückzugewinnen. Michel fastete sogar eine Zeit lang. Er hielt Diät, in jeder Hinsicht.

Verzichten – das beschäftigt viele Menschen, gerade in der Fastenzeit. Allerdings geht das, was Michel macht, darüber hinaus. Er fastet sozusagen dauerhaft. Und er ist keineswegs der Einzige, dem es so geht. Derzeit entdecken viele Menschen diese Haltung für sich. Minimalismus nennt sich die Bewegung. Auffallend viele junge und internetaffine Menschen hängen ihr an. Sie empfinden Besitz als belastend und suchen ihr Glück im Weniger. Weniger Konsum, weniger Eigentum, und damit oft verbunden: weniger arbeiten müssen. Minimalisten suchen das einfache, gute Leben, das überschaubar ist und bei dem sie flexibel bleiben. Nur Smartphone und Laptop – und damit der Zugang zur digitalen Welt – sind für die meisten unverzichtbar.

Zu den Vorreitern gehören US-Amerikaner wie Kelly Sutton mit seinem Blog The Cult of Less (Der Kult des Weniger) oder Joshua Fields Millburn und Ryan Nicodemus, die ihre Erfahrungen auf theminimalists.com teilen und nach eigenen Angaben mehr als zwei Millionen Leser haben.

Sebastian Michel kennt verschiedene Gründe für den freiwilligen Verzicht auf Eigentum. Ihm ist es wichtig, sich auf das Wesentliche in seinem Leben konzentrieren zu können. Ein karg eingerichtetes Zimmer hilft dabei, es bietet wenig Ablenkung.

Andere wollten einfach ausprobieren, mit wie wenig sie auskommen. Manche sind auf der Suche danach, was ihnen wichtig ist im Leben. Und es gibt Minimalisten, die ihren Verzicht bewusst – und manchmal lautstark – nach außen tragen, um zu zeigen, dass sie nicht einverstanden sind mit der Konsumgesellschaft und dem Raubbau an der Natur.

Wie groß der Trend hierzulande ist, ist schwierig einzuschätzen. Aber er scheint immer mehr Anhänger zu finden, das zeigt die wachsende Zahl entsprechender Blogs im deutschsprachigen Raum. Thomas Druyen, Vermögens- und Reichtumsforscher der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien, hält den Minimalismus für einen Gegentrend zum allgemeinen Überfluss in unserer Gesellschaft. Als Alternative, die allerdings nur wenige Menschen konsequent umsetzen – schließlich ist es ziemlich unbequem, auf dem Boden zu schlafen. Druyen gibt zu, dass ihn ein solches Leben beeindruckt: "Man macht sich unabhängiger von gesellschaftlichen Zwängen."

Soziologe Kai-Uwe Hellmann von der Universität der Bundeswehr in Hamburg zufolge hat es solche Bewegungen immer wieder gegeben. In dieser Sichtweise ist Minimalismus eine neue Spielart von Lebensphilosophien wie "Weniger ist mehr" oder "Simplify your life" aus vergangenen Jahrzehnten. Neu ist die digitale Komponente. Tatsächlich macht das Internet es einfacher, wenig zu besitzen. Eine Bücher- oder CD-Sammlung erübrigt sich, wenn man auf entsprechende digitale Dienste zurückgreifen kann. Und statt eines Autos genügt eine Mitgliedschaft bei einem Carsharing-Anbieter.

"Wir wählen bewusst aus, statt viel und billig zu konsumieren"

Auch Michel hat nicht an seiner technischen Ausstattung gespart. Den teuren Laptop braucht er, weil er als Freiberufler im IT-Bereich arbeitet; bei ihm kann man beispielsweise lernen, sich eine Homepage zu basteln. Viel arbeiten muss er nicht. Rund 500 Euro braucht er im Monat, davon gehen 300 Euro allein für die Miete drauf.

Zwar verraten die Statistiken der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg, dass die Ausgaben für Konsum hierzulande in den vergangenen Jahren gestiegen sind. Karsten John, Marktforscher bei der GfK, hat dennoch Veränderungen beobachtet: "Wir geben zwar insgesamt mehr aus, konsumieren aber trotzdem anders als früher." Seit einigen Jahren steige die Nachfrage nach hochwertigen und authentischen Produkten. "Wir wählen bewusst aus, statt viel und billig zu konsumieren." Das ist kein Widerspruch zum Minimalismus, wie Michel ihn lebt, denn auch er hat sich für den eher teuren Laptop entschieden.

Marktforscher John sagt, dass heute vermehrt Produkte nachgefragt werden, die für den Einzelnen sinnvoll sind. Das kann ein teures Handy sein, um Teil einer Community zu werden, aber auch Gemüse aus der Region. "Die Zahlungsbereitschaft für solchen bewussten Konsum ist stark gestiegen." Das Interesse an einigen Produkten deutet außerdem auf den Wunsch hin, die globalisierten – und für den Einzelnen kaum mehr nachvollziehbaren – Warenströme wieder zu vereinfachen. Und auf den Wunsch, einiges vielleicht selbst zu machen, statt die etwas bequemere Variante des Kaufens zu wählen.

Ein Grund für diese Entwicklung sei die Finanzkrise, sagt John, diese habe gezeigt, dass das bloße Streben nach immer mehr Gewinn nicht nachhaltig sei. "Deswegen besinnen wir uns wieder auf Werte und Hochwertiges", ist John überzeugt.

Für Oliver Stengel, einen wissenschaftlichen Mitarbeiter am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, haben auch einige "Skandale" dazu beigetragen, dass der Minimalismus derzeit viele Anhänger findet. Berichte über Massentierhaltung, menschenunwürdige Produktion in Asien, Verschwendung von Lebensmitteln oder Berichte über künstliche Obsoleszenz, also das bewusste Verkürzen der Haltbarkeit von Waren, bringen Verbraucher zum Nachdenken. "Seit ein paar Jahren werden Konsum und Eigentum intensiv in der Öffentlichkeit diskutiert", sagt Stengel. Er wundert ihn nicht, dass die Leute inzwischen hinterfragen, was sie kaufen, und sieht den Trend als Teil einer breiteren Verzichtkultur. Dazu gehört in seinen Augen auch, dass immer mehr Menschen vegetarisch oder vegan leben, dass viele bewusst auf ein eigenes Auto oder Flugreisen verzichten.

Sonntagsbraten, Führerschein mit 18, Bausparvertrag zum ersten Job, der jährliche Pauschalurlaub – die jüngere Generation hinterfragt vieles, was für ihre Eltern selbstverständlich war. Aber macht das Internet den Verzicht auf Eigentum heute nicht auch viel einfacher?

Sebastian Michel ist bei dieser Frage pragmatisch. Das Internet und das Leben in der Großstadt machten es leichter, den eigenen Besitz überschaubar zu halten. "Wenn ich auf dem Land leben würde oder eine Familie versorgen müsste, brauchte ich mehr Sachen." Dennoch hat seine Konsumdiät ihm gezeigt, was er zum Glücklichsein benötigt – und was nicht. Vor einiger Zeit ist sein Fahrrad geklaut worden. "Noch ein Gegenstand weniger", kommentiert er den Diebstahl lakonisch. Und lacht herzlich darüber.