Es gibt, personifiziert durch Autoren, einen Zusammenhang von Essayistik und Lyrik. Hans Magnus Enzensberger ist in beiden Gattungen so gut, dass man glauben könnte, sie gehen ohne Weiteres ineinander über. Auch der Lyriker Peter Rühmkorf war wahrlich kein schlechter Essayist. Elfriede Gerstl, deren Gedichte alle lesen müssen, die ihr Gefühl für Lyrik verfeinern wollen, schrieb kurze, entschiedene und zugleich witzig-spielerische Essays.

Ich gehöre zu jener Minderheit, die solche Autoren schätzt, auch um einen Halt gegen die Buchstabenlawinen zu finden, aus denen Romane bestehen. In meinem Kopf spukt ein Aphorismus, dessen Autor ich leider vergessen habe: "Romane kann ich nicht nur nicht lesen, ich kann auch keine schreiben." Karl Kraus, der versicherte, sich davor zu hüten, Romane zu lesen, schrieb auch keine, obwohl er einräumte, dass das Schreiben von Romanen ein Vergnügen sein kann. Ich behaupte, dass der Gedankenanstrengung des Essays das lyrische Innehalten als Entlastung entspricht. In einem programmatischen Gedicht von Kraus wird der Reim definiert: "Er ist das Ufer, wo sie landen, / sind zwei Gedanken einverstanden." Das Gedicht heißt Der Reim, und ich gebe zu, dass mein Verständnis für den gereimten Gedanken nicht ausgeprägt ist. Umso lieber las ich jüngst ein Gedicht mit dem Titel RAST: "im Morgenrot / da bist du tot // sagte der Reim // laß das Reimen sein."

Diese gereimte Mahnung steht in dem Band: Ria Endres: Froher Wahnsinn. Ria Endres ist nicht zuletzt durch ihre Essays bekannt, zum Beispiel durch Am Ende angekommen. Dass es so ein Ende gibt, glaubt man gar nicht, denn das Buch ist eine feministische Polemik gegen Thomas Bernhard, und der hat es doch geschafft, "unangreifbar" zu sein. Ria Endres ist in Buchloe geboren, dem, wie Google sagt, Tor zum Allgäu. Dieses ist mir verschlossen, aber wenn ein Gedicht den Mundarttitel GROSSMUADA trägt, fühle ich mich zu Hause. Als Wiener habe auch ich eine "Muada". Dieses verbale Sichhineinlegen ins "ua", wenn’s um die Mutter geht, macht einem kein Mensch aus Norddeutschland nach. Bei Endres ist GROSSMUADA ein ambivalentes Gedicht. Am Anfang steht das gemeinsame Holzsammeln und Hamstern von Milch, eine erfreuliche Tätigkeit. "Hamstern": Der Hamster hat in seinen Backentaschen den Vorrat. Am Schluss wird’s im Gedicht aber finster: "oide frau / mit dem Weihwasser / wos schleichst di / so rum in der Nacht / i konn ja net schloffa."

Das fängt die religiös aufgeladene Bedrückung in der deutschen Provinz bildhaft ein. Ich bin gerade aus Frankfurt nach Hause gekommen und fühle mich, was das Gedicht STADT DER GEWOHNHEIT betrifft, eingeweiht: Das kann nur Frankfurt sein. Aber die Urbanität hat ja überall die gleichen Gesetze: "mit dem kleinlichen Getue / der Idiotenschickeria / im Zentrum." Damit ist das Zentrum nur geografisch eines. Das Gedicht, das wie zur Gegenwehr geschrieben klingt, segnet auch die Stadt nicht. Ob Stadt oder Land, der Fluch bleibt derselbe: "Stadt / nur du kannst die Stadt nicht verlassen." Dass man nicht raus kann, wie aus einer schlechten Gewohnheit, ist eine Erfahrung, die man in solchen Städten, und sei es beim Treffen im Zentrum, wenigstens mit vielen solidarisch teilen kann.