Der Kulturwissenschaftler Andreas Bernard © Andreas Labes

Fünf Eltern haben das Kind gezeugt: Als Eduard und Charlotte in jener legendären Nacht miteinander schliefen, war Eduard in der Fantasie bei seiner Geliebten Ottilie und Charlotte bei ihrem Geliebten, dem Hauptmann. Ein Fünfter, der Eheberater Mittler, wirkte als Katalysator. Das Kind Otto, das so entstand, war etwas radikal Neues: Es trug in den Augen der Liebenden die Gesichtszüge der Imaginierten. Ein Kind der Einbildungskraft! Unter den Zeitgenossen, die 1809 von diesem Zeugungsakt in Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften lasen, hat er für moralische Verwirrung gesorgt – dabei hatte Goethe keinen Zweifel gelassen, dass dieses Szenario die außermoralische Versuchsanordnung eines naturwissenschaftlich versierten Autors war.

Wer zeugt wessen Kind, wer trägt es für wen aus? Kaum sind dieser Tage die entgleisten Worte der Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff verklungen, die in künstlich gezeugten Kindern "Halbwesen" sah und in heutiger Reproduktionstechnologie ein fatales Erbe der Nazis, da erscheint, wie bestellt, ein Buch, das Licht ins Dunkel bringt und das sich auf Goethes Wahlverwandtschaften bezieht: Ja, heute haben manche Kinder wirklich fünf Eltern, schreibt jetzt Andreas Bernard in seiner wissenschaftsromanhaften Habilitationsschrift Kinder machen, die sich der "Reproduktion im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit" widmet. Ein solches Kind hat heute als Eltern den Samenspender, die Eizellspenderin, die Leihmutter und die beiden Eltern, mit denen es lebt. Diese Fünfheit ist selten. Doch andere Variationen der "assistierten Empfängnis", die bei unfruchtbaren oder gleichgeschlechtlichen Paaren die natürliche Zeugung ersetzen, seien so zahlreich, berichtet Bernard, dass man von einer Normalitätsvariante sprechen könne. Das radikal Neue ist durch Erfahrung beruhigt.

Allein in den gut 140 deutschen Reproduktionszentren werden pro Jahr über 10.000 Kinder außerhalb des Mutterleibs gezeugt, jede vierzigste Geburt geht auf diese Praxis zurück, und weltweit sind so bisher fünf Millionen Kinder entstanden. Viele Menschen kommen hinzu, deren Leben durch Samenspenden Dritter begann, in Deutschland allein sind es 100.000 seit den siebziger Jahren. Und darüber hinaus gibt es eine unbekannte, aber steigende Zahl von Kindern, die durch Leihmütter und/oder Eizellenspenden zur Welt kommen, beides Praktiken, die in Deutschland rechtlich nicht zulässig sind, deretwegen man also ins Ausland reist. Was Andreas Bernard auf den 500 Seiten seiner Geschichte der Reproduktion in der Moderne interessiert und besorgt, ist vor allem, wie Technik und Wissen eine Gesellschaft verändern.

Ohne Aufregung, mikroskopisch genau recherchiert und mit wacher Skepsis fragt Bernard, wie die modernen westlichen Gesellschaften die neuen Reproduktionstechnologien mit der Ordnung der bürgerlichen Familie in Einklang bringen, die gleichzeitig mit der Embryologie entstand: ab 1770. Das Buch Kinder machen ist deshalb so ausgezeichnet, weil es die Geschichte des biohistorischen Zeugungswissens engführt mit der Geschichte der modernen Familie und ihrer Gefühle um 1800. Erst die doppelte Geschichtlichkeit öffnet den Blick auf die heutigen Schauplätze der Reproduktion: auf Kliniken, Samenbanken, Websites, Leihmutter-Agenturen. Bernard war überall dort, wo mit technischer Hilfe Familien entstehen. Er führte Gespräche, besichtigte Labors, las Statistiken. Was er dabei entdeckt hat, ist nicht der Zerfall aller Werte, sondern eine zeitgenössische Belebung des bürgerlichen Vater-Mutter-Kind-Modells, das um 1800 entstand und das heute in der kinderlosen Gesellschaft ermattet.

Sein Befund: Wo in den 1980er Jahren apokalyptische Ängste vor technischer Menschenzurichtung regierten, wie sie das Denken von Lewitscharoff immer noch prägen, da waltet heute die Auffassung, dass das Leiden unfruchtbarer Paare nicht nötig ist. Man kann etwas tun, wie bei Diabetes, bei Übergewicht, Schwerhörigkeit. Die meisten Frauen, die ein Kind wollen, sind um die 40, bei vielen sind die fruchtbaren Jahre vorbei, vor lauter Arbeit und Warten auf den richtigen Zeitpunkt ist er verstrichen. Aber mit Arbeitsmarkt- oder Paarbildungsanalysen hält Bernard sich nicht auf. Er stellt anhand seiner Interviews fest: Das gefürchtete Retortenbaby hat sich in das ersehnte Wunschkind verwandelt, für das man viel medizinische und finanzielle Mühe auf sich nimmt. Aus der Furcht vor totalitärer Menschenzüchtung wurde die individualisierte Sonderform der freiwilligen "Eugenik ohne Eugenik", die dafür sorgt, dass sich für jeden – jenseits von Zufall, Pflicht, Üblichkeit oder Gewalt – ein Kind herstellen lässt. Bernard führt aus, das Leben dieser Kinder sei gut genug erforscht, um sagen zu können: Es gibt biografische Zweifel, Irritationen und Nöte, zumal bei Kindern aus Samenspenden, aber seelische Not gibt es bei Kindern aus natürlicher Zeugung auch.