Ach, die lieben Zeitungskollegen, die vor zehn Jahren von München nach Berlin kamen (warum eigentlich?), seitdem ihr Mittagspäuschen im Borchardt verschnattern und nicht aufhören können, dem Himmel vorzuklagen, wie poofig, kiezig, schmuddelig, unverschämt, unkultiviert, geschmacklos es in Berlin zugeht, verglichen mit den kosmopolitischen Wundern Münchens. Neuerdings haben die lieben Kollegen einen besonders seltsamen Grund für ihren Jammer. Sie vermissen in Berlin Metzgereien. Liebe Kollegen: Es gibt lediglich in Prenzlauer Berg keine Metzgereien, weil dort vegetarisch gegessen wird! (Ich biete an dieser Stelle eine persönliche Berliner Metzgereistadtführung an.)

Das musste ganz allgemein mal gesagt werden. Jetzt zum Speziellen. Wer je auf die Idee kam, Berlin für eine kiezige Stadt zu halten, kommt in einem neuen Berlinbuch auf seine Kosten. Es wurde von einem jungen Mann namens Christian Klier recherchiert und vor allem bebildert. Es handelt sich wohl um seine Diplomarbeit an der Kunsthochschule Weißensee. Das könnte die optische Drastik und Verwilderung des Buches erklären. Aber da es ein Berlinbuch ist, passt das ja. Es geht um ein Berlinphänomen: den Späti. Das ist die Abkürzung von Spätkauf. Dabei handelt es sich um einen zumeist kleinen Laden, besser gesagt, um einen vergrößerten Kiosk. Die durchschnittliche Ladenfläche beträgt 38 Quadratmeter. Es gibt in Berlin rund 900 Spätis – Christian Klier hat 200 erforscht –, deren Wesen sich in drei Merkmalen erfassen lässt. Erstens: Der Späti ist rund um die Uhr geöffnet. Zweitens: Der Späti bietet, neben dem privilegierten Angebot von Rauch- und Trinkwaren, einen Querschnitt durch sämtliche Konsumgüter des Alltags, also Dosennahrung, Haarshampoo, Gartengeräte, Plüschtiere, Geburtstagsdekoration, Glühbirnen et cetera. Natürlich gibt es, dies nur als Tipp für die lieben Kollegen, je- de Menge Bockwürstchen im Glas. Drittens: Der Späti ist ein Ort hoher sozialer Durchmischung, zumindest für die Laufkundschaft. Die Stammkundschaft ist eher der Unterschicht zuzurechnen und verbringt hier ihr Leben.

Jeder normale Berliner hat einen Lieblingsspäti. Mein Favorit liegt am oberen Ku’damm und entgeht märchenhafterweise dem Rauchverbot. Direkt neben zwei Kisten mit Obst und Gemüse steht ein winziger, durchgehend dicht bevölkerter Rauchertisch. In einem Privatexperiment habe ich herausgefunden, dass von allen Gemüsesorten Möhren den Geruch von Zigarettenrauch am längsten behalten. Selbst im Übergang zur Fäulnis riecht eine solche Späti-Möhre noch intensiv nach Marlboro.

Das Buch von Christian Klier mit dem Titel Der Späti ist das beste, liebevollste, lässigste, lustigste Berlinbuch aller Zeiten. Wer mit diesem Buch nichts anfangen kann, sollte wirklich zurück nach München. Allein die Zitate! Späti-Betreiberin Regina: "Wir wussten auch nicht, was wir verkaufen sollten. Wir haben gewartet, was die Leute bestellten. Am nächsten Tag hatten wir es dann im Laden." Natürlich gibt es auch in anderen Städten Spätis, sie heißen da nur anders. In Dortmund Trinkhalle, in Frankfurt Wasserhäuschen. In München heißen sie vielleicht ganz gepflegt – Tante-Emma-Laden.