Unter dem Titel Wir sind jung und brauchen das Glück hat Kerstin Bund in der ZEIT Nr. 10/14 mutig aufgeschrieben, was der gut ausgebildete und von Unternehmen heiß umworbene Teil ihrer Alterskohorte – der viel zitierten Generation Y – fühlt, fordert und erwartet: eine andere Arbeitswelt, eine, die mehr Freiräume und regelmäßiges Feedback bietet, in der der Chef nicht als Vorgesetzter, sondern als Mentor fungiert. Mit der Welt der vorangehenden Generationen, denen es immer nur um Geld, Status und Macht gegangen sei, könnten die Jungen nichts mehr anfangen.

Bei genauem Hinsehen stelle ich fest, dass es Positionen mit viel Freiräumen und Mentoren statt eines Chefs schon gibt – es sind die sogenannten Führungspositionen. Die sind freilich vielfach von Babyboomern oder Angehörigen der Generation X (1965 bis 1980 geboren) besetzt, die sich in einem mehr oder minder verlässlichen Wettbewerb dafür qualifiziert haben.

Sie haben unter dem Motto Head down and deliver gerade zu Beginn ihrer Karriere in den vorgegebenen Strukturen gearbeitet und individuelle Interessen denen des Kollektivs untergeordnet – und trotz offenkundig völlig falscher Fokussierung mit ihren Leistungen dafür gesorgt, dass Deutschland noch ein AAA-Rating hat, dass die Welt unsere Autos und Maschinen nachfragt, dass die Topabsolventen unserer Hochschulen auch an den amerikanischen Eliteuniversitäten zu den Besten gehören.

Mein Anteil daran darf zu Recht als verschwindend klein eingeschätzt werden. Aber immerhin habe ich meiner Vorgängergeneration auch nicht vorgeworfen, alles falsch gemacht zu haben, sondern habe im Wesentlichen deren Attitüden und Steuerungsmechanismen übernommen. Was gibt der Generation Y denn die Zuversicht, dass eine Abkehr von hierarchischen Systemen hin zu einer auf Verständnis, Freiraum und Feedback basierenden Struktur die Ergebnisse auf jenem relativ hohen Niveau belässt, auf dem wir sie aktuell vorfinden?

Gewiss, rein formal ist die Generation Y die am besten ausgebildete; nie war die Akademikerquote höher. Ich habe aber Mühe, das mit einer Bildungsexplosion gleichzusetzen. Verantwortlich ist schlicht der politische Wille, einen größeren Anteil einer Kohorte an die Hochschulen zu bringen. Das gilt als politischer Erfolg – unabhängig davon, was die Kandidaten an inhaltlicher Qualifikation vorweisen können. Aber vielleicht ist das auch irrelevant, denn die Generation Y darf ja von Beginn an über die Qualität der erbrachten Leistungen selbst befinden: Originalität schlägt Effektivität. Ihr neues Geschäftsmodell verspricht zwar keinen Gewinn, aber dafür gibt es schon 1000 Likes! Großartig – nur für ein auf Wachstum basierendes Wirtschafts- und Sozialsystem ist das nicht unbedingt ideal.

Als Gegenleistung für eine freie Zeiteinteilung, Zwanglosigkeit und eine Bewertung, die sich am Ergebnis anstatt am Einsatz bemisst, verspricht die Autorin in ihrem Buch Glück schlägt Geld, das in diesem Monat im Murmann Verlag erschienen ist, dass ihre Generation "unglaubliche Leistungen" bringe. Ich vermute eher, dass "unglaubliche Anstrengungen" gemeint sind, die ich keineswegs bezweifeln will. Aber was machen wir, wenn der Output nicht stimmt? Hier kommt nun der Mentor in seiner Rolle zum Tragen: Die Generation Y ist der festen Ansicht, dass sie eine Summa-cum-laude-Promotion abliefern kann, dass die attraktivsten Mandate genau die richtigen für sie sind, dass der Vorstand der passende Ansprechpartner für ihre Ideen ist. Sie halten es für die Aufgabe der "Alten", ihnen für den Weg zu maximalem Erfolg eine exakte Blaupause zu liefern, eine eindeutige und unfehlbare Anleitung. Ich sehe das mitnichten so und verstehe meine Aufgabe als Mentor vielmehr darin, dass ich den Weg zu einer ordentlichen Promotion, einer akzeptablen Marktanalyse, einem zweckdienlichen Vertragstext aufzeigen muss. Das tue ich, aber für eine herausragende Bewertung will ich begeistert werden. Ob und wann sich Begeisterung einstellt, könnte ich a priori nicht einmal dann sagen, wenn ich es wollte. Es muss eben die kreative Leistung (die wir Alten im Zweifel dann schon erkennen) ausreichen.

Und damit landen wir bei der dritten wesentlichen Säule, dem permanenten Feedback, das die Generation Y einfordert. Für die erbrachten Leistungen erwarten die Jungen umgehendes Lob von jenen Leuten, die dauernd wie bescheuert malochen, keine Zeit für ihre Familien haben und nachts noch E-Mails schreiben. Feedback geben kostet – gut gemacht – richtig viel Zeit, wo soll die herkommen? Und wehe uns, wenn das Feedback negativ ausfallen sollte: Kritik, die das von Eltern und Schulen gehypte Generation-Y-Individuum als unterdurchschnittlich ausweist, ist für die Jungen kaum erträglich.

Kritik, die das von Eltern und Schulen gehypte Generation-Y-Individuum als unterdurchschnittlich ausweist, ist für die Jungen kaum erträglich.
Manfred Schwaiger

Es passt nicht in das Weltbild der nach eigener Wahrnehmung Hochbegabten, auch nur einmal zu den Schlechteren zu gehören. Angesichts der avisierten Höchstleistungen stellt sich uns Babyboomern aber die Frage, ob wir wirklich schon loben müssen, wenn bei der Schwimmweltmeisterschaft keiner der Teilnehmer ertrunken ist. Wofür bekommt die Generation Y denn ein Gehalt? Auch wenn die Entlohnung aus ihrer Sicht nur einen Hygienefaktor darstellt – also genau wie saubere Bettwäsche im Hotel erwartet wird, aber allein nicht glücklich macht –, stellt sie sich nicht automatisch nach dem Studium, quasi als eine Lebensdreingabe, ein. Es mag ja eine veraltete Sichtweise sein, aber wir Alten halten es für unsere Pflicht und Schuldigkeit, ordentliche Leistungen zu erbringen. Wieso sollten wir andernfalls dafür bezahlt werden?

Gibt es in dieser kritischen – und vielfach pauschalierenden – Replik gar nichts Versöhnliches? Doch. Erstens glaube ich, dass sich die Referenzpunkte der Generation Y verschieben werden. Die Verantwortung für den eigenen Nachwuchs (oder die pflegebedürftigen Eltern) wird ihr zeigen, dass man Geld nicht nur zum Statuserwerb, sondern bisweilen für richtig nützliche Dinge (wie die Ausbildung der Kinder) einsetzen kann. Zweitens spreche ich wohl für eine Mehrheit der Babyboomer, wenn ich Kerstin Bund insofern recht gebe, als uns die praktizierte Arbeitsweise tatsächlich nicht immer Spaß gemacht hat und bisweilen heute noch belastet. Dass wir die Strukturen trotz überschaubaren Spaßfaktors nicht so umfassend geändert haben, wie die Generation Y sich das wünscht, ist nicht unserer restringierten Kreativität geschuldet. Es war uns unter Abwägung aller Konsequenzen schlicht zu teuer.