Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © C. Bertelsmann

Ich war in Amerika, in der Stadt Key West. Ernest Hemingway, eines meiner Rollenmodelle, hat dort auch gelebt. Das Erste, was einem als Deutschem auffällt, ist die Höflichkeit. Das Zweite ist die Freundlichkeit. Das Dritte die augenscheinliche Abwesenheit von Aggressionen jeglicher Art.

Auf der Straße lächelt dich jeder Zweite an, als ob er dich vom Fleck weg heiraten möchte. Unbekannte Menschen, die deinen Weg kreuzen, nicken dir freundlich zu. In Deutschland tun unbekannte Menschen meistens so, als ob du nicht existent wärst und schauen durch dich hindurch. Als ich wieder zurück in Deutschland war und in den ersten Tagen auch allen lächelnd zunickte, bin ich bestimmt für einen Geisteskranken gehalten worden.

Pausenlos fragten die Amerikaner: "Wie geht`s? Darf ich ihnen helfen?" Ich hatte eine Fahrradpanne. Nach zwanzig Sekunden eilte ein tätowierter Muskeltyp herbei und reparierte mein Fahrrad. Seine Finger waren danach voller Schmieröl. Er lächelte und sagte: "Wie schön, dass ich helfen durfte." Wenn zwei Autos gleichzeitig auf eine Parklücke zusteuern, dann will jeder Fahrer um jeden Preis den anderen vorlassen, das Ritual kann bis zu einer Viertelstunde dauern.

Die Rauchverbote waren zuerst in den USA da. Inzwischen ist die Toleranz für Raucher in den USA größer als bei uns. Das deutsche Volk geht, wie ein früherer deutscher Minister gesagt hätte, in das Rauchverbot hinein wie in einen Gottesdienst. Amis sind sogar zu Rauchern höflich. Nichtraucher fragen: "Darf ich helfen? Brauchen Sie Feuer? Und vielleicht noch einen kleinen Cognac dazu?"

Deutsche sagen gern: "Amerikaner sind oberflächlich. Sie meinen das nicht ehrlich." Mir ist es aber lieber, dass mir jemand unehrlich bei einer Panne hilft, als dass mir jemand ehrlich auf meine blauen Wildlederschuhe tritt.

Was ich seltsam finde: Die Deutschen haben den fast totalen Sozialstaat, lehnen mit großer Mehrheit Militäreinsätze jeglicher Art ab, bohren in Afrika einen Brunnen nach dem anderen, sind ökig wie kaum eine zweite Nation, geben auch Schülern, die ihre Lehrer anspucken, mindestens eine Zwei plus und behandeln Straftäter wie Kinder, die aus Versehen ein Glas mit Limonade umgestoßen haben. Bei allen staatlichen oder offiziellen Sachen ist Deutschland extrem freundlich, friedlich, unaggressiv und verständnisvoll. Sämtliche Aggressions- und Unfreundlichkeitspotentiale kommen im persönlichen Miteinander zum Einsatz.

Eine typische Alltagsszene sieht so aus: Herr Müller bereitet für sich und seinen Hund, den er aus einem spanischen Tierheim befreit hat, eine vegetarische Mahlzeit zu, überweist am Computer hundert Euro an Amnesty International, unterzeichnet schnell eine Solidaritätsresolution für arbeitslose Roma aus Rumänien, dann verlässt er seine Wohnung. Im Treppenhaus begrüßt er seine Nachbarin mit den Worten "Sie alte Schlampe! Wenn Sie noch mal ihren Müll neben die Tonne stellen, verklage ich Sie!" Dann fährt Herr Müller, natürlich mit dem Fahrrad, zur Antikriegsdemo. Auf dem Weg dorthin zerkratzt er mit seinem Schlüssel noch rasch ein Auto, dessen Stoßstange zehn Zentimeter weit auf den Fahrradweg ragt.

In den USA ist es umgekehrt. Sie führen Kriege, jeder Irre kriegt problemlos eine Knarre. Militär und Geheimdienste sind hart wie Kruppstahl, die Richter fällen Todesurteile flink wie Windhunde und die Grenzkontrollen sind zäh wie Leder. Das finde ich nicht gut. Aber der Alltag ist easy like sunday morning.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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