Hugo Fetting schläft noch, als die Polizei bei ihm klingelt. Es ist ein Morgen im Februar dieses Jahres, die Beamten sind gekommen, um seine Wohnung im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg zu durchsuchen. Im Schlafanzug öffnet Fetting langsam die Tür. Er ist 90, die weißen Haare reichen ihm fast bis zu den Schultern. Fetting sieht zu, wie die Polizisten seine Zimmer inspizieren, auch den schmalen Raum neben dem Bad. Dort ruhte, in einem Regal aus Apfelsinenkisten, mehr als 60 Jahre lang sein Schatz. 34 vergilbte Mappen aus Pappkarton, darin 6.000 Schriftstücke: Briefe und Bühnenbildentwürfe, Regiepläne, Kostüm- und Besetzungsverzeichnisse – deutsche Theatergeschichte aus der Zeit von 1796 bis 1814.

Fettings Schatz, das war der Nachlass des August Wilhelm Iffland, des bedeutendsten Theatermachers Preußens. Iffland – Schauspieler, Dramatiker und Intendant zugleich – leitete das Königliche Nationaltheater Berlin. Er arbeitete mit Goethe, Schiller und Kleist und öffnete das Theater, das bis dahin etwas für Könige und ihren Hofstaat war, dem Bürgertum. Der Iffland-Ring ist bis heute eine der wichtigsten Auszeichnungen für deutschsprachige Bühnenschauspieler. In der Welt des Theaters ist Iffland eine Legende. Doch die Zeugnisse seines Schaffens, die 34 alten Bände, galten 60 Jahre lang als verschwunden.

An einem Herbsttag im Jahr 2013 tauchen sie wieder auf. Ein Wiener Antiquar will sie für 450.000 Euro auf einer Messe in Ludwigsburg anbieten. Er hat sie für 50.000 Euro von Hugo Fetting gekauft, dem alten Mann mit dem weißen Haar, der seinen Schatz zu Geld machen will. Als das Land Berlin davon erfährt, zeigt es Fetting an und fordert das Material zurück. Es handele sich um "nationales Kulturerbe". In den Nachkriegsjahren habe Fetting den Nachlass geraubt, jetzt müssten die historischen Dokumente ihrem Besitzer zurückgegeben werden: Berlin, der Allgemeinheit.

Nach Cornelius Gurlitt ist Hugo Fetting der zweite hochbetagte Mann, in dessen Wohnung verschollen geglaubte Kulturgüter die Jahrzehnte überdauerten. Nur dass es diesmal nicht um Kunst geht, die während der Nazizeit den Besitzer wechselte, sondern um einen Schatz, der in der DDR gehoben wurde. Ifflands Nachlass ist nicht so wertvoll wie Gurlitts Sammlung. Trotzdem kämpfen das Land Berlin, das Wiener Antiquariat und Hugo Fetting heftig darum.

Es geht um weit mehr als die 450.000 Euro, die der Antiquar für das Konvolut haben wollte. Es geht um die Frage, wem das kulturelle Gedächtnis eines Landes gehört. Es geht um die Geschichtsvergessenheit der Nachkriegszeit. Es geht um Lügen. Um Gier. Und um eine Leidenschaft, die am Ende eines Lebens ihren Tribut fordert.

Wenige Stunden nach der Durchsuchung sitzt Hugo Fetting in seinem Wohnzimmer, seine schmalen Arme stützt er auf die Sessellehnen. Zum dritten Mal, seit der Fall bekannt wurde, ist die ZEIT bei ihm zu Besuch. Lange habe er nichts mitbekommen von der Aufregung da draußen, hat Fetting bei den vorangegangenen Treffen erzählt, sein Arzt habe ihm berichtet, dass sein Name in der Zeitung stehe und dass Berlin seinen Schatz zurückfordere.

Selbst an diesem Morgen, nach der Durchsuchung, sagt der alte Mann: "Ich mache mir keine großen Sorgen." Es klingt ein wenig zu bestimmt, als bemühe er sich, Haltung zu bewahren. Auf Betrug stehen bis zu fünf Jahre Gefängnis. Für einen 90-Jährigen ist das so viel wie "lebenslänglich".

Hugo Fetting, 1923 in Mecklenburg geboren, war einer der wichtigsten Theaterwissenschaftler der DDR, kurz nach dem Mauerfall ging er in Rente, das neue System kennt er nur als Pensionär. Seine Wohnung gleicht einem Museum: Der Fernseher und das Telefon sind die einzigen Hinweise auf das 21. Jahrhundert. Die Bücherregale reichen bis zur Decke. An der Wand: die Totenmaske von Marga Böhmer, der Gefährtin des Bildhauers Ernst Barlach – und drei Nägel. Dort, sagt er, hingen Bühnenbildentwürfe für Iffland, auch die habe er nach Wien verkauft. August Wilhelm Iffland ist hier ausgezogen.

Man kann den Fall Iffland als Geschichte eines geraubten oder eines geretteten Schatzes erzählen – Fetting hat sich für die zweite Version entschieden.