ZEIT: Ist eine militärische Auseinandersetzung möglich?

Schmidt: Denkbar ist das, notwendig ist es auf keinen Fall. Und zwangsläufig ist es erst recht nicht.

ZEIT: Wie groß ist die Gefahr?

Schmidt: Kann ich nicht abschätzen. Zurzeit ist die Gefahr gering, aber sie ist nicht gleich null.

ZEIT: Amerika und die EU haben erste, eher symbolische Sanktionen beschlossen. Halten Sie diese Sanktionen für sinnvoll?

Schmidt: Ich halte diese Sanktionen für dummes Zeug, insbesondere den Versuch, dem Spitzenpersonal der russischen Führung das Reisen zu verbieten. Wenn es eine allgemeine Konferenz gäbe, ähnlich wie 1975 in Helsinki, dann kann man doch das Spitzenpersonal nicht von der Reise ausschließen! Eines der Probleme dieser persönlichen Sanktionen ist: Wer hebt die eigentlich wieder auf? Und wann werden sie wieder aufgehoben? In Amerika gibt es verschiedene Tendenzen. Dem zögerlichen Obama sind die Risiken viel deutlicher als etwa dem Senator McCain.

ZEIT: Wann wären härtere wirtschaftliche Sanktionen geboten?

Schmidt: Auch Wirtschaftssanktionen haben vor allem eine symbolische Bedeutung, aber sie treffen den Westen genauso wie die Russen.

ZEIT: Wirtschaftliche Sanktionen hätten mehr als nur eine symbolische Bedeutung.

Schmidt: Ja, aber sie träfen den Westen ganz genauso wie die Russen.

ZEIT: Sollten sich Deutschland und Europa von russischer Energie unabhängiger machen?

Schmidt: Das kann dabei herauskommen. Klug ist es nicht. Wenn man sich freimacht von aktuellen Überlegungen und ein bisschen in die Zukunft guckt, dann muss man erkennen, dass auch am Ende des 21. Jahrhunderts Russland ein ganz wichtiger Nachbar bleiben wird. Russland war ein wichtiger Nachbar das erste Mal zur Zeit von Katharina II. oder von Peter dem Großen, das zweite Mal beim Versuch von Napoleon, die Russen in die Ecke zu drängen; der kam dann geschlagen aus Moskau nach Hause. Dann gibt es in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Krimkriege, die die Russen verloren haben, aber von diesem Verlust haben sie sich seit den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts erholt. Und der Westen hat es hingenommen, dass die Russen ihren Marinestützpunkt auf der Krim errichtet haben. Im Ersten Weltkrieg und im Zweiten Weltkrieg standen die Russen auf der Seite des Westens. Und Deutschland stand auf der falschen Seite. Das vergessen die Deutschen heute. Es ist ganz wichtig, sich daran zu erinnern, dass trotz des Zweiten Weltkrieges die Russen den Hass auf die Deutschen hinter sich gelassen haben. Es gibt keinen Hass im russischen Volk, keine Ablehnung der Deutschen. Es gibt im Übrigen eine Bewunderung für die deutsche Wirtschaft. Die Deutschen haben "den Affen erfunden" – das ist eine Redensart, die irgendwann in Russland mal gegolten hat. Und in Deutschland gibt es keinen Hass auf die Russen. Das ist eine fast unglaubliche Verbesserung der Situation zu einem wichtigen Nachbarn.

ZEIT: Muss uns die Geschichte – vor allem die des Zweiten Weltkrieges – Zurückhaltung auferlegen in der Außenpolitik? Gerade gegenüber Russland?

Schmidt: Ganz sicher ist die Frage mit Ja zu beantworten.

ZEIT: Heißt das, wir Deutschen müssen eine andere Russlandpolitik betreiben als die Amerikaner?

Schmidt: Nicht notwendigerweise. Das hängt mehr von den Amerikanern ab als von den Deutschen.

ZEIT: Angela Merkel soll in einem Telefonat mit Barack Obama gesagt haben, Putin lebe "in einer anderen Welt". Sie kennen Putin, Sie haben ihn zuletzt im Dezember getroffen. Lebt er in einer anderen Welt?

Schmidt: Er lebt in dieser Welt. Er lebt in einer Welt, in der Russland aus vielen verschiedenen Völkern besteht. Das russische Volk ist die große Mehrheit, aber es gibt viele andere Völker innerhalb Russlands, immer noch. Trotz der Auflösung der Sowjetunion.

ZEIT: Was treibt Putin an? Ist es Patriotismus, ist es übersteigerter Nationalismus? Nostalgische Sehnsucht nach der Sowjetunion, Größenwahn?

Schmidt: Es ist kein Größenwahn. Wenn Sie sich an die Stelle von Putin denken, dann würden Sie wahrscheinlich ähnlich in Sachen Krim reagieren, wie er reagiert hat.

ZEIT: Betrachtet sich Putin als neuen Zaren, der sozusagen die russische Erde wieder sammelt?

Schmidt: Nein, das würde ich nicht sagen. Bei der Phrase von der Sammlung russischer Erde ging es um die Kaschierung des russischen Imperialismus. Aber natürlich sieht er sich in der Nachfolge hinter Peter, hinter Katharina, hinter den Romanows und als Nachfolger von Lenin.

ZEIT: Versteht er etwas von Wirtschaft?

Schmidt: Ich glaube, er ist in Wirtschaftsfragen abhängig von seinen Beratern. Es gibt zurzeit weder in Amerika noch in Russland, noch in England oder in Frankreich, noch in Deutschland, es gibt überhaupt kaum irgendwo einen Staatschef mit ökonomischem Überblick.

ZEIT: Nun unterscheidet sich die heutige Situation von der des Jahres 1968, als Breschnew in Prag einmarschiert ist, dadurch, dass Russland inzwischen Teil der Weltwirtschaft ist. Müssten die wirtschaftlichen Interessen nicht Putin davon abbringen, eine zu aggressive Politik zu betreiben?

Schmidt: Ich bin kein Fachmann für diese Fragen. Richtig ist Ihre Feststellung, dass die russische Wirtschaft Teil der Weltwirtschaft geworden ist.