Donna Tartt bei der Weltpremiere von "Der Distelfink" in Amsterdam © Bas Czerwinski

Donna Tartt liebt die Vergangenheit. Als sie dieser Tage in Deutschland auf einer kurzen Lesereise ihren Roman Der Distelfink vorstellt, legt sie extra einen Stopp in Berlin ein, um sich den Pergamonaltar anzuschauen. Kurz nach dem Museumsbesuch sitzt die 50-Jährige auf dem Sofa einer Suite im Hotel Adlon und studiert die Speisekarte. Sie bestellt Kartoffelsuppe, Räucherlachs und Assamtee und schwärmt vom Palazzo Massimo in Rom, wo sie vor ihrer Deutschlandreise war. Dann sagt sie unvermittelt mit Blick auf das Aufnahmegerät: "Okay, an die Arbeit." Es klingt, als wolle sie die Sache schnell hinter sich bringen.

Tartt war 28 Jahre alt, als ihr Anfang der achtziger Jahre mit der Geheimen Geschichte ein sensationeller Erfolg gelang. Der Roman über eine dekadente Gruppe von Altphilologie-Studenten, die aus absonderlichen Gründen erst einen Fremden ermorden und dann einen der Ihren, katapultierte Tartt aus ihrem Studentenleben mit einem Schlag ins Rampenlicht. Vanity Fair porträtierte die dunkelhaarige Autorin aus Grenada, Mississippi, damals als eigentümliches Wesen, das seine Kleidung wegen einer Körpergröße von nur 1,52 Metern bei Gap Kids kauft, Homer im Original liest und stark von der literarischen Tradition des Southern Gothic geprägt ist – also von Autoren wie William Faulkner und Tennessee Williams, deren Geschichten vor dem Hintergrund der zerfallenden Südstaaten-Aristokratie von zerbrochenen Charakteren in meist ausweglosen Situationen erzählen. Und auch Donna Tartt haftet etwas Melancholisches an, sie gilt als düster und unnahbar. Zumal ihre sorgfältig inszenierten Autorenfotos stets eine leichenblasse, ernste Frau mit akkurat geföhntem Pagenkopf in hochgeschlossenen Hemden und strengen Anzügen zeigen. Auf Bildern wirkt sie frostig und kühl. An diesem Montagnachmittag in Berlin trägt Tartt grobe Springerstiefel, schwarze Lederhosen und ein modisches Oversize-Sakko in Dunkelgrau. Dazu auffallend große Ringe, eine schwere Armbanduhr und ein gemustertes Seidentuch, das sie eng um den Hals geschlungen und vorne geknotet hat. Ihr maskulines Dandy-Rocker-Outfit bricht Tartt mit einem rot karierten Schultertuch, das ihr eine so nachlässige Eleganz verleiht, als sei sie einem Roman von Henry James entsprungen.

Was ist das Wesen der Liebe? Was ist ein gutes Leben?

Bevor The Goldfinch im Oktober in den USA erschien, hat Tartt sich zehn Jahre lang nicht öffentlich zu Wort gemeldet. Kein Essay, kein Interview, keine Lesung. The Goldfinch kletterte sofort an die Spitze der New York Times-Bestsellerliste und wurde als großer Wurf gefeiert. Auch in Deutschland spricht man etwa im Feuilleton der FAZ vom "Meisterwerk" einer "großen Erzählerin". Bereits in der zweiten Woche nach seinem Erscheinen steht Der Distelfink auf der Spiegel-Bestsellerliste.

Natürlich laden Tartts rigorose Zurückgezogenheit und mystische Erscheinung zu Spekulationen ein. Nur wenige private Details sind bekannt – etwa, dass sie zwischen ihrem Apartment in New York City und ihrem Landhaus in Virginia pendelt. Dass sie ungewöhnlich klug und belesen ist, allein lebt und drei Hunde hat, darunter den Mops Punch. Die Autorin führe ein so zurückgezogenes Einzelgängerleben, das sie an den notorischen Einsiedler J. D. Salinger erinnere, heißt es. Darauf angesprochen, schüttelt Tartt ungläubig den Kopf und sagt spitz: "Es ist lustig, dass die Leute denken, ich hätte kein Leben, bloß weil ich Literaturveranstaltungen und Interviews meide. Dabei bin ich privat sehr aktiv und kenne viele Leute. Nur wenn ich arbeite, gehe ich grundsätzlich nicht aus. Es ruiniert meinen ganzen Arbeitstag, wenn ich weiß, dass ich abends zu einem Essen rausmuss." Der Fotograf Cecil Beaton habe Greta Garbo mal als "hermit about town" bezeichnet – als jemanden, der gleichzeitig Einsiedler und Salonlöwe sei. Damit könne sie sich gut identifizieren, sagt Tartt. Immer wieder lässt sie Zitate großer Künstler oder Denker ins Gespräch einfließen.

Tartt redet viel und bereitwillig, aber sie gibt wenig von sich preis. Bleibt allgemein, wenn es persönlich werden könnte, und blockt ab, wenn ihr die Richtung des Gesprächs missfällt. "Dazu habe ich nichts zu sagen" gehört zu ihren Standardformulierungen. Sie spricht mit hoher Mädchenstimme sehr deutlich und entschieden. Kein Genuschel, keine halb fertigen Sätze, kein Ringen um Worte. Lediglich manchmal eine längere Pause, wenn sie nach der richtigen Formulierung sucht und ihre blassgrünen Augen durch den Raum wandern lässt.

Es klopft an der Tür der Adlon-Suite, eine Kellnerin bringt das bestellte Essen, hat aber den Tee vergessen und entschuldigt sich auf Englisch, Tartt antwortet mit einem freundlichen "Tschuss!" und öffnet die Thermoskanne mit der Kartoffelsuppe. Sie ist hungrig, weil der Besuch im Museum auf Kosten des Mittagessens ging. Was auch symbolisch zu verstehen ist: Tartts Interesse an Kunst und klassischer Kultur hat in ihrem Leben Priorität. So spielt auch in ihrem neuen Roman neben dem Protagonisten Theodore Decker ein Kunstwerk aus dem 17. Jahrhundert eine Hauptrolle – ebenjener Distelfink des niederländischen Malers Carel Fabritius, nach dem der Roman benannt ist. Das Buch beginnt mit einem terroristischen Anschlag auf das Metropolitan Museum in New York und erzählt auf 1.022 Seiten die Geschichte von Theo Decker, der bei der Tragödie seine Mutter verliert und sich als 13-Jähriger fortan alleine durchschlagen muss. Bevor er aus den Trümmern des Museums flieht, nimmt Theo das Gemälde von Fabritius – das eben noch bewunderte Lieblingsbild seiner Mutter – an sich. Die zarte Darstellung eines an die Sitzstange seines Käfigs geketteten Vogels wird Theos Verbindungsglied zur toten Mutter. Das gestohlene Gemälde ist gleichermaßen Symbol für Zugehörigkeit und Schönheit, für Unsicherheit und Verlust.