Deutschland lebt, von Freunden umzingelt, friedlich in der Mitte Europas.

Die Bundeswehr wird nicht mehr für die klassische Landesverteidigung gebraucht, sondern dafür, Konflikte außerhalb des Nato-Gebiets zu befrieden.

Und: Der Wandel von einer verteidigungsstarken Abschreckungs- zur global agierenden Einsatzarmee erzwingt das Ende der Wehrpflicht.

Auf diesen drei Glaubenssätzen (und der Tatsache, dass der frühere Minister zu Guttenberg einen Sparbeitrag zum Haushalt bringen musste) basiert der aktuelle Großumbau der deutschen Streitkräfte. Das Problem ist nur: Diese drei Grundsätze erweisen sich möglicherweise gerade als falsch.

Russland hat sich die Krim einverleibt, die Ukraine sucht Zuflucht in der EU. Grenzen werden verschoben, Einflusszonen neu abgesteckt. 25 Jahre nach dem Fall der Mauer geht ein Riss durch Europa, einer, der als überwunden galt, doch jetzt erneut die Weltpolitik bestimmt: hier die Russen, da der Westen. Die einen schwächer geworden und unberechenbarer, der andere größer und selbstgefälliger. Und der bisher mächtigste Teil, die USA, proben gerade den Absprung in den pazifischen Raum.

Die Deutschen erkennen, dass sie in der Mitte Europas nicht so friedlich leben, wie sie soeben noch dachten, dass ihre Umzingelung nicht nur freundlich ist – just zu einem Zeitpunkt, da sich ihre Armee fitter macht für Einsätze in Afrika und sonst wo. Der alte Ost-West-Konflikt ist wieder voll entbrannt – und die Bundeswehr passt sich einer Wirklichkeit an, die soeben Vergangenheit geworden ist. Sicherheitspolitik im Paralleluniversum.

In den Verteidigungspolitischen Richtlinien, dem Grundsatzdokument deutscher Sicherheitspolitik, steht die Landesverteidigung zwar an erster Stelle aller Bundeswehraufgaben. Doch dort steht sie nur, weil Thomas de Maizière Jurist und ein überaus korrekter Mann ist. Als der damalige Verteidigungsminister die Richtlinien im Mai 2011 neu verfasste, setzte er die Landesverteidigung an die Spitze der Rangliste, weil sie der einzige Auftrag ist, den das Grundgesetz der Bundeswehr erteilt. Sein Konzept zur Neuausrichtung der Bundeswehr zielte aber ausschließlich auf eine offensivere, von Krisenprävention und Anti-Terror-Kampf gestellte Aufgabe: den Auslandseinsatz.

In einer Grundsatzrede erklärte de Maizière im Juni 2012 vor der Gesellschaft für Auswärtige Politik: "Wahrscheinlicher als Landesverteidigung und Bündnisverteidigung sind heute Einsätze der Bundeswehr zur Krisenbewältigung und Konfliktverhütung – nahezu überall auf der Welt." Diese "potenziellen Einsätze" seien es auch, die "unsere Fähigkeiten, unsere Ausrüstung, unsere Strukturen bestimmen müssen". Im Klartext: Die Verteidigung des eigenen Landes ist nicht mehr so wichtig, wichtiger ist der Einsatz im Ausland.