Der Berliner Osteuropa-Historiker Jörg Baberowski mag steile Thesen. In seinem Buch Verbrannte Erde hatte er den Stalinismus als Rückfall in eine archaische Gewaltherrschaft gedeutet. Das ist gewagt, weil der Stalin-Terror damit als Fremdkörper im sowjetischen Modernisierungsprojekt erscheint. In seinem Artikel Zwischen den Imperien, der vergangene Woche im Feuilleton der ZEIT erschienen ist, geht er noch einen Schritt weiter und erhebt das untergegangene Sowjetimperium zur emotionalen Heimat der russischsprachigen Ukrainer. Nicht nur die Krim, sondern auch die Gebiete im Osten der Ukraine sollen sich abspalten dürfen, meint Baberowski und setzt noch einen drauf: Der Westen habe in der ukrainischen Krise versagt, weil er die Geschichte der Ukraine nicht begreife. Baberowski schwingt sich zum Praeceptor Europae auf und erklärt mit Rankeschem Zungenschlag, "wie es eigentlich gewesen ist". Nämlich so: Eine ukrainische Nation habe es im 19. Jahrhundert überhaupt nicht gegeben, sie sei vielmehr ein Kind der sowjetischen Nationalitätenpolitik. Die Westukrainer hätten mit Hitler kollaboriert, während die Ostukrainer als Soldaten in der Roten Armee kämpften. Die Geschichtserinnerung sei deshalb im Westen und im Osten grundsätzlich unterschiedlich: Hier fühle man sich als Opfer der Geschichte, dort als Sieger. Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sei die Ukraine "dazu verdammt" gewesen, eine Nation zu werden.

Diese holzschnittartige Darstellung präsentiert eine dezidiert russische Sicht der Dinge und blendet zentrale Elemente der ukrainischen Kulturgeschichte aus. So trifft es nicht zu, dass Kiew und Charkiw vor und nach der Revolution keine Orte "nationaler Selbstvergewisserung" gewesen seien. Das Gegenteil ist wahr: Die sogenannte romantische Schule von Charkiw war in den 1830er Jahren ein prominentes Zentrum der ukrainischen Nationalbewegung; und die Kyrill-Methodius-Bruderschaft, aus deren Kreis die erste nationale Programmschrift stammte, formierte sich 1845 in Kiew. In beiden Städten gab es wichtige ukrainische Geheimgesellschaften, die sich gegen die repressive Russifizierungspolitik des Zarenreichs stellten. Und in den 1920er Jahren waren Kiew und Charkiw blühende Zentren des ukrainischen Modernismus.

Nachgerade abenteuerlich sind Baberowskis Thesen zur sowjetischen Nationalitätenpolitik. Mit der Aussage, die Ukraine verdanke ihre Staatlichkeit den Bolschewiki, sitzt er einem weitverbreiteten kommunistischen Mythos auf, der Lenin als Gründervater der Ukraine verehrt. Und wenn er die poststalinistische Sowjetunion als "erfolgreiches Modell innerethnischer Konfliktbewältigung" bezeichnet, dann übt er sich eher in Völkerfreundschaftsnostalgie als in historischer Analyse. Nur der Moskauer Repressionsapparat konnte die nationalen Aspirationen unter dem Deckel halten – als sich die Unterdrückung unter Gorbatschow lockerte, flog auseinander, was nie zusammengehört hatte. Im Schicksalsjahr 1991 gab es in allen Regionen außer auf der Krim eine hohe Zustimmung für die Unabhängigkeit der Ukraine. Auch Donezk im Osten stimmte mit 83 Prozent zu, Dnipropetrowsk sogar mit 90 Prozent. Auf der Krim, wo sich nach der Vertreibung der Krimtataren zahlreiche ethnische Russen niedergelassen hatten, erreichte die Zustimmung immer noch 54 Prozent.

Solche regionalen Differenzierungen kümmern Baberowski wenig. Er reduziert die Ukraine auf zwei Räume, die sich nach seiner Meinung fremd sind: eine nationalistische Westukraine und eine russischsprachige Ostukraine. Dabei verkennt er, dass für Donezk der Hauptgegner nicht das galizische Lemberg ist, sondern das rivalisierende Dnipropetrowsk. Außerdem bleibt er blind für die Tatsache, dass sich in der Ukraine nach über zwanzig Jahren staatlicher Unabhängigkeit eine demokratische Zivilgesellschaft gebildet hat. Vor allem die postsowjetische Generation definiert sich nicht mehr in ethnischen, sondern in staatsbürgerlichen Kategorien. So bezeichnen sich etwa 90 Prozent der Jugendlichen in Donezk als "Bürger der Ukraine", während sich noch etwa 30 Prozent der Älteren als "sowjetisch" wahrnehmen.

Am problematischsten ist aber Baberowskis politische Agenda: Die Krim soll in eine Autonomie nach Südtiroler Vorbild entlassen werden, dem Rest der Ukraine empfiehlt er eine Trennung nach tschechoslowakischem Muster. Bereits der erste Vergleich führt in die Irre. Die Krim war ja bis zum umstrittenen Referendum schon eine autonome Republik innerhalb der Ukraine. Überdies will Südtirol nicht von Italien nach Österreich wechseln, weil es so seine privilegierte Sonderstellung verlieren würde.

Die Samtene Revolution von 1989 kann nur schon deshalb kein Muster für die Ukraine sein, weil es keine Sollbruchstelle für eine Teilung gibt. In der Tschechoslowakei wurden bereits 1968 durch die Föderalisierung des Staates eine tschechische und eine slowakische Teilrepublik geschaffen. Wie dagegen soll die Ukraine getrennt werden? An der ehemaligen Ostgrenze der Zweiten Polnischen Republik? Oder am Dnipro, der die Ukraine etwa in zwei gleich große Hälften teilt? Was passiert mit dem Zentrum, das zwar über eine lange sowjetische und russische Vergangenheit verfügt, aber mittlerweile eigene politische Werthaltungen ausgebildet hat? Dem Vorschlag einer Trennung widerspricht auch die Tatsache, dass es sowohl im Westen als auch im Osten einen relativ starken Konsens gibt, die territoriale Einheit des Landes zu wahren.

Nicht genug, dass Baberowski mit seiner vereinfachenden Darstellung das völkerrechtswidrige Vorgehen Russlands auf der Krim mit einer fragwürdigen geschichtswissenschaftlichen Weihe ausstattet. Er befürwortet dasselbe Szenario auch für die Ostukraine, die weder historisch noch kulturell mit dem Sonderfall Krim vergleichbar ist. Baberowskis größter Fehler liegt wohl darin, dass er an die Existenz der Geschichte der Ukraine glaubt. Es ist Zeit, sich mit den unterschiedlichen Geschichten der Ukraine vertraut zu machen.