DIE ZEIT: Frau Egli-Alge, am 18. Mai stimmen wir darüber ab, ob straffällige Pädophile ein Leben lang nicht mehr mit Kindern arbeiten dürfen. Sollte das nicht selbstverständlich sein?

Monika Egli-Alge: Diese Initiative ist mir einerseits zu radikal, andererseits geht sie zu wenig weit, um tatsächlich etwas zu ändern.

ZEIT: Das heißt?

Egli-Alge: Die meisten Sexualdelikte an Kindern werden gar nicht von Pädophilen verübt. Je nach Studie sind sie nur, ich sage das in Anführungszeichen, in 25 bis 40 Prozent der Fälle die Täter. Alle anderen Übergriffe werden von homo- oder heterosexuellen Menschen verübt.

ZEIT: Und warum geht die Initiative zu weit?

Egli-Alge: Weil nicht jeder verurteilte Pädophile weggesperrt werden muss, sondern nur derjenige mit hoher Rückfallgefahr.

ZEIT: Trotzdem: Liegt es nicht auf der Hand, dass ein Pädophiler, der einmal zum Täter wurde, nie mehr mit Kindern arbeiten sollte?

Egli-Alge: Unser Ziel muss sein, dass es weniger oder keine sexuellen Übergriffe auf Kinder gibt. Da hilft es nicht, wenn man nur bei den Pädophilen ansetzt.

ZEIT: Aber es wäre ein Anfang.

Egli-Alge: Die allermeisten sexuellen Übergriffe auf Kinder, 84 Prozent, werden nach wie vor im familiären Umfeld verübt – und nicht von Tätern, die sich im beruflichen Umfeld an ihre Opfer heranmachen. Ein Berufsverbot, wie es die Initiative fordert, hilft nicht viel. Außerdem können wir heute einen pädophilen Täter bereits bestrafen, sanktionieren und von Kindern fernhalten.

ZEIT: Die heutigen Gesetze reichen also aus?

Egli-Alge: Ja.

ZEIT: Die Schweizerinnen und Schweizer sind da anderer Meinung: Umfragen prognostizieren eine Rekordzustimmung zur Initiative von über 80 Prozent.

Egli-Alge: Natürlich sehe ich, wie emotional die Diskussion verläuft. Was mir auffällt: Es heißt immer, wir müssen die Kinder schützen. Das will ich auch, das war und ist meine Motivation, mit Pädophilen zu arbeiten, denn die Arbeit mit den Tätern ist der beste Opferschutz. Doch in der Öffentlichkeit baut man lieber Feindbilder auf: Die Pädophilen, das sind die Schlimmen! Das ist mir zu undifferenziert, das stimmt so nicht. Das ist eine moderne Hexenjagd.

ZEIT: Das Bild vom Pädophilen als Mann, der Kinder vergewaltigt, ist also falsch?

Egli-Alge: Längst nicht alle Männer, die pädophil sind, vergreifen sich an Kindern. Pädophilie ist eine Störung der sexuellen Präferenz, ein Prozent der Bevölkerung leidet daran. Warum sich diese Störung entwickelt, weiß man bis heute nicht.

ZEIT: Was sind denn das für Männer, die zu Ihnen in die Therapie kommen?

Egli-Alge: Wir haben die ganze Palette: vom Hilfsarbeiter bis zum sehr gebildeten Mann. Vom 18- bis zum 72-Jährigen. Alleinstehende, Verheiratete, Geschiedene, Väter mit Kindern. Etwa vier Fünftel von ihnen kommen freiwillig. Das sind Männer, die noch nie übergriffig wurden. Ein Fünftel wird uns von Behörden überwiesen, bei ihnen ist die Therapie Teil einer Maßnahme.

ZEIT: Wie sieht diese Therapie aus?

Egli-Alge: Wir treffen die Männer an wechselnden Orten, an einem safe place, fern von Schulhäusern und Kinderspielplätzen. In einer ersten Phase wollen wir herausfinden, was beim Patienten los ist: Ist er wirklich pädophil, oder hat er ein anderes Störungsbild? Gibt es weitere psychische Krankheiten, Depressionen zum Beispiel?

ZEIT: Was ist das Ziel der Therapie?

Egli-Alge: Kein Delikt zu begehen. Also alles, was gemäß Strafgesetzbuch verboten ist: Kinderpornografie, ein Zungenkuss mit einem zehnjährigen Kind oder einvernehmlicher Sex, wenn der Altersunterschied zu groß ist. Das sind No-Gos .

"Pädophilie ist nicht heilbar"

ZEIT: Wie können Ihre Patienten das erreichen?

Egli-Alge: Das ist ein langer Prozess. Sie müssen akzeptieren, dass ihre Störung unveränderbar ist. Pädophilie ist nicht heilbar. Wir können die Patienten hier nicht gesundbeten und auch nicht umpolen. Die sexuelle Neigung an sich ist aber kein Grund, jemanden zu verurteilen. Sie ist von keinem ausgesucht oder gewählt – sie ist vielmehr ein Schicksalsschlag.

ZEIT: Was ist das Schwierigste für die Männer?

Egli-Alge: Viele von ihnen müssen lernen, keinen Sex mehr zu haben. Sie müssen lernen, sich im Griff zu haben. Immer.

ZEIT: Kann ein Mensch ohne Sex glücklich sein?

Egli-Alge: Die meisten, die wir hier sehen, sind nicht glücklich. Viele sind depressiv. Zu lernen, dass man die Sexualität, die einem entsprechen würde, nicht leben darf, ist enorm schwierig. Diese Verlustarbeit ist wahnsinnig heavy. Eine andere Bewältigungsstrategie kann sein, dass jemand lernt, sich durch Masturbation zu befriedigen.

ZEIT: Und die Kinder, die er begehrt, die stellt sich der Pädophile dann vor?

Egli-Alge: Ja, er behilft sich mit seiner Fantasie oder Bildern, die er etwa in der Werbung findet ...

ZEIT: ... Sie seufzen ...

Egli-Alge: ... wir behelfen uns mit the cleanest dirty shirt.

ZEIT: Das scheint Ihnen unangenehm zu sein.

Egli-Alge: Jein. Nehmen Sie eine Autowerbung mit einer Familie: Auf dem Rücksitz sitzt ein schnuckeliges vierjähriges Bübchen, neben dem Auto steht ein achtjähriges Mädchen im Badekleid. Wenn sich ein Pädophiler nun daran erregt, gibt es da Opfer?

ZEIT: Sagen Sie es uns.

Egli-Alge: Nein, da gibt es keine Opfer.

ZEIT: Das erlauben Sie also Ihren Patienten?

Egli-Alge: Ja, das ist erlaubt. Wir können schließlich niemandem verbieten, sexuell erregt zu sein. Das geht nicht. Man kann aber verbieten, diese Fantasie auszuleben.

ZEIT: Wieso greifen Sie nicht, wie im Abstimmungskampf nun häufig gefordert, zur chemischen Kastration?

Egli-Alge: Medikamente gehören bei vielen zur Behandlung. Wir arbeiten mit Antidepressiva, die als Nebenwirkung die sexuelle Lust und den Trieb verringern. Häufig reicht das. Die stärksten Medikamente sind die Antiandrogene, das ist die chemische Kastration. Das wirkt zwar sehr gut, aber nur bei Patienten, die sehr motiviert sind. Diese Medikamente dämpfen den Trieb – der Hunger, der Wunsch nach Sexualität jedoch bleibt aber. Wenn nun ein Mann trotz Medikamenten versucht zu masturbieren, kann es zu gefährlichen Situationen kommen: Viele verletzen sich dabei am Penis, weil sie sich derart anstrengen, eine Erektion zu bekommen, und es geht einfach nicht. Das kann zu extremen Aggressionen führen.

ZEIT: Eine Pille, und nichts geht mehr – so einfach ist es also nicht?

Egli-Alge: Ganz viel geht eben doch noch. Sex findet ja nicht nur mit dem Penis statt. Der Pädophile kann ein Kind mit seinem Finger manipulieren oder ihm sagen: Du machst mit mir nun das und das. Und das Kopfkino, das können wir allein mit Medikamenten sowieso nicht ausschalten.

ZEIT: Pädophile haben eine hohe Sozialkompetenz, sie erarbeiten sich das Vertrauen ihrer Opfer. Wie schützen Sie sich als Therapeutin davor, dass Sie nicht benutzt werden?

Egli-Alge: Wir kumpeln nicht, wir sympathisieren nicht. Wir arbeiten empathisch, fragen aber immer wieder nach: Ist das wirklich so – oder verarschen Sie uns jetzt? Einfacher ist das mit den Patienten, die wegen einer gerichtlichen Maßnahme zu uns kommen: Da haben wir eine ermittelte Tat und Fakten, auf die wir uns beziehen können.

ZEIT: Was tun Sie, wenn Ihnen ein Patient gesteht, dass er rückfällig geworden ist?

Egli-Alge: Wir decken keine Straftaten. Das ist eine der Bedingungen, die wir am Anfang der Therapie mit unseren Patienten schriftlich vereinbaren. Kommt eine neue Tat ans Licht, arbeiten wir mit dem Patienten daran, dass er sich selber anzeigt. Er muss lernen, Verantwortung für sein Tun zu übernehmen.

ZEIT: Und wenn er es nicht tut?

Egli-Alge: Dann brechen wir die Therapie ab und erstatten selber Anzeige.

ZEIT: Wann eine Therapie zu Ende ist, darüber entscheidet das Gericht. Die Empfehlung aber schreiben Sie. Wie können Sie sicher sein, dass Sie sich nicht irren?

Egli-Alge: Vieles liegt in der Beurteilung des Therapeuten. Natürlich haben wir strukturierte und standardisierte Verfahren, eine Eingangsdiagnostik und eine Ausgangsdiagnostik und eine interne Qualitätssicherung. Wir arbeiten mindestens nach dem Vieraugenprinzip. Kein Fall wird abgeschlossen, bevor er im Team besprochen wurde.

"Wir tun aber alles, um Fehler zu vermeiden"

ZEIT: Aber es ist möglich, dass ein Patient clever genug ist, Sie zu täuschen.

Egli-Alge: Grundsätzlich ist das möglich. Wir müssen damit leben, dass jede Prognose mit Risiken behaftet ist. Wir tun aber alles, um Fehler zu vermeiden.

ZEIT: Als Gutachterin haben Sie eine enorme Macht: Sie entscheiden darüber, ob ein Mensch der Gesellschaft zugemutet werden kann – oder ob er eingesperrt bleibt.

Egli-Alge: Allein könnte ich diese Verantwortung nicht tragen. Darum habe ich dieses Institut aufgebaut, wo ich mit anderen Fachleuten zusammenarbeiten kann. Das braucht es. Leider sehen das nicht alle meine Kollegen so: Die Qualität mancher forensischer Gutachten lässt sehr zu wünschen übrig.

ZEIT: Woran liegt das?

Egli-Alge: Es gibt zu viele Gutachter, die im stillen Kämmerchen vor sich hinarbeiten. Da verrennt man sich leicht. Auch bei der Ausbildung hapert es.

ZEIT: Lassen Sie sich bei Ihren Entscheiden davon beeinflussen, dass die Gesellschaft nach immer härteren Strafen ruft?

Egli-Alge: Im Zweifelsfall haben wir eine harte Haltung und entscheiden gegen den Täter und für die Gesellschaft. Aber man muss wissen: Harte Strafen oder eine lebenslange Verwahrung wirken auf Pädophile kaum abschreckend.

ZEIT: Einer von fünf Sexualstraftätern wird denn auch innerhalb von fünf bis zehn Jahren rückfällig. Das ist extrem viel.

Egli-Alge: Das ist extrem wenig.

ZEIT: Einer von fünf verursacht noch einmal unerhörtes Leid.

Egli-Alge: Jedes neue Opfer ist eines zu viel, keine Frage. Aber es gibt keine absolute Sicherheit. So wie es keine gewaltfreie Gesellschaft gibt. Ich fürchte, dass es immer Sexualstraftäter geben wird. Was wir machen können, ist Schadensbegrenzung.

ZEIT: Zurzeit werden Unterschriften für eine neue Volksinitiative gesammelt: Richter und Gutachter sollen zur Rechenschaft gezogen werden, wenn sie einen Straftäter falsch eingeschätzt haben. Was würde das für Ihre Arbeit bedeuten?

Egli-Alge: Sie könnte viel teurer werden. Wenn ich damit rechnen muss, für ein Gutachten, das ich nach bestem Wissen und Gewissen ausgearbeitet habe, ins Gefängnis zu kommen, weil der Täter, aus welchen Gründen auch immer, erneut straffällig wird, dann muss ich mich bis zum Gehtnichtmehr absichern. Die Annahme der Initiative vermittelt der Bevölkerung eine Scheinsicherheit.

ZEIT: Wäre Ihnen Ihre Arbeit eine Gefängnisstrafe wert?

Egli-Alge: Ich würde niemals verantworten wollen, dass meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Magengeschwüre kriegen aus lauter Angst, bestraft zu werden, weil einer unserer Patienten, aus welchen Gründen auch immer, rückfällig wird. Gutachter für Taten von anderen zu bestrafen ist ein Unsinn. Wer alle Täter einfach wegschließen und verwahren will, dem sage ich: Macht euren Scheiß doch selber!

ZEIT: Und was würden Sie tun?

Egli-Alge: Ein Gefängnis bauen. Damit ließe sich dann gut Geld verdienen. (lacht)