Es ist zu einer Art Volkssport geworden, Wladimir Putin, den großen Unbekannten aus dem Osten, zu psychologisieren. Die seelenkundlichen Gutachten fallen – es handelt sich zumeist um Ferndiagnosen – im Detail unterschiedlich aus, doch geht man zurzeit von einer unguten Bewusstseinstrübung aus. Begierig wird das angebliche Wort der Kanzlerin aufgegriffen, Putin habe den Kontakt zur Realität verloren. Er sei eben ein "einsamer Mensch", heißt es im Focus, umgeben von "Höflingen und Claqueuren" – dabei sei er früher offen und weltzugewandt gewesen, es müsse in den vergangenen Jahren eine bedauernswerte Persönlichkeitsentwicklung stattgefunden haben. Westliche Politiker missverstünden Putin, heißt es wiederum in der FAS, wenn sie meinten, er sei pragmatisch und ein "guter Stratege", vielmehr herrsche in seinem Oberstübchen "der blanke Wahnsinn". Vielleicht, wurde in der NZZ räsoniert, sei Putin "der Getriebene seiner Kindheitstraumata", jemand "auf der Suche nach Vaterfiguren". Und könnte es wahr sein, so will es ein Gerücht, dass Putin nicht im damaligen Leningrad, sondern im heutigen Georgien geboren und zur Adoption freigegeben wurde? Wenn ja, was bedeutete dies für seine Psyche und für die Krimkrise? Lässt sich der Konflikt wirksam niederringen, wenn man einmal recht begriffen hat, dass sich Putin "nur in trauter Männerrunde und mit Tieren" (taz), aber nicht mit Frauen so richtig wohlfühlt?

Man muss wissen, dass die Quelle so gut wie aller psychologischen Betrachtungen zu Putin, über den man letztlich wenig Persönliches weiß, bis heute auf eine nicht mehr lieferbare Autobiografie zurückgeht, genauer gesagt, auf einen Interviewband, in dem Putin als frisch gewählter Präsident vor 14 Jahren ausgewählten russischen Journalisten seine Lebensgeschichte erzählte, was ein einmaliger Vorgang war. Das Buch heißt Aus erster Hand, ist 240 Seiten lang und wurde auch in Deutschland im Jahr 2000 bei Heyne verlegt. Wie sich leicht zeigen lässt, taugt das Buch zwar nur bedingt dazu, Putins Psyche hinreichend zu erklären, dafür gibt er sich zu verschlossen, aber er entfaltet darin anhand seines Lebenslaufs – und womöglich ist dies auch weitaus interessanter – beharrlich Szenen des Kampfes und der Kriegstaktik (allerdings, was wichtig ist, kaum der Kriegsstrategie).

Putin erzählt zunächst, dass sein Großvater väterlicherseits sowohl für Lenin als auch für Stalin als Koch gearbeitet habe, dass seine Eltern, was seinerzeit nicht selbstverständlich gewesen sei, aus Liebe geheiratet hätten, dass sein Bruder die Leningrader Hungersnot nicht überlebt und sein Vater gegen die Deutschen gekämpft habe. Auf Seite 15 findet sich die erste Passage von großer militärischer Allgemeingültigkeit: "Ich glaube, dass im Krieg immer viele Fehler gemacht werden. Das lässt sich nicht vermeiden. Aber wenn man Krieg führt und darüber nachdenkt, dass um einen herum alle Fehler machen, dann wird man niemals siegen. Man muss dazu eine pragmatische Einstellung gewinnen. Und man muss den Sieg im Kopf haben. Damals hatten sie den Sieg im Kopf." Dass sein Vater im Nahkampf von einer deutschen Granate getroffen wurde und nur schwer verletzt überlebte, quittiert Putin lakonisch: "So einfach ist das Leben."

Die Familie lebte nach dem Krieg in einer Vorstadt St. Petersburgs in ärmlichen Verhältnissen, hier habe Putin verstanden, was es heiße, "in die Enge" getrieben zu werden: "Im Aufgang hausten Ratten. Meine Freunde und ich jagten sie immer mit Stöcken. Einmal entdeckte ich eine riesige Ratte und begann mit der Verfolgung, bis ich sie in die Ecke getrieben hatte. Nun konnte sie nicht mehr entkommen. Da bäumte sie sich plötzlich auf und ging auf mich los. Das geschah völlig unerwartet, und ich war einen kurzen Moment geschockt. Jetzt hatte sie den Spieß umgedreht und jagte mich! Sie sprang über die Treppenstufen nach unten. Ich war aber doch schneller und schlug ihr die Tür vor der Nase zu."

Mit der ersten, allgemeinen Reflexion zum Krieg verweist Putin in aller Knappheit auf eine Kampftaktik, die aus russischer Perspektive in das frühe 19. Jahrhundert zurückreicht. Russlands erfolgreicher Partisanenkrieg gegen die napoleonische Armee setzte konsequent auf Kontingenz, den nackten Zufall, auf Guerilleros, die die umständliche Ordnung und die Stellungen des Gegners zu sprengen vermochten – was unter anderem den Anarchisten Michail Bakunin, Tolstoi in Krieg und Frieden, aber auch die Bolschewisten umtrieb. Um es in Putins Terminologie zu sagen: Man muss in einem vaterländischen Feldzug vor allem den Sieg im Kopf haben und nicht die bedenkenvolle Fehlervermeidung. Der Kriegsverlauf kann auch unordentlich und nicht lupenrein ausfallen, es kommt auf die kühl kalkuliert erzeugte Emphase des Volkes an und nicht zwingend auf das Kriegs- oder Völkerrecht, nicht auf klar erkennbare Militärinsignien und dergleichen. Das Rattengleichnis verhält sich hierzu durchaus anschlussfähig: Was passiert, wenn Russland sich in die Enge getrieben fühlt? In genau diesem Moment kommt es zum irregulären und unwahrscheinlichen Gegenschlag, zum nur auf den ersten Blick unvernünftigen Aufbäumen. Gegen Ende des Buches wird Putin gefragt, wer seiner Ansicht nach der größte Politiker sei. Er antwortet lachend: "Napoleon Bonaparte", was sehr ironisch gemeint ist.

Mit einem Minimum an Aufwand die größtmögliche Wirkung erzielen

Zum Partisanenkrieg passt das Selbstverständnis des Interviewten: "Natürlich war ich ein Rowdy und kein Pionier (…) Ich war wirklich ein Gassenjunge." Aber einer, der im Laufe der Jahre den Nahkampf durchaus verfeinert, um in der Schule "der Anführer zu sein". Er boxt und bricht sich das Nasenbein und findet schließlich zum Judo. Judo ist bekanntlich eine Kampfsportart, die sich einer strengen Ökonomie beugt: Es geht darum, mit einem Minimum an Aufwand die größtmögliche Wirkung zu erzielen, darum, mit nur einem kleinen, überraschenden Griff oder einer unerwarteten Fußbewegung den Gegner zu schlagen. Einmal, erinnert sich Putin, habe er gegen einen amtierenden Weltmeister gekämpft und nur knapp verloren: "Bei schmerzhaften Handgriffen kann im Judo ein Aufschrei als Signal für eine Kapitulation gedeutet werden. Als er einen solchen schmerzhaften Griff ausführte – er verdrehte mir das Ellbogengelenk –, wurde der Kampf abgebrochen. Der Schiedsrichter hatte den Eindruck, dass ich irgendwelche dumpfen Laute von mir gegeben hatte." Deshalb habe sein Gegner schließlich gesiegt. Mit anderen Worten: Es verliert nicht unbedingt, wer auf den ersten Blick besiegt wird. Es verliert, wer die Niederlage zu erkennen gibt. Wie die Ratte, die im Angesicht der Bedrohung wimmert, statt sich zu besinnen und den übergroßen Gegner zu besiegen.

Putin erzählte, wie er als Jura-Absolvent schließlich zum KGB kam – nämlich aufgrund der sowjetisch-popkulturellen Propaganda: "Ich habe Bücher gelesen und Filme angesehen", und er habe sich allerlei James-Bond-Haftes imaginiert. Als KGB-Mitarbeiter war Putin in Deutschland in der etwas belanglosen Außenstation in Dresden, wo er die Wende erlebte. Die Zeit beim KGB habe er letztlich als unbefriedigende Lebensepisode in Erinnerung, weil sich das Abenteuerliche des Agentendaseins im Bürokratischen, im weisungslastigen Angestelltendasein erschöpfte. Wahre Autonomie und Gestaltungsmacht habe er erst als Präsident erlangt.

"Bewahren Sie in kritischen Situationen immer die Ruhe?", wird Putin gefragt. "Ja. Ich reagiere vielleicht sogar zu ruhig. Früher, als ich auf die Geheimdienst-Schule ging, stand in einer Beurteilung als negativer Wesenszug: 'Mangelnde Ernsthaftigkeit in Gefahrensituationen.' (...) Man muss in Gefahrensituationen angespannt sein, um angemessen reagieren zu können. Das ist wirklich wichtig. Angst muss sein wie Schmerz. Wenn etwas weh tut, dann heißt das, dass etwas mit dem Organismus nicht stimmt."

Nur wer Angst hat, wird sich, wenn er in die Enge getrieben wird, wieder aufbäumen können. Nur wer Angst hat, wird einen übermächtigen Gegner besiegen – durch einen überraschenden Handgriff. Nur wer Angst hat, wird vom gehorsamen Söldner zum Partisanen. Wovor Putin Angst hat, entfaltet er im Jahr 2000 unmissverständlich: Er hat Angst vor der Umklammerung durch den Westen, vor allem aber vor der "Fortsetzung des Zerfalls der UdSSR. Es ist doch klar, dass man dies irgendwann einmal stoppen muss. In der Tat, eine Zeit lang habe ich gehofft, dass dieser Prozess durch das Wirtschaftswachstum und die Entwicklung demokratischer Strukturen gebremst würde. Aber das Leben und die Praxis haben gezeigt, dass dies nicht der Fall war."

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