DIE ZEIT: Warum interessieren Sie sich ausgerechnet für Crescent City?

Lori Dengler: Weil die Stadt ein Tsunami-Magnet ist. Es gibt einige wissenschaftliche Gründe, warum diese Kleinstadt in Nordkalifornien so gefährdet ist: etwa ihre geografische Lage, das Relief des Meeresbodens und die Form der Küste.

ZEIT: Also ist es eine Laune der Natur, dass dort besonders viele Tsunamis ankommen?

Dengler: So kann man das sagen. Die Stadt ist einer der westlichsten Punkte Kaliforniens und ragt deutlich in den Pazifik hinaus. Sie ist nicht durch eine Bucht oder Nehrung geschützt, wie andere Küstenstädte, und damit den Wellen mehr oder minder schutzlos ausgeliefert. Zudem ist die Küste hier sehr flach. Je seichter das Wasser, desto höher die Wellen und desto kürzer die Abstände zwischen den Wellenkämmen. Ein Stück weit draußen konzentriert die Form des Meeresbodens die Kraft von Tsunamis aus dem westlichen Pazifik und lenkt sie geballt auf die Küste.

ZEIT: Crescent City heißt übersetzt: Stadt des Halbmonds.

Dengler: Weil die Stadt sichelförmig am Wasser liegt, der Hafen ist in Richtung Süden offen. Bei einem schweren Tsunami drückt das Wasser über einen längeren Zeitraum in das kleine Hafenbecken – und reißt alles mit sich.

ZEIT: Das heißt?

Dengler: Crescent City wurde in seiner 160-jährigen Geschichte einmal ganz zerstört. Das war vor genau 50 Jahren, am 28. März 1964. Etwa 300 Gebäude lagen in Trümmern, Öltanks am Hafen brannten aus, 20 große Fischkutter waren kaputt, zwölf Menschen starben. Der Hafen wurde schon drei Mal nahezu komplett zerstört.

ZEIT: Wie viele Tsunamis gab es in der Gegend rund um Crescent City?

Dengler: Seit 1933, als die entsprechenden Messinstrumente installiert wurden, haben wir 37 Tsunamis an der Nordküste Kaliforniens gezählt. Crescent City ist vor allem von solchen Tsunamis betroffen, die weit draußen auf dem Pazifik entstehen. Vier davon haben erheblichen Schaden angerichtet: der aus Chile im Jahr 1960, der aus Alaska 1964, der Tsunami, der 2006 von den Kurilen in Ostasien kam – und der aus Japan 2011.