Nach einer halben Stunde Spaziergang durch die schönen Wohnstraßen im Berliner Westend, die nach ostpreußischen Städten benannt sind, ereignet sich in der Tannenbergallee dann ein echter Thilo-Sarrazin-Moment: Ein etwa zehnjähriger Junge mit Fahrrad überholt auf dem Bürgersteig und fährt durch einen von der Stadtreinigung zusammengerechten Laubhaufen. Sarrazin knurrt: "Na, Junge, das muss ja nun nicht sein." Nachsatz: "Wenn ich ein erziehungsberechtigter Lehrer wäre, gäbe es jetzt einen Rüffel." Und noch ein absurder Nachsatz, ganz in der umständlichen Sarrazin-Diktion: "In jeder anderen deutschen Stadt wäre die Wahrscheinlichkeit höher, dass er um den Haufen herumfährt, in Berlin fährt er mittendurch. Das ist das, was man soziales Kapital nennt und woran es Berlin mangelt."

Alleen. Kopfsteinpflaster. Kiefern. Die eleganten Flachbauten aus den zwanziger und dreißiger Jahren, dazwischen die ein wenig bedrückenden, weil engen Wohnblocks aus den siebziger Jahren. Der Specht klopft, die Hunde werden ausgeführt. Eine Entenfütterergegend. Wir sind vor dem Georg-Kolbe-Museum im Westend verabredet, gleich ums Eck wohnt Thilo Sarrazin seit seinem Umzug aus Bonn im Jahr 1997 – vor der Großstadt Berlin, die laut, hektisch und anstrengend ist, kann man sich innerhalb Berlins nirgends besser verstecken.

Am Telefon war vereinbart worden, nicht über sein neues Buch zu reden, sondern – so herrlich unbestimmt die Verabredung – über irgendetwas anderes. Interessant wäre bei ihm ja wirklich ein wenig Psychologie: Wie geht es ihm? Wie hat er die vier turbulenten Jahre seit Erscheinen seines Bestsellers Deutschland schafft sich abweggesteckt, Jahre, in denen in diesem Autorenleben ja wirklich die Hölle los war (Lesereisen mit Bodyguards, Entlassung aus dem Vorstand der Bundesbank, SPD-Parteiausschlussverfahren, eine Bundeskanzlerin, die sich nicht über "dieses Buch" äußern wollte)? In seinem aktuellen Bestseller Der neue Tugendterror rechnet Thilo Sarrazin mit seinen Kritikern ab und erkennt einen Gleichheitswahn, an dem die Gesellschaft zugrunde gehen müsse – Politik und Medien haben auf das neue Buch weniger mit Kritik denn mit Desinteresse und Spott reagiert, der für Sarrazin-Bücher so wichtige Skandal blieb aus. Frage, eine ernst gemeinte: Ist Sarrazins neues Buch nicht auch ein Hilferuf? Leidet der Bestsellerautor daran, dass er sich in die Ecke des Ressentiments verrannt hat? Will er, der große Krawallmacher, Aufrührer und Demagoge, sich, vielleicht für einen Moment, versöhnlich geben? Am Telefon hatte Sarrazin den ziemlich lustigen Satz gesagt: "Wenn Sie mich nach meinen Gefühlen fragen, wird das von mir weggebürstet. Darauf antworte ich grundsätzlich nicht." Ein Experiment: Der Reporter nimmt sich vor, auf Rechthabereien sanft zu reagieren. Mal sehen, wie weit wir kommen.

Die Georg-Kolbe-Statuen, die Junger Reiter, Römischer Mann und Kauernde heißen, interessieren ihn gerade selber nicht so sehr, wir können gleich weitergehen. Der Spaziergänger Sarrazin hält beim Gehen, was lustig aussieht, die Arme verschränkt. Multifunktionsjacke, Gesundheitsschuhe, der ziemlich gut aussehende Schnurrbart. Die Gärtner, die Frühstückspause machen, begrüßen den Spaziergänger demonstrativ laut: "Guten Tag, Herr Sarrazin."

Wir müssen natürlich erst mal über den letzten Schocker in diesem öffentlichen Leben reden: An einem Sonntagvormittag im März, wenige Tage nach Erscheinen des neuen Buches, hatte im Berliner Ensemble eine Sarrazin-Lesung stattfinden sollen. Die Veranstaltung war spektakulär aus dem Ruder gelaufen und schließlich abgebrochen worden – linke Demonstranten hatten das Foyer des Theaters gestürmt, Sarrazin und sein Mitdiskutant Frank A. Meyer von der Zeitschrift Cicero hatten das Podium unter "Hau ab! Hau ab!"-Rufen verlassen müssen. Man tut ihm einen Gefallen, wenn man ihn heute nach jener Skandal-Matinee fragt, mit einem spitzen Lächeln und in der Sarrazin-typischen gezwungen sachlichen und umständlichen Diktion vollzieht er die Eskalation der Empörung und Gewalt nach.


Mit boshafter Freude schildert Sarrazin die hilflosen und gescheiterten Schlichtungsversuche der Hausherrin und Dramaturgin Jutta Ferber: Sie bittet um Ruhe, lässt das Publikum abstimmen, ob die Lesung stattfinden soll, droht schließlich damit, die Demonstranten von den "starken Männern" entfernen zu lassen (Sarrazin: "Nun ja, eine klassische Alt-68erin"). Von einer jungen Frau, die eine Erklärung verlas, fühlte sich Sarrazin an sein Studium, die Zeiten der Basisgruppen beim Bonner Asta, erinnert. Und jetzt kippt diese anfangs ganz sympathisch spöttische Schilderung doch in jenen überheblichen und verachtungsvollen Ton: "Ich bin ja nun schon so alt, dass ich bundesdeutsche Geschichte erlebt habe. Das verstehen diese jungen Dinger nicht. Die sind ganz aufgeregt und merken nicht, dass die Dinge, die sie vortragen, einen ehrwürdigen Bart haben." Und Sarrazin liefert den historischen Kontext, in dem junge Menschen, die eine Sarrazin-Lesung stören, sich seiner Ansicht nach bewegen: Spartakusbund, SA, Goebbels’ Straßenwahlkampf in Berlin. Moment, da fehlt doch noch ein Vergleich – hier kommt er schon: "Dass dieses Gerede in Stammheim endet, das wissen diese Leute nicht."