Artemis Alexiadou ist verdammt gut. Schon mit 33 Jahren wurde sie Professorin an der Universität Stuttgart. Inzwischen ist sie 45 und hat gerade den Leibniz-Preis bekommen, den wichtigsten Forschungsförderpreis in Deutschland. Mit ihren Modellen für sprachliche Strukturen hat die Linguistin international Standards gesetzt. Artemis Alexiadou ist begehrt. Und sie ist eine Frau.

Helmut J. Schmidt ist Präsident der Technischen Universität Kaiserslautern. Er umwirbt Frauen wie Alexiadou, er würde gerne mehr von ihnen einstellen. Aber viele Frauen haben bereits eine gute Stelle, wie Alexiadou, die derzeit überhaupt keinen Grund sieht, Stuttgart zu verlassen. Andere würden zwar wechseln – aber ausgerechnet nach Kaiserslautern? Wenn man Schmidt darauf anspricht, seufzt er nur: "Je stärker sich eine Frau in der Wissenschaft etabliert hat, desto schwerer ist es für uns, sie anzuwerben."

Jahrelang haben es Universitäten und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen versäumt, junge Wissenschaftlerinnen zu fördern und ihre Hierarchien durchlässiger zu machen für Frauen, die in Forschung und Lehre Karriere machen wollen. Jetzt macht die Politik Druck, viele Wissenschaftsministerinnen fordern mehr Professorinnen. Die Hochschulen selbst wollen weiblicher werden. Berufungskommissionen sind angehalten, international nach qualifizierten Frauen Ausschau zu halten. Bei Berufungsverfahren werden Kandidatinnen nun besonders berücksichtigt. Wenn es sie denn gibt. Denn: Wo sollen all die Frauen auf einmal herkommen?

Ist eine gute Frau gefunden, reißen sich gleich alle Unis um sie

"Gerade für die Besetzung von W2- und W3-Professuren ist der Pool an Kandidatinnen begrenzt", sagt Ferdi Schüth. Als Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) begleitet er die Umsetzung der Gleichstellungsstandards – ein Katalog von Leitlinien, mit dem sich das deutsche Wissenschaftssystem zu mehr Frauenförderung verpflichtet hat. "Hier herrscht derzeit ein dramatischer Wettbewerb. Wenn eine Universität eine gute Frau findet, reißen sich gleich alle um sie." Besonders ausgeprägt sei die Konkurrenz in den Ingenieur- und Naturwissenschaften, wo der Frauenanteil niedrig ist.

Kein Wunder also, dass es Helmut J. Schmidt als Präsident einer Technischen Hochschule schwer hat. "In bestimmten Fächern lautet die Frage für uns nicht: Kommt eine Frau auf Platz eins der Berufungsliste?, sondern: Nimmt sie die Stelle überhaupt an?", erzählt er. Wenn sich Kandidatinnen für eine andere Hochschule entschieden, liege das auch an der Strukturschwäche der Region um Kaiserslautern. In einigen Fällen sei die Berufung einer Professorin schlicht daran gescheitert, dass ihrem Mann keine adäquate Stelle in der Nähe vermittelt werden konnte.

Auch die Max-Planck-Gesellschaft mit ihrer stark naturwissenschaftlichen Ausrichtung hat mit der Frauenknappheit zu kämpfen. Ihr ehrgeiziges Ziel, den Professorinnenanteil im W2-Bereich auf knapp 30 Prozent zu steigern, hat sie verfehlt. "Wir haben das zusätzliche Problem, dass wir keine Leute von einer Hierarchieebene zur nächsten schleusen können wie die Unis", sagt Sprecherin Christina Beck. "Stattdessen müssen wir auf jeder Karrierestufe neu suchen".

Dabei sind die Gleichstellungsstandards, um deren Erfüllung sich die Forschungseinrichtungen derzeit bemühen, alles andere als eine feste Quote. "Das hätten wir nicht machen können", sagt DFG-Präsident Ferdi Schüth. Statt starrer Zielvorgaben gibt es nur Leitlinien. Und statt eines fixen Prozentsatzes, wie ihn die Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig den Unternehmen verordnen will, gibt es das sogenannte Kaskadenmodell.

Den knapp 9000 Professorinnen stehen 35 000 Professoren gegenüber

Dieses Modell sieht vor, immer den Prozentsatz an Frauen in Führungspositionen zu heben, der sich auf der Ebene darunter findet. Eine Uni, die 50 Prozent Studentinnen hat, soll auch 50 Prozent Doktorandinnen vorweisen. Bei 30 Prozent Doktorandinnen soll es auch 30 Prozent weibliche Postdocs geben. So würde die Zahl der Frauen stetig von unten nach oben zunehmen. Wie eine Institution dabei rechnet – ob sie die Gesamtheit ihres Personals oder jeden Fachbereich einzeln in den Blick nimmt –, bleibt ihr aber selbst überlassen. Auch der zeitliche Rahmen ist nicht streng fixiert. Die Fortschritte müssen lediglich jedes Jahr an die DFG rapportiert werden. Bislang sind sie eher mäßig.

Atmosphärisch hat sich in der Forschungslandschaft viel verändert. Frauenförderung ist längst nicht mehr das Sonderprojekt einer einzelnen Gleichstellungsbeauftragten, sondern Chef- oder Chefinnensache. Die harten Zahlen jedoch spiegeln diesen gefühlten Trend noch lange nicht so ausgeprägt wider, wie sich manch Verantwortlicher das wünschen würde.