Es ist nicht leicht, stilvoll in einen überfüllten VW-Bus zu klettern, wenn man lange Beine hat, die im kurzen Minirock einer teuren Designermarke stecken. Die junge Maklerin für Luxusimmobilien hat aufgegeben und landet halb quer liegend auf einer Sitzbank voller Gleichaltriger, und dann hält sie sich gut fest, als die ruckelige Fahrt beginnt. Alte, zerbeulte VW-Busse wie dieser hier, mit ihren robusten Bodenplatten gegen aufgewirbeltes Geröll, sind das vernünftigste Transportmittel für solche Strecken: auf die Spitze der Favela Vidigal, einer Armutssiedlung von schätzungsweise 13.000 Einwohnern im Süden von Rio, ein Parcours durch enge Gassen und Haarnadelkurven, um Schlaglöcher, streunende Hunde und Müllsäcke herum. Vor 2012 war kein Außenstehender hier willkommen. Das Gebiet war fest in der Hand einer gewalttätigen Drogenmafia.

Doch weil Rio sich zur Fußball-WM von seiner schönsten Seite zeigen sollte, ist die Polizei seit 2008 in ein Slum nach dem nächsten einmarschiert, sie hat Wachen aufgebaut und patrouilliert durch die Gassen. Seither sind hier oben am Berg Veranstaltungen wie die "High Heels Vidigal"-Party erlaubt: ein Tanzabend über den Köpfen der Armen. Von zwei Uhr morgens an ist kaum noch Platz auf der Tanzfläche, man trinkt Wodka zu Luxuspreisen. "Hier ist Favela", sagt die junge Frau, als sie sich aus dem Kleinbus windet, "aber hier ist es okay." Sie blickt auf die atemberaubende Küste von Rio, die Lichter von Leblon und Ipanema – ganz weit da unten am Fuß des Berges.

In den Armutsvierteln weiter im Norden von Rio de Janeiro findet zur gleichen Zeit eine wahre Orgie der Gewalt statt. Das Organisierte Verbrechen der Metropole versucht schon seit Jahresbeginn, Gebiete von der Polizei zurückzuerobern, jetzt unternimmt es einen neuen, beispiellosen Vorstoß. Polizeiwagen und Container, die den Beamten als Wachen dienen, gehen in Flammen auf; die Banden schießen mit Gewehren und Pistolen auf Polizisten, werfen Molotowcocktails. Straßen werden blockiert, Gebäude besetzt und in Festungen verwandelt.

Die Antwort des Staates erfolgt rasch, doch sie passt so gar nicht zu dem neuen, sauberen und fröhlichen WM-Image der Stadt: Sondereinheiten dringen in Favelas ein, wo sie die Drahtzieher des Drogenkartells "Rotes Kommando" vermuten. Hubschrauber kreisen über Polizisten, die Kokain und Marihuana, Gewehre und Handgranaten aus den Häuschen der Slums schleppen. Bilder, die es in Rio nicht mehr geben sollte.

Seit dem vergangenen Wochenende gibt es keinen Zweifel mehr: Die Drogenbanden sind zurück, auf den Hügeln von Rio de Janeiro ist Krieg ausgebrochen. Die Bundesregierung in Brasilien will noch in dieser Woche Truppen schicken, um die strategisch besonders wichtigen der rund 500 Slums der Stadt zu besetzen. Wollen sich die Brasilianer die Fußballweltmeisterschaft verderben? Erst liefern sie sich einen Sommer lang Demonstrationen gegen die hohen Kosten der Stadien, und dann rufen sie an einem der wichtigsten Austragungsorte der WM-Party den Häuserkrieg aus? Was ist schiefgelaufen?

Man muss hinaufgehen in die Berge, mit Einwohnern, Polizisten und Drogenhändlern sprechen, um die Zerrissenheit dieser Stadt zu verstehen. An der oberen Zufahrt zur Favela Fallet steht eine kleine Gruppe von Polizisten, sie tragen Springerstiefel und schusssichere Westen. Die Männer halten ihre Hände nahe am Abzug ihrer Gewehre und Pistolen. Fühlen Sie sich bedroht? "Wir werden hier ständig bedroht, nicht erst seit der vergangenen Woche", antwortet einer der Polizisten. Gibt es Waffen in der Favela? "Wenn wir sie suchen würden, würden wir sie finden." Diese jungen Beamten, die seit 2011 in Fallet stationiert sind, wissen: Sie können allenfalls einen Anschein von Recht und Ordnung in diese Gegenden bringen. Auch diese Favela stand früher unter der Aufsicht des Roten Kommandos, noch immer sind Leute von damals im Geschäft, verkaufen Stoff – in Fallet selbst und in angrenzenden Armutsvierteln, wo die Polizei sich noch nicht blicken lässt.

Wenn es Nacht wird, gehen in den bürgerlichen Vierteln die gelben Straßenlaternen an, aber an den steilen Treppenaufgängen zu den Favelas ist es dunkel. Junge Männer posieren männlich-lässig auf den Stufen, "Guten Abend!"-Rufe quittieren sie mit Schweigen. Man kann bei ihnen Marihuana kaufen oder Briefchen voller Kokain, ohne viele Worte. Ein Mann mit drei Kampfhunden steigt den Berg hinab und verschwindet in einem Hauseingang.