Es gibt einen Skandal in Deutschland, und niemand schaut hin. Der Zusammenbruch der ambulanten Versorgung schwer psychisch kranker Menschen ist eine tägliche Katastrophe. Vor 30 Jahren bekam ein schwer depressiver Patient in drei Tagen einen ambulanten Termin. Heute dauert das drei Monate. Hinter diesen nüchternen Zahlen verbergen sich menschliche Tragödien. Denn wer wirklich problemlos drei Monate auf eine Behandlung warten könnte, wäre nicht wirklich krank.

So aber schleppen sich dringend behandlungsbedürftige Menschen wochenlang dahin und betteln um einen Therapietermin. Das Ergebnis dieses unwürdigen Zustands sind verzweifelte Patienten, entmutigte Angehörige und Psychiater, die resigniert haben. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Warum interessiert das offenbar niemanden?

Immerhin geht es hier nicht nur um spektakuläre Einzelfälle, sondern um das Leid ungezählter Mitbürger. Offensichtlich graust es die Öffentlichkeit immer noch vor den als unheimlich empfundenen psychischen Krankheiten. Deshalb schauen viele weg – was nur noch zu mehr Angst vor dem Unbekannten führt. Auch deshalb haben Schizophrene, Süchtige, Depressive, Maniker und Demente keine Lobby, nicht nur wegen ihrer Unfähigkeit, lauthals auf sich aufmerksam zu machen. Das leise Leiden ist keine Meldung. Außerdem ist niemand schuld, und so fehlt unserer Empörungsgesellschaft das Objekt und den Medien das Bild.

Wie konnte es dazu kommen? Nach der Psychiatrie-Enquete 1975 ging es psychisch Kranken in Deutschland besser. Begleitet von einer lebhaften gesellschaftlichen Diskussion, machten die Pioniere der Sozialpsychiatrie aus psychiatrischen Anstalten moderne Krankenhäuser, lösten die Wachsäle auf, öffneten die Stationen, sorgten dafür, dass psychisch Kranke in die Gemeinden zurückkehren konnten und ihnen auch Psychotherapie zugute kam. Es wurde ein Netz komplementärer Hilfe geknüpft aus betreutem Wohnen, Behindertenwerkstätten, Kontakt- und Beratungsstellen. Es gab mehr ambulant tätige Psychiater, die gleichzeitig Psychotherapeuten wurden und die ambulante Versorgung der Patienten übernahmen, die nun nicht mehr in Großinstitutionen verwahrt wurden.

Entscheidend war die Etablierung der Regionalversorgung: Für jeden Ort in Deutschland gab es nun eine psychiatrische Klinik oder Abteilung, die die Pflichtversorgung hatte. Ein Patient hatte und hat also das Recht, dort unverzüglich aufgenommen zu werden, es gibt kein unwürdiges Betteln um Aufnahme, und die stationären Einrichtungen können sich nicht die leichten Fälle aussuchen. Dieses Konzept funktioniert. Die durchschnittliche stationäre Behandlungsdauer in Deutschland, die sich früher nach Jahren bemaß, liegt heute bei etwa drei Wochen. Eine Erfolgsgeschichte.

Wirklich schwer Kranke sind kaum erwünscht

Wie aber konnte es zur Krise kommen? Ein Grund war die absurde, weltweit einmalige Teilung der Behandlung von psychisch Kranken in zwei Bereiche. Diese begann harmlos. Erst gab es den ärztlichen Zusatztitel "Psychotherapie", dann erfand man – neben dem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie – den Facharzt für psychotherapeutische Medizin, der sich weniger um schwer psychisch Kranke kümmerte. Daraus zog man die Konsequenz, dass man dafür dann auch entsprechende Ausbildungsstätten brauche. So entstanden zuhauf "psychotherapeutische" oder "psychosomatische" Kliniken, die keine Pflichtversorgung übernahmen und sich daher die Patienten aussuchen konnten. Solche Kliniken werben inzwischen damit, bei ihnen gebe es keine psychiatrischen Patienten. Woher dann aber die Patienten nehmen, wenn die wirklich Kranken nicht erwünscht sind?

Da kommt der Trend gerade recht, für alle Tragödien des Lebens Psychoexperten zu Rate zu ziehen. Das ist Unsinn, denn Psychoexperten können zwar erfolgreich psychisch Kranke behandeln, haben aber dadurch natürlich nicht mehr Lebenserfahrung. Doch in der nachideologischen Zeit suchen viele Orientierung und erhoffen sie sich von der Psychologie und in Krisen eben von der Psychotherapie. Diese Tendenz wird von medialen Psychowellen angetrieben, deren wirksamste in den vergangenen Jahren die "Burn-out"-Welle war.

Burn-out ist keine psychische Krankheit. Die Weltgesundheitsorganisation klassifiziert es als Z-Kategorie, als eine Lebensschwierigkeit. Das Verhängnisvolle dieses schillernden Begriffs ist seine Unbestimmtheit. Unter dem Decknamen Burn-out können echte Depressionen figurieren, aber auch bloße Befindlichkeitsstörungen, die keiner Therapie bedürfen, und schließlich existenzielle Krisen, bei denen Therapie nicht helfen kann, weil existenzielle Krisen keine Krankheiten sind.

Wenn ein Mann plötzlich von seiner Partnerin verlassen wird, dann kann ihn das tiefer erschüttern als eine schwere Depression, aber das ist eine gesunde Reaktion auf ein schlimmes Ereignis. Da hilft kein junger Psychotherapeut, sondern ein guter Freund, der vielleicht selbst schon einmal so etwas bewältigt hat. Wenn jemand einen schrecklichen Chef hat oder von seinem Beruf überfordert ist, dann kann das schwer belasten. Aber auch da hilft keine Psychotherapie, sondern nur eine Änderung der Situation.

Doch die Burn-out-Welle hat sich als lukratives Geschäftsmodell entpuppt. Nachdem manche Medien nach dem Motto "Kennen wir das nicht alle?" kostenlose Werbung gemacht haben, sind inzwischen "Burn-out-Kliniken" ans Netz gegangen, und selbst ernannte Burn-out-Experten beschreiben einfühlsam Zustände, die jeder kennt, als Krankheiten, die sie liebend gerne behandeln würden. Das hat den Therapiebedarf in den vergangenen Jahren anschwellen lassen. Und psychotherapeutische oder psychosomatische Kliniken und niedergelassene Psychotherapeuten (die Schwerkranke ausschließen dürfen!) öffnen die Tür für die Behandlung von Gesunden.