Irgendwann standen sie auch vor dem Haus seiner Eltern in der kleinen Siedlung vor Kairo und wünschten dem mittleren Sohn des Dorf-Imams den Tod. "Mit deinem Blut rächen wir den Propheten", skandierten aus der Hauptstadt angereiste Demonstranten zusammen mit ehemaligen Nachbarn, die Hamed Abdel-Samad als Kind oft geneckt hatten, weil er so gern allein durch die Wüste stromerte, die gleich hinter dem Dorf beginnt.

Im letzten Sommer war das. Der seit Langem in Deutschland lebende Politologe hatte während eines Vortrags in Kairo die These gewagt, dass im Islam nicht erst seit dem Erstarken von Muslimbruderschaft und Al-Kaida, sondern von Anbeginn faschistische Tendenzen zu finden seien. Ägyptische Religionswächter hatten daraufhin zur Fatwa aufgerufen, sein Foto kursierte mit der Aufschrift "Wanted dead" im Internet und Abdel-Samads Vater, der Imam, wurde bedrängt, sich im Staatsfernsehen vom häretischen Sohn zu distanzieren. Der Vater lehnte ab, was Abdel-Samad ihm hoch anrechnet. Die Mutter bat ihn inständig, sich nie mehr öffentlich über den Islam zu äußern, auch im Namen seiner Geschwister, Neffen und Nichten. Doch diesen Wunsch konnte er ihr nicht erfüllen. "Ich hätte mir die Logik des Dschihad zu eigen gemacht." Denn wer gefährdete das Leben seiner Familie – er oder die Fanatiker?

Also schrieb er das Buch fertig. Unter dem Titel Der islamische Faschismus erscheint es jetzt in Deutschland. Gut 200 Seiten, in denen er einen Bogen schlägt von den Schriften des Propheten über die Entstehung der Muslimbruderschaft in den zwanziger Jahren bis zur Radikalisierung der muslimischen Jugend in der deutschen Diaspora. Manche Leser werden empört sein, dass er Hunderte Regalmeter Faschismusforschung ignoriert und sich in seiner Analyse des "Islamofaschismus" allein auf die umstrittenen Thesen Ernst Noltes aus den achtziger Jahren beruft. Wenn schon! Am Vorabend der Buchpremiere sitzt er in einem Touristencafé in Berlin-Mitte, ein 42-Jähriger mit jungem Gesicht und gebeugter Haltung. Sein Buch sei keine wohltemperierte Wissenschaft. Er habe keine neue Faschismustheorie aufstellen wollen: "Das hier ist ein Weckruf."

Seit er vor 23 Jahren nach Deutschland kam, um sein Studium fortzusetzen, frage er sich, was schieflaufe in der muslimischen Welt. Warum gebe es dort bis heute keine einzige funktionierende Demokratie, sondern stattdessen: alte Diktaturen, bis an die Zähne bewaffnet, neue Diktaturen, die gerade auf den Trümmern von Arabellion und Kemalismus errichtet würden, Blutrache, Bürgerkrieg, Stammesfehden und von "Scharia-Enklaven" durchzogene failed states. Ist dafür allein der Kolonialismus verantwortlich? Abdel-Samad gibt zu, dass die westeuropäischen Imperien nach ihrem Abzug kaputte, ausgebeutete Gesellschaften hinterlassen hätten, anfällig für Heilsversprechen. "Aber welchen Anteil haben diese Gesellschaften selbst an der Misere?" Sie seien durchdrungen von einer Religion, die bis heute die Menschen zur Unmündigkeit erziehe, keine abweichenden Haltungen dulde und offen zur Vernichtung Andersgläubiger aufrufe. "Für mich ist das Faschismus", sagt er, wohl wissend, dass vor zehn Jahren die Falken im Weißen Haus ihren "War on Terror" als antifaschistischen Feldzug legitimierten. Doch Abdel-Samad kennt den radikalen Islam nicht erst seit dem 11. September.

Als Student der Kairoer Universität war er drei Jahre Mitglied der Muslimbruderschaft. Im Nachhinein erklärt er das so: Ein orientierungsloses Dorfkind in der Stadt, genervt vom Konservatismus des eigenen Elternhauses und frustriert vom korrupten Mubarak-Regime, fand bei den Muslimbrüdern eine soziale und geistige Alternative; eine Gemeinschaft, die ihm Halt gab; eine Religion, die größer, reiner und revolutionärer wirkte als das, was sein Vater predigte. Das Versprechen: "Wenn du es ernst meinst, kannst du nicht nur dein Land, sondern die ganze Welt vor den Ungläubigen retten."

Abdel-Samad erinnert sich an Momente "spiritueller Katharsis" während der illegalen Gebetswochenenden in der Wüste. Und an das gute Gefühl, das sich einstellt, wenn man glaubt, seinen Weg gefunden zu haben. Es dauerte eine Weile, bis er merkte, dass er sich einer Gruppe angeschlossen hatte, die bedingungslosen Gehorsam verlangte. In seinem Buch Mein Abschied vom Himmel beschrieb er eine Wüstenwanderung mit den Brüdern. Sie hatten jeder eine Orange dabei und liefen, bis ihnen schwindelig wurde. Da befahl der Anführer, Platz zu nehmen und endlich die Orangen zu schälen. Doch sie durften das Fleisch nicht essen, nur die Schale. "In dem Moment verstand ich: Ich soll gebrochen werden. Der nächste Schritt ist die Gehirnwäsche."

Jahre später, da hatte er sein Politologiestudium in Berlin abgeschlossen und in München über das Judenbild in ägyptischen Schulbüchern promoviert, quälte er sich mit der Frage: Ist der Islam reformierbar? Als wäre er selbst nicht das beste Beispiel dafür, dass es auch liberal geht. Dass man nicht als Muslimbruder sterben muss. Und hat der Arabische Frühling nicht gezeigt, dass es eine junge Internetgeneration gibt, die sich über alte Doktrinen hinwegsetzen kann? Vor drei Jahren hätte Abdel-Samad das vehement bejaht. Damals war er so etwas wie das deutsche Sprachrohr des Arabischen Frühlings. Seine Kommentare zum Tahrir-Platz verbreiteten Optimismus. Heute sagt er: "Die Ägypter haben in drei Jahren zwei Diktatoren gestürzt, aber gleich wieder nach dem Führer gerufen." Vor ein paar Tagen hat das Militärregime, das im vergangenen Oktober den Präsidenten Mursi stürzte, 529 Muslimbrüder zum Tode verurteilt. "Justizmassaker" nennt Abdel-Samad das.

Ist dafür der Islam verantwortlich? "Solange die Mehrheit der Bürger einen Gott verehrt, dem man keine Fragen stellen darf – ja", sagt er. Und dann, nach einem sehr langem Schweigen: "Ich will die Religion nicht abschaffen." Er wisse, dass sie Menschen Geborgenheit gibt, er schätze ihre sozialen Seiten, die Spendenpraxis, das Zinsverbot. Man merkt, dass dieser Autor gern unrecht hätte mit seinen Büchern. Dass er den Dialog führen will, den er für aussichtslos erklärt.

Trotz der Angriffe auf seine Person spricht er regelmäßig in Schulen mit hohem Migrantenanteil. Ende der Woche trifft er in Neukölln Schüler, die einer salafistischen Gruppe nahestehen. Er wird ihnen sagen, dass er weiß, wie es einem geht als muslimischer Migrant in Deutschland. Man werde ständig mit demütigenden Fragen traktiert: Wie oft betest du? Isst du Schweinefleisch? Trinkst du Alkohol? Was ist mit den vielen Jungfrauen? Darfst du überhaupt Sex haben? Viele Jugendliche sähen in der Radikalisierung die einzige Antwort auf die Schizophrenie ihrer Existenz und landeten knietief im "islamischen Faschismus". Glaubt er, dass das harte Wort bei den Jugendlichen verfängt?

"Ich glaube jedenfalls nicht, dass es etwas bringt, wenn man sich schwammig ausdrückt." Es ärgert ihn, dass auf den Plakaten zur Buchpremiere der Titel des Buches verschwiegen wird. Der Moderator Jakob Augstein gab der Veranstaltung den Titel: "Welchen Islam wollen wir". Das, sagt Abdel-Samad, sei leider die falsche Frage. Letztlich handele sein Buch davon, dass "wir" beim radikalen Islam gerade wenig zu wollen haben.