Journalisten schreiben oft über Veränderungen, den Wandel, das Neue – aber wenn es sie selbst trifft, tut es weh. Sie müssen plötzlich in einer Situation voller Unsicherheit zwischen Bewahren und Verändern wählen. Und wenn sie sich fürs Verändern entscheiden, wissen sie nicht, ob sie auf das richtige Pferd setzen – also: auf den richtigen Mann.

Deshalb fanden es viele leitende Redakteure der Süddeutschen Zeitung ungeheuerlich, was ihr Chefredakteur Kurt Kister, 56, Ende vergangenen Jahres verkündete: Stefan Plöchinger, 37, ein Kapuzenpulliträger, solle bald in die Chefredaktion des liberalen Traditionsblattes aufsteigen. Plöchinger leitet die Online-Redaktion im Verlag, er repräsentiert also das Internet schlechthin und ist insofern eine personifizierte Bedrohung der alten Weltordnung in der Süddeutschen Zeitung. Bisher waren die Welten dort säuberlich voneinander getrennt. Da gab es ein Oben (Print) und ein Unten (Online).

In der oberen Welt leben viele preisgekrönte Redakteure, die für die Streiflicht-Kolumne, für die Seite Drei oder für die Meinungsseite schreiben und die bei einem Blatt angestellt sind, das einen hervorragenden Ruf besitzt. Zudem erwirtschaftete es den überwiegenden Teil der Umsätze. Und macht angeblich Gewinn, offizielle Zahlen gibt es keine. Die zweite Welt, das sind die Onliner. Ihre Zahl ist kleiner, im Schnitt sind sie deutlich jünger, schlechter bezahlt und sogar in eine eigene Untergesellschaft ausgelagert. Ihnen haftet der Ruf an, Texte im Netz zu verschenken, auch solche der Printredakteure, und auf diese Art die Verkäufe der Zeitung zu kannibalisieren.

Reputation, Gehalt und die Macht im Verlag waren also klar verteilt. Bis nun Plöchinger berufen werden sollte. Es wäre ein Zeichen für großen Wandel – und eine Machtverschiebung.

Dabei war Kurt Kister, der Chefredakteur des Blattes, lange Zeit nicht gerade als Freund des Internets aufgefallen. Allerdings hat sich seine Haltung offenbar langsam verändert; zuletzt zeigte er sich in Konferenzen jedenfalls häufig mit seinem iPad.

Die beiden Welten in einer einzigen Chefredaktion vereinen – das möchten viele nicht, die in der Zeitung etwas zu sagen haben. Ihre Vorbehalte sind ein Phänomen, das keineswegs nur die SZ betrifft. Viele Verlage erleben es. Den Spiegel hat es sogar die Chefredaktion gekostet: Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron wurden wegen ihres Streits, welches Medium wie wichtig sei, im Frühjahr vergangenen Jahres vor die Tür gesetzt. Das Bewusstsein dafür, dass eine Annäherung von Print und Online-Medium unausweichlich ist, verbreitet sich aber rasant, denn die Auflagen sinken. Die Süddeutsche Zeitung etwa verkaufte im vierten Quartal 2013 nur noch rund 400 000 Exemplare – zehn Jahre zuvor waren es noch knapp 440 000. Gleichzeitig steigen die Online-Zugriffe. Das Internet wird mächtiger, und mit ihm werden es auch die Online-Redakteure. Gewachsene Strukturen sind nicht mehr zeitgemäß.

Die Süddeutsche Zeitung arbeitet deshalb seit vielen Monaten an der großen Frage, wie die Redaktionen künftig zusammenarbeiten sollen. Gut 100 Journalisten haben sich dafür in etwa einem Dutzend Arbeitsgruppen zusammengefunden, die in wöchentlichen Sitzungen diskutieren, wie die "Verzahnung" zwischen Print- und Online-Kollegen in den einzelnen Ressorts genau aussehen müsste, wie doppelte Arbeit vermieden werden könnte und wie die beiden Welten bald stärker voneinander profitieren sollten.

Dieser Prozess soll auch dabei helfen, die Qualität der Internetseite zu steigern. Zugleich will die Süddeutsche Zeitung den Lesern online nicht mehr alle Texte kostenlos zur Verfügung stellen. Sie möchte mit dem Auftritt im Netz endlich Geld verdienen, um das, was der Zeitung an Anzeigen- und Verkaufserlösen wegbricht, auffangen zu können. Ein Teil des Online-Angebots soll daher kostenpflichtig werden, daran liegt auch dem Verlag viel.

Das wirft aber die nächste große Frage auf: Für welche Inhalte sind Menschen bereit, online Geld auszugeben, obwohl sie es gewohnt sind, zum Nulltarif zu surfen? Für einfache Nachrichten wird wohl kaum jemand etwas zahlen, eher schon für besonders gute Texte, das Streiflicht, die Seite Drei oder für aufwendige Multimedia-Reportagen, die nur mit der vereinten Kraft beider Redaktionen herzustellen sind. Noch ist nicht entschieden, wie genau das Modell für Bezahlinhalte aussehen wird, wohl aber, dass es in diesem Jahr kommen soll. Fest steht auch: Zusammen mit der stärkeren Verzahnung der Redaktionsarbeit und der Planung einer neuen Wochenendausgabe ist die mit Abstand größte Reform der Süddeutschen Zeitung seit Langem im Gange.

Große Veränderungen schüren eben meistens auch große Ängste – und das natürlich umso mehr, wenn einer, der nicht aus den eigenen Reihen kommt, bald zum Chef aufsteigen soll, in diesem Fall zum Mitglied der Chefredaktion. Plöchinger wird dadurch auch stärkeren Einfluss auf die Richtung haben, in die das Blatt steuert.

Nur wer diese Hintergründe kennt, kann begreifen, weshalb ein beachtlicher Teil des sogenannten Impressionisten-Rats "empört" und "abwehrend" auf Kisters Botschaft reagiert hat. Der Rat ist so etwas wie ein Ständeparlament innerhalb der Süddeutschen Zeitung, dem neben einem fünfköpfigen, gewählten Redaktionsausschuss auch Ressortleiter und leitende Redakteure angehören, die im Impressum stehen. Das Gremium muss Plöchingers Berufung, über die Kister sich mit den Gesellschaftern seit Monaten einig ist, zustimmen.

Eigentlich sollte die Wahl im ersten Quartal dieses Jahres stattfinden, so jedenfalls stand es in einer Spiegel- Meldung von Mitte Dezember. Geschehen ist nichts, bisher wurde nicht einmal ein Zeitpunkt festgelegt. Und weil es üblich ist, nach einer Einladung der "Impressionisten" etwas Zeit verstreichen zu lassen, kann es bis Ende März kaum mehr zu einer Abstimmung kommen – wohl auch, weil schlicht der Zwist zu groß ist.

Seit Dezember gibt es heftige Diskussionen, in Kisters Büro und unter den "Impressionisten". "Ich kenne niemanden, der aus voller Überzeugung für Plöchingers Aufrücken stimmen würde", sagt einer, der dazugehört. Andere behaupten, sich intern ein Stimmungsbild gemacht zu haben; auch von ihnen ist zu hören, dass eine Mehrheit die Berufung des 37-Jährigen ablehne, allerdings habe sich das Klima seit Dezember gebessert. Die Argumente sind, wo man auch hinhört, immer die gleichen. Am wichtigsten erscheint den meisten: Plöchinger habe sich innerhalb der Süddeutschen Zeitung kein schreiberisches Profil erarbeitet. Tatsächlich hat er kaum Texte für das Blatt verfasst, zuletzt erschien ein Essay über Facebook. Man wisse deshalb nicht, wofür er journalistisch eigentlich stehe. Wenn er aber in die Chefredaktion des Blattes aufrücke, werde er womöglich Leitartikel (um)schreiben, wenn Kister und sein Stellvertreter Wolfgang Krach nicht im Hause seien. Aber Plöchinger sei weder ein begnadeter Schreiber noch ein Intellektueller. Zudem zeige er zu wenig Demut, sondern trete stets extrem selbstbewusst auf, so die Kritik.

Unbestritten ist, dass Plöchinger ein sehr guter Redaktionsmanager ist und dass diese Fähigkeit sowie ein tiefes Verständnis für die Möglichkeiten des digitalen Journalismus unbedingt nötig sind, wenn man Zeitung und Website enger verschränken will, wenn man Arbeitsprozesse erneuern und ein Bezahlmodell für das Internet entwickeln will. Beides scheint Plöchinger mitzubringen.

Übrig bleibt die Frage, ob es wirklich nötig ist, den 37-Jährigen zum Mitglied der Chefredaktion zu befördern. Vieles spricht dafür, dass es einem Mentalitätswechsel förderlich wäre, weil es das stärkste Signal für den Wunsch wäre, dass gedruckte Zeitung und Online-Auftritt nun tatsächlich als publizistische Einheit gesehen und gelebt werden sollen – dass also die Zeiten vorbei sind, in denen die obere auf die untere Welt hinabsehen durfte.

Am Abend des 26. März soll Plöchinger, dann frisch aus dem Urlaub zurückgekehrt, vor dem "Impressionisten-Rat" eine Art Regierungserklärung abgeben, seine Strategie erklären und vielleicht ein bisschen auch sich selbst. Eine Mail an den Blatt-Chef, Kurt Kister, wie es danach weitergehen soll, beantwortet an seiner Stelle Stefan Plöchinger, der gerade in Costa Rica herumreist: "Wir haben keine dringliche Eile, sondern geben uns Zeit für einen umfassenden Diskussionsprozess über unsere Strategie für Online und Print." Das alles mache man besser nicht überhastet, wenn man viele Leute mitnehmen wolle. Man könnte auch sagen: Erst mal sollen sich die Wogen glätten.

Irgendwann wird die Wahl stattfinden. Wenigstens zwei Drittel der laut Redaktionsausschuss 40 Stimmberechtigten müssten widersprechen, damit Plöchinger nicht in die Chefredaktion aufsteigt, so steht es im Statut der Süddeutschen Zeitung. Ob sich in letzter Konsequenz so viele Meuterer finden, ist offen. Eine Abwahl wäre eindeutig ein Affront gegenüber Print-Chefredakteur Kister, den zu schwächen eigentlich nicht das Ziel ist.