ZEITmagazin: Herr Kimmel, angenommen, Sie würden noch einmal Vater werden – hätten Sie dann lieber einen Jungen oder ein Mädchen?

Michael Kimmel: Als meine Frau vor einigen Jahren schwanger wurde, haben wir uns ein Mädchen gewünscht, weil wir finden, dass Jungen es mittlerweile schwerer haben. Mädchen werden ständig ermutigt, stark, selbstbewusst und dominant zu sein, umgekehrt sind die Möglichkeiten für Jungen kleiner, ihre weiche, verletzliche Seite zu zeigen. Wenn Sie Studentinnen fragen, was es heutzutage bedeutet, eine Frau zu sein, antworten die: Eine Frau kann mittlerweile alles sein, Astronautin, Präsidentin, Boxerin, Soldatin, Mutter, Geliebte. Jungen Männern fällt die Antwort viel schwerer. Wir haben dann allerdings einen Sohn bekommen. Und natürlich würden wir ihn jetzt für nichts in der Welt wieder hergeben.

ZEITmagazin: Sie haben einen Ratgeber geschrieben, in dem Sie behaupten, dass Feminismus auch für Männer eine gute Sache sei. Was genau ist besser geworden?

Kimmel: Eine ganze Menge. Frauen sind unsere Partnerinnen, Töchter, Mütter, Freundinnen und Kolleginnen, und schon deshalb wollen die meisten von uns, dass sie ein selbstbestimmtes Leben führen können. Aber abgesehen davon zeigen soziologische Untersuchungen auch sehr klar: Männer sind gesünder, glücklicher, sie sind weniger anfällig für Drogen und besuchen seltener einen Therapeuten, wenn sie in einer Beziehung leben, in der sich die beiden Partner die Kindererziehung und die Hausarbeit teilen. Die Kinder solcher Paare sind gesünder und glücklicher und haben bessere Schulnoten. Und sogar der Sex ist besser.

ZEITmagazin: Wird bei Umfragen dieser Art nicht besonders oft gelogen? Dass Männer durch Staubsaugen oder Geschirrspülen erotischer werden, ist schwer vorstellbar.

Kimmel: Als die Untersuchung meines Kollegen John Goodman erschien, machte ein Männermagazin daraus die Schlagzeile "Putzen macht scharf". Das war ein Missverständnis. Goodman, ein Soziologieprofessor aus Washington, hat in langjährigen Untersuchungen mit mehr als 500 Beteiligten gezeigt, dass Gesundheit und Zufriedenheit beider Partner höher sind, je gleicher die Partner in Einkommen und Status sind. Und diese generelle Lebenszufriedenheit wirkt sich offenbar auch in der Sexualität positiv aus.

ZEITmagazin: Trotzdem empfinden sich viele Männer momentan als Verlierer. Sie haben selbst gerade ein Buch über "ärgerliche weiße Männer" veröffentlicht.

Kimmel: Es gibt in den USA eine steigende Aggressivität von Männern, die den Eindruck haben, dass ihre Chancen immer kleiner werden. "Eine schwarze Frau hat meinen Job gestohlen" war ein Satz, den ich bei meinen Recherchen immer wieder gehört habe. Ich habe dann gefragt: "Wie kommen Sie auf die Idee, dass das Ihr Job war?" Das Anspruchsdenken ist in dieser Gruppe sehr ausgeprägt.

ZEITmagazin: Gibt es auch gute Nachrichten für den weißen Mittelschichtmann?

Kimmel: Ja, natürlich. Zum Beispiel ist es heute für die jüngere Generation selbstverständlich, Freunde des jeweils anderen Geschlechts zu haben. Erinnern Sie sich noch an den Film Harry und Sally? Harry behauptete, Männer und Frauen könnten nicht befreundet sein. Die gute Nachricht ist, dass die Söhne und Töchter von Harry das ganz anders sehen.