Clemens Tönnies und Wladimir Putin im Jahr 2006 © AFP/Getty Images

Es war ein gutes Wochenende für Roman Kolbe. Schalke 04 hat gewonnen, Borussia Dortmund verloren. Kolbe, 42 Jahre alt, Versicherungsmathematiker, ist seit fast 20 Jahren Vereinsmitglied bei Schalke 04, noch länger Dauerkartenbesitzer. Er schreibt für das Fanmagazin Schalke unser und hat seine Tochter gleich nach ihrer Geburt im Verein angemeldet. Er ist Schalker durch und durch. Aber wenn er die Spiele seines Clubs schaut, dann ärgert er sich, egal, wie es ausgeht: Weil die Schalker Spieler auf ihren Trikots Werbung für Gazprom machen.

Als kürzlich bekannt wurde, dass Wladimir Putin Kolbes geliebte Mannschaft nach Russland eingeladen hat, platzte dem Fan der Kragen. Er schrieb einen Brief an den Schalker Ehrenrat, in dem er den Verein dazu auffordert, sich von Putin und der Einladung zu distanzieren. "Wir können doch nicht so tun, als sei in den vergangenen Wochen in der Ukraine nichts passiert!", sagt er.

Denn an Distanz zu Putin und Russland, findet Kolbe, fehlt es dem Verein. Das liegt vor allem an Clemens Tönnies. Der Fleischfabrikant aus Rheda-Wiedenbrück ist Aufsichtsratsvorsitzender von Schalke 04 und der entscheidende Mann, wenn es um Schalkes Russlandkontakte geht. Den Trikotdeal mit Gazprom, der Schalke 2006 vor der Pleite rettete und dem Verein mittlerweile geschätzte 14 bis 15 Millionen Euro pro Jahr bringt, hat er eingefädelt. Gerhard Schröder vermittelte ihm den Kontakt zu Putin, über das erste Treffen im Kreml sagte Tönnies stolz: "Putin bekam leuchtende Augen, als ich ihm von unserem Club erzählte."

In Russland hat Tönnies nicht nur einen Sponsor für seinen Verein gefunden. Sondern auch einen Absatzmarkt für seine Firma. Tönnies ist Deutschlands größter Fleischkonzern, 5,6 Milliarden Euro Umsatz, 16,4 Millionen geschlachtete Schweine im Jahr 2013. Ein Interview zu seinen Russland-Geschäften mag Clemens Tönnies momentan nicht geben. Im Dezember war das noch anders: Da sagte er dem Landwirtschaftlichen Wochenmagazin , Russland sei einer der größten Märkte für Schweinefleisch mit einem "gewaltigen Potenzial". Der Verkauf nach Russland habe "das Geschäft beflügelt". Er macht zehn Prozent des Exportgeschäfts aus. "Ich habe dem russischen Präsidenten Putin versprochen, mich auch in Russland selbst zu engagieren", sagte Clemens Tönnies. Bislang entstanden in Russland acht neue Mastbetriebe, drei weitere sind im Bau. Tönnies will in Zukunft eineinhalb Millionen Schweine jährlich in 18 Anlagen mästen und schlachten. Eine Investition von insgesamt 600 Millionen Euro.

Wenn Tönnies Putin besucht, hat er außer dem aktuellen Schalke-Trikot auch immer Fleisch im Gepäck. Einmal hätten es die Sicherheitsbeamten ihm abgenommen. "Als ich vor Putin stand, sagte er: 'Wo ist mein Eisbein?'"

"Solche Geschichten klingen lustig", sagt Roman Kolbe. "Aber wo hören die Interessen des Vereins auf, und wo fangen die persönlichen an? Ich kann das nicht auseinanderhalten. Und ich glaube, Herr Tönnies auch nicht."