Nach Stettin sollen wir fahren, unten an den Fluss, nicht weit weg vom Bahnhof. Gegen Mittag sollen wir da warten, dann ruft er an. So ist es ausgemacht, so geschieht es. Er nennt einen neuen Ort am Telefon, wir fahren hin, er ruft an und nennt noch einen, den Treffpunkt. Ein Restaurant, mit Blick auf die Oder. Da steht er plötzlich vor uns.

Daniel S. hat Grund für seine Vorsichtsmaßnahmen. Er wird per internationalem Haftbefehl gesucht. Kurz vor seinem Prozess war er aus dem Krankenhaus des Maßregelvollzugs in Berlin ausgebrochen. Die Ermittlungsbehörden stufen ihn als hochintelligent und gefährlich ein. Er soll Mitglied der sogenannten Reichsbürgerbewegung sein, einer teils aggressiven Naziorganisation. S., der Bombenspezialist, soll gedroht haben, Menschen "auszulöschen", sie "plattzumachen".

Er hatte in der Redaktion angerufen. Eine wütende Berliner Stimme. Wütend über einen Artikel, den die ZEIT (in Nr. 34/13) geschrieben hatte, über ihn, den gesuchten, womöglich gefährlichen Rechtsextremen. Es ist nicht ganz leicht, mit Daniel S. zu telefonieren, vor allem wenn man ihn mit "Herr S." anspricht. "Nicht Herr, lassen Sie das. Das Herr ist eine unrechtmäßige Klassifizierung. Ich bin eine Person, also nennen Sie mich auch so." Er erzählt von seiner Flucht aus der Psychiatrie, von seiner Flucht aus Deutschland. Und irgendwann in dem Gespräch fällt dann der Satz: "Kommen Sie nach Polen, wenn Sie die Wahrheit wissen wollen. Ich erzähle sie Ihnen."

Vor diesem Treffen weiß man nicht viel über die Person Daniel S., außer dass die deutschen Behörden nach ihm fahnden: Ein wenig sonderbar soll er sein, erzählen Nachbarn. Brabbele oft vor sich hin, schleppe in seinem Laster ständig neues Zeug an. Er horte Chemikalien, heißt es. Im Handelsregister ist auf seinen Namen ein "Technikhandel" eingetragen. Der Firmensitz, ein Grundstück in Berlin-Neukölln, sieht aus wie eine Sondermüllhalde. Unzählige blaue Fässer türmen sich hier, Baucontainer, Tanks, Rohre, Kabel, Schutt und Geröll.

S. soll sich geweigert haben, Steuern und Bußgeldbescheide zu bezahlen. Vor Gericht soll er sich verantworten, weil er Mitarbeitern von städtischen Behörden auf ihre Mahnungen hin mit schlimmen Konsequenzen gedroht habe, sollten sie ihn weiter verfolgen. Ein Gutachter hielt ihn für psychisch instabil, vor der Verhandlung wurde er daher in die Klinik des Maßregelvollzugs eingewiesen, Abteilung III. Da sitzen vor allem schizophrene und psychotische Straftäter. Aus Ermittlungskreisen ist mehrfach zu hören, er sei ein "Reichsbürger".

Die "Reichsbürger" sind eine etwas diffuse Bewegung von Verschwörungstheoretikern, aber auch knallharten Nazis, die die demokratische Grundordnung der BRD nicht anerkennen. Die den deutschen Staat bloß für ein Verwaltungskonstrukt der Alliierten halten. Der Brandenburger Verfassungsschutz stuft Teile von ihnen als "hochgefährlich" ein.

Man kann es nicht anders sagen: Es ist ein widerliches Gebräu, in dem dieser Mann da schwimmt. Schwimmen soll.

Es ist einer dieser Tage, die sich nicht entschieden haben, was sie sein wollen: Wenn die Sonne durch die Wolken stößt, ist beinahe Sommer, wenn nicht, spürt man den Winter. Daniel S. trägt ein graues Sekretärinnenkostüm, der Rock ist sehr eng, die langen strähnigen Haare hat er sich zum Zopf gebunden. Er steht auf Plateauschuhen, besetzt mit Strasssteinen, seine Ohrringe haben die Form von Schmetterlingen. Hinter ihm läuft seine Freundin Marie, eine Polin mit jüdischen Vorfahren, locker 20 Jahre älter als er. Ihr Alter hat sie mit grellen Farben überschminkt. Früher, sagt sie, sei sie mal Tänzerin gewesen.

Zopf, Frauenkleider, jüdische Freundin – ist Daniel S. wirklich rechtsextrem?

Die beiden haben sich über eine Heiratsagentur kennengelernt, erzählen sie. Jungen Frauen fehle die Reife, sagt S., mit denen habe er noch nie was anfangen können. Marie sagt: "Ich bin zwar alt, aber Daniel ist ja jung. Er ist ein sehr zärtlicher, feinfühliger Mann. So fährt er auch Auto." Sie bestellt Piroggen mit Hackfleisch, geschmorten Zwiebeln und Speck für alle. Als der Kellner das Essen bringt, schiebt S. die Zwiebeln und den Speck zur Seite. Auch Marie verbietet er, sie zu essen. "Das Nitrit wird dich noch töten", sagt er. Marie schüttelt den Kopf. Sie sagt auch, es störe sie nicht, dass Daniel Frauenkleider trage, er sei eben ein sehr weiblicher Mann, "das war immer schon so".

Zopf, Frauenklamotten, eine jüdische Freundin. Erster Eindruck: ein merkwürdiger Rechtsextremer, dieser Daniel S.

In den siebziger Jahren wächst er in Ostberlin auf, hat kein wirklich gutes Verhältnis zu seinen Eltern. Schon zu Schulzeiten begeistert er sich für Naturwissenschaften, Chemie vor allem und Physik, einmal nimmt er an einer Schüler-Olympiade teil. Nach einer Ausbildung zum Mess-, Steuerungs- und Regelungstechniker macht er sich in den neunziger Jahren selbstständig. Er handelt mit gefährlichen Chemikalien, entsorgt Giftstoffe, das ganze Fachwissen hat er sich autodidaktisch draufgeschafft. Zusätzlich kauft und verkauft er Pyrotechnik. "Es gibt Stoffe, an die traut sich außer mir keiner ran in diesem Land", sagt er. Er arbeitete als Pyrotechniker bei verschiedenen Filmproduktionen mit, auch bei der Eröffnungsfeier zu den Olympischen Spielen in Athen 2004.

Um das Jahr 2000 kauft er sich für 110.000 D-Mark ein Grundstück in Berlin-Neukölln, und damit beginnt eigentlich der ganze Ärger. Aber das wolle er später erzählen, jetzt will er erst einmal etwas klarstellen. "Ich bin nicht rechts, überhaupt nicht", sagt Daniel S. Er sei für Freiheit, für Toleranz und Gerechtigkeit, nicht für Faschismus. "Und ich bin auch kein Reichsbürger. Ich kannte das Wort nicht einmal, bis die Ämter mich so angeschrieben haben." Er wisse ja nicht einmal, was genau das bedeute: Reichsbürger zu sein. Er sei doch bloß jemand, der nicht mit allem einverstanden sei, was der Staat so mache. Dieser Staat, der de facto ja gar nicht existiere. Deswegen wollte er auch bloß weg aus dieser Haftanstalt, diesem "Psycho-KZ", wie er es nennt. Es ist nicht immer leicht, Daniel S. zu folgen, aber man kann es nicht anders sagen, er klingt glaubwürdig, wenn er sagt: "Ich bin kein Reichsbürger. Ich bin kein Nazi."

Justiz, Politik, Medien: Alle scheinen den Stab über ihn gebrochen zu haben

Doch wie entstand in der Öffentlichkeit von ihm das Bild eines gefährlichen Rechten? Wer hat ihm dieses Label "Reichsbürger" angeheftet? Wenn S. die Wahrheit sagt, stellt sich die Frage: Wie kommen Mitarbeiter eines Bezirksamts in Berlin auf die Idee, ihn in einem offiziellen Schreiben so zu benennen? Wer maßt sich so etwas an? Eine Antwort darauf wird es nicht geben. Mit Verweis auf die schwebenden Verfahren mag beim Bezirksamt Neukölln niemand etwas zu den Vorwürfen sagen.