Vielleicht ging es schlicht nicht anders, vielleicht hat es auch bloß niemand gemerkt, jedenfalls steht jetzt das ganze Gebäude verkehrt herum. Verkehrt herum, weil der U-Bahn-Zugang nun dummerweise auf der Rückseite liegt und nicht dort, wo er praktischerweise liegen müsste, am Haupteingang des Neubaus. Weil der Mensch zum Schleichweg neigt, wird er nicht erst den endlos langen Gebäuderiegel abschreiten, nur um die Empfangshalle ordnungsgemäß von vorn zu betreten. Nein, er wird von hinten kommen, vorbei an ein paar Grashügeln, die sich Park nennen, vorbei auch an der Tiefgarage mit ihren gähnenden Mäulern, dann zwei steile Treppen hinauf und gleich wieder zwei steile Treppen hinunter, um endlich dort zu stehen, wo er hinwollte: mittendrin im wichtigsten Neubau, den Hamburg derzeit zu bieten hat.

Unweit der Elbphilharmonie, an der noch immer gewerkelt wird, nimmt am 1. April eine eigens gegründete Hochschule ihren Betrieb auf, stolz nennt sie sich HafenCity-Universität. Rund 2000 Studenten lassen sich hier zu Architekten, Bauingenieuren und Stadtplanern ausbilden. Ihr wichtigstes Lehrstück werden sie künftig direkt vor der Nase haben. Denn natürlich erzählt so eine Architekturhochschule auch immer vom Können und Wollen der eigenen Zunft. Und außerdem vom Können und Wollen der Stadt, die hier zum Bauherrn wird und damit zum Vorbild für all die Investoren und Großplaner, die rundum die Bauten der HafenCity hochziehen und dabei oft lauter Nichtigkeiten produzieren. Die neue Hochschule sollte ein Manifest werden, ein Inbild des besseren Bauens. Herausgekommen ist, nun ja, etwas anderes: weniger Haus als Symptom.

Da ist es noch das Geringste, dass der Bau viel zu spät fertig wurde (um drei Jahre). Dass er viel teurer ist als geplant (um wie viele Millionen, will die Stadt noch nicht verraten). Dass er obendrein viel zu klein geraten ist und etliche Arbeitsplätze für die Studenten fehlen (um die 500). Das eigentliche Problem ist die gewaltige Belanglosigkeit, die einem hier entgegenschlägt. Diese Architektur will nichts: nichts bedeuten, bewirken, vorantreiben. Und wenn sie anfangs doch mal etwas wollte, irgendwie ökologisch sein zum Beispiel, indem sie die Fassade mit Recyclingglas und Brüstungen mit Solarkollektoren behängt, dann kann man sicher sein, dass auch daraus nichts wurde, aus Kosten- oder sonst welchen Gründen.

Andernorts, in Lausanne etwa, entstehen Hochschulen, in denen die Freiheit der Lehre und die Freiheit des Bauens ein Bündnis eingehen. Man fragt, man forscht, man geht an seine Grenzen, immer auch in architektonischem Sinne. Man will das Lernen neu erfinden. Hier aber, in Hamburg, fiel dem Dresdener Architekturbüro Code Unique nichts anderes ein, als zwei verkantete Riegel am Hafenrand abzustellen, der eine schwarz (nach Süden hin, damit er sich im Sommer schön aufheize), der andere weiß verpackt in Wärmedämmplatten (zur Stadt hin, vermutlich, um mit ein wenig Bauhaus-Flair zu signalisieren, dass es sich hier um eine Architekturhochschule handelt). Verbunden werden die beiden Stränge durch eine plump hineingequetschte Glashalle, wie man sie sonst nur von Einkaufszentren kennt.

Überboten wird sie an Hilflosigkeit nur von der großen, schaufensterartigen Öffnung, die den Bau seitlich zur Straße hin öffnen soll (Transparenz, ganz wichtig!) und vermutlich zeigen will, was im Inneren so vor sich geht. Was aber sieht man durch die Scheiben? Nur weitere Scheiben und davor eine Nottreppe. Ein Sinnbild verfehlter Ideen.

Gut, in der Haupthalle gibt es einen Moment des Staunens. Der Raum ist weit und hoch und wird von einer schwarzen Treppe kreuz und quer durchschnitten. Und sicher stimmt es, dass dieser Bau schöner und besser aussähe, wäre die Stadt nicht so geizig mit sich selbst gewesen und hätte nicht in der Haupthalle die Wandverkleidung eingespart oder in der Kantine die Deckenverkleidung. Vor allem aber haben die Architekten selber an vielem gespart: an Wagemut und Raffinesse. Baukunst, das heißt sie für sie offenbar nur: Wir stellen hier und da ein paar spitzwinklige Baukörper aus Sichtbeton ab, die versteht niemand, braucht niemand, die machen den Grundriss kompliziert, und irgendwie ist das wohl Kunst. Ähnliches an den Fassaden, wo nach Süden graue Brüstungsbänder so verzogen und krumm die Wände überziehen, als hätte der letzte Orkan sie ramponiert. Es sollte halt, sagt einer der Architekten, nicht ganz so langweilig aussehen. Ein bisschen Ragen und Kragen, einige möchtegern-skulpturale Großgesten – beliebiger hätte das irgendein Großinvestor auch nicht hinbekommen.

Vielleicht wäre all das sogar zu verschmerzen gewesen, wenn jedenfalls die Arbeitsräume passabel ausfielen. Doch bekommen die Professoren nur dürftige Kämmerchen zugewiesen, dazu einen schlauchigen Vorraum, in dem der sogenannte Austausch stattfinden soll, nur ist es dort oft derart eng, bedingt durch die Verrenkungen des Bauwerks, dass man allenfalls Akten stapeln kann. Für die Studenten gibt es vor allem Großnischen, mit vielen Tischen und vielen Stühlen – ein lärmendes, kreatives Miteinander soll so entstehen. Und zumindest eines lässt sich hier gewiss lernen: mit der Unruhe eines Großraumbüros klarzukommen.

Der Neubau hätte das Miteinander befördern sollen, hätte helfen können, die neue Universität, die vor ein paar Jahren aus drei Hochschulen zwangsverschmolzen wurde, endlich zu einen. Er hätte auch den doch recht lädierten Ruf der Hochschule ein wenig bessern können. Stattdessen: gebaute Halbherzigkeit. Diese Hochschule weiß nicht, wo sie hinwill und was sie sein möchte. Sie weiß nur, dass sie sparen muss und schrumpfen. Und so hat sie, bei Licht betrachtet, ein sehr ehrliches Gebäude bekommen. Die eigene Verlorenheit ist Form geworden.