Das Interview können Sie auf den Seiten 4 bis 7 auf Türkisch lesen.

DIE ZEIT: Herr Kılıcdaroğlu, wie lange geben Sie Ihrem Premierminister Tayyip Erdoğan noch?

Kemal Kılıcdaroğlu: In einer funktionierenden Demokratie wäre er längst weg. Jemand, dessen Name mit Korruption in Verbindung gebracht wird, dürfte eigentlich nicht auf dem Stuhl des Regierungschefs sitzen. Aber er tut alles, um an der Macht zu bleiben. Er spaltet die Gesellschaft, missbraucht die Religion und pfeift auf das Gesetz.

ZEIT: Würden Sie ihn als eine Art Diktator bezeichnen?

Kılıcdaroğlu: Er ist ein Diktator. Er unterdrückt die Medien, die Wirtschaft, und die Bürokratie untersteht ihm allein. Er sagt: Ich bin der Staat. Erdoğan tut so, als sei der Gouverneur sein Gouverneur, der Bürgermeister sein Bürgermeister, der Direktor sein Direktor, der Arzt sein Arzt. Alles untersteht ihm, denkt Erdoğan. Deshalb findet er auch, dass er einfach etwa bei einem Fernsehsender anrufen und bestimmen kann, was gesendet wird. Oder dass er beim Justizminister anrufen und anordnen kann, dass dieser und jener Geschäftsmann verurteilt werden muss. Deshalb: Ja, Erdoğan ist der Diktator einer Türkei im 21. Jahrhundert.

ZEIT: Eine Regierung unter Korruptionsverdacht, gewalttätige Auseinandersetzungen auf der Straße, Tote – wo steht das Land?

Kılıcdaroğlu: Die Regierung führt die Türkei ins Chaos und in den Bürgerkrieg. Sehen Sie, vergangene Woche kam ein junger Mann ums Leben, 22 Jahre alt, sein Name ist Burak Can. Ein Schuss traf ihn am Kopf. Anstatt zu versichern, dass sein Tod untersucht wird, hat der Premierminister uns beschuldigt. "Das wart ihr", hat er gesagt.

ZEIT: Mittlerweile hat sich eine linksradikale Untergrundorganisation zu dem Mord bekannt.

Kılıcdaroğlu:Einen Tag zuvor starb Berkin Elvan, der 15 Jahre alte Junge, der während der Proteste im Gezi-Park von einer Tränengaspatrone am Kopf getroffen wurde. Er lag neun Monate lang im Koma. Die Täter wurden nicht ermittelt. Und was macht Erdoğan? Er lässt seine Anhänger Berkin auf Versammlungen ausbuhen. Die Türkei wird von einem Mann geführt, der nicht weiß, was Menschlichkeit ist.

ZEIT: Das Land steckt in einer Staatskrise. Wie, glauben Sie, kann die Türkei da wieder herausfinden?

Kılıcdaroğlu: Ich glaube ganz fest daran, dass die Wahlen in diesem Jahr, erst die Kommunalwahlen am 30. März, dann die Wahl des Staatspräsidenten und schließlich die Parlamentswahlen, das Land vom Schmutz befreien werden.

ZEIT: Wenn man sich die Umfragen anschaut, sieht es allerdings so aus, als wären Erdoğan und seine Regierung trotzdem sehr erfolgreich.

Kılıcdaroğlu: Das ist leider so, ja.