Mulino ist nicht nur ein 13.000-Einwohner-Nest an der Fernstraße M7 von Moskau nach Nischni Nowgorod. Sondern auch ein effektiver Gesprächskiller. Bei Treffen mit Ausbildern der Bundeswehr oder Vertretern der Rüstungsindustrie muss man nur "Mulino" sagen – und muntere Plauderer fassen sich kurz. "Dazu darf ich nichts sagen", sagen dann die Soldaten. Und die Rüstungsleute bitten einen, Fragen lieber schriftlich einzureichen. Warum das so ist, macht ein Soldat deutlich: "Nicht, dass es heißt, die Bundeswehr und die deutsche Industrie helfen den Russen dabei, die Ukraine zu überfallen." Doch, doch, so könnte es heißen.

Der Düsseldorfer Rüstungskonzern Rheinmetall errichtet derzeit in Mulino ein Trainings- und Ausbildungszentrum für das russische Heer – im Auftrag Moskaus. Ende des Jahres soll es fertig sein und den Düsseldorfern mehr als 100 Millionen Euro einbringen. Nach Angaben des Unternehmens handelt es sich dabei um "die weltweit modernste Trainingsbasis" mit militärischer Simulationstechnik, 30.000 Soldaten sollen sie pro Jahr durchlaufen. Die Bundeswehr unterstützt das Projekt mit Expertenteams. Und so ergibt sich eine bizarre Gleichzeitigkeit: Russland verleibt sich die Krim ein und konzentriert seine Truppen an der Grenze zur Ostukraine, Deutschland protestiert dagegen, verhängt Sanktionen – und optimiert das russische Heer.

Mulino ist nach einem deutschen Vorbild konzipiert: dem Gefechtsübungszentrum des Heeres in der Letzlinger Heide in Sachsen-Anhalt, ausgestattet von Rheinmetall. Dort trainieren Soldaten unter realen Einsatzbedingungen in Übungen, die bis zu zwei Wochen dauern, alle Arten von Gefechten, bis hin zur Panzerschlacht. Laser ersetzen die scharfe Munition. Gerät und Soldaten sind mit so ausgefeilter Simulationstechnik ausgerüstet, dass etwa nach einem Panzertreffer nicht nur das Ausmaß des Schadens am Panzer selbst angezeigt wird, sondern auch die Schwere der Verletzung der Insassen. In einer Leitungs- und Auswertungszentrale werden alle Übungen auf Lagebildschirmen überwacht und aufgezeichnet; Schnappschüsse halten entscheidende Momente fest, am Ende wird alles ausgewertet.

Derartige Hightech-Übungen sind deutlich näher am realen Kampfgeschehen als die Standard-Trainings von gestern mit ihren festgelegten Schussbahnen – und der Lerneffekt nach einer Videoanalyse ist ebenso deutlich größer als nach der guten alten Manöverkritik.

Im Trainingszentrum Mulino, 13 Jahre jünger als das deutsche Vorbild, ist die Technik noch einmal ein gutes Stück vorangeschritten. Ein Großteil des Trainings findet im virtuellen Panzer statt. Das kostet weniger. Deutschland hilft der russischen Armee also nicht nur, besser zu werden, sondern auch, Geld zu sparen.

Die Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Russen ist erst seit wenigen Jahren eine echte Heeresangelegenheit. Bis 2010 gab es nur sporadische Kontakte. Als Russland begann, sein Militär zu modernisieren, zeigte die Armeeführung großes Interesse an engeren Beziehungen. Während seines Berlin-Besuchs im Februar 2011 wurde der damalige Oberbefehlshaber der russischen Landstreitkräfte von seinem deutschen Pendant, dem Generalinspekteur des Heeres, mit militärischen Ehren empfangen. Gemeinsam inspizierten sie das Ausbildungszentrum in der Letzlinger Heide.

Das Treffen stand im Zeichen einer Wiederannäherung zwischen Russland und dem Westen nach dem Kaukasuskrieg 2008, als russische Truppen nach einer Provokation weit nach Georgien vorgedrungen waren. Unter dem Putin-Nachfolger Medwedew schien ein Neustart der Beziehungen möglich zu sein – und eine engere Zusammenarbeit der Militärs auch. Im Sommer 2011 erhielt Rheinmetall den Auftrag für Mulino.

Die deutsche Hilfe sieht auch den Austausch von Soldaten vor. Im September 2013 überwachten sechs Mann der Bundeswehr einen ersten Probelauf in Mulino. Zwischen Mai und September des gleichen Jahres bildete man in Deutschland neun russische Soldaten aus.

Alles auf Stopp

Im Zeichen der Krimkrise steht nun aber alles auf Stopp. Ob die russischen Soldaten noch einmal nach Deutschland kommen und umgekehrt, ist genauso offen wie die Frage, ob der Generalinspekteur des Heeres zu seinem geplanten Besuch nach Moskau aufbricht. Alles werde derzeit überprüft, heißt es dazu im Verteidigungsministerium.

In Düsseldorf macht man sich trotzdem wenig Sorgen. "Im Moment sieht Rheinmetall keine Risiken bezüglich der termingerechten Lieferung", heißt es dort.

Die deutsche Rüstungsindustrie sah in Russland bis vor Kurzem gar ihre blühende Zukunft. Der Auftrag, so jubelte Rheinmetall bei Vertragsabschluss, sei von "strategischer Bedeutung". Damit sei der deutschen Wehrtechnik "erstmals in bedeutendem Umfang der Zugang auf den russischen Markt gelungen". Und: "Es bieten sich damit gute Chancen für Folgebeauftragungen."

Mulino ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie aus einem ebenso vertrauensbildenden wie einträglichen Projekt ein widersinniges, ja gefährliches werden kann. Es braucht dazu nur eine kleine Drehung der Geschichte. Und danach Politiker, die es stoppen. Rüstungskonzerne können das nicht – ihr genetischer Code sieht das nicht vor.