DIE ZEIT: Herr Wetzel, viele Eltern wünschen sich flexible Arbeitszeiten, um mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen zu können. Wäre es nicht eigentlich der Job der Gewerkschaften, diese Wünsche Realität werden zu lassen?

Detlef Wetzel: Wir stehen vor einer Auseinandersetzung um die richtige Arbeitszeit – für uns ist das eines der ganz großen Themen der nächsten Jahre. Vor Kurzem haben wir eine Umfrage bei einer halben Million Beschäftigten gemacht. Ergebnis: Das Bedürfnis nach mehr Zeitsouveränität ist riesig.

ZEIT: Vielleicht wollen die Beschäftigten einfach nur weniger arbeiten.

Wetzel: Nein. 84 Prozent der Befragten wünschen sich, dass ihre tägliche Arbeitszeit kurzfristig an private Bedürfnisse angepasst werden kann. Sie wollen nicht unbedingt weniger arbeiten, sondern ihre Arbeitszeit mitgestalten und im Ernstfall auch mal Nein sagen können. Uns hat überrascht, dass Flexibilität kein negativ besetzter Begriff ist, obwohl die Anforderungen in den Unternehmen immer härter werden. Schwankende Auftragslagen, kurzfristige Kundenwünsche und starker Wettbewerbsdruck verlangen den Menschen viel ab. Aber das akzeptieren die Beschäftigten, wenn sie selbst auch Flexibilitätswünsche durchsetzen können.

ZEIT: Wollen Sie für andere Arbeitszeiten streiken – wie bei der 35-Stunden-Woche, dem letzten großen Kampf um die Arbeitszeit?

Wetzel: Das war Mitte der achtziger Jahre, damals wollten die Gewerkschaften vor allem Arbeitsplätze sichern. Dafür sollte Arbeit umverteilt werden, rückblickend eine richtige Strategie. Heute geht es um Zeitsouveränität – eine Gegenbewegung zur totalen Ökonomisierung des Lebens. Das ist eine ganz neue Debatte, die vor allem von jungen Menschen in die IG Metall getragen wird. Wir sprechen übrigens immer von der Vereinbarkeit von Leben und Beruf, und das nicht nur in Familien. Eine neue Zeitpolitik tut auch denen gut, die Zeit für sich brauchen.

ZEIT: Wie bringen Sie einem Metallarbeitgeber mit ausgeklügeltem Schichtbetrieb bei, dass der Einzelne öfter Nein sagen will? Sind Sie auf Widerstand vorbereitet?

Wetzel: Beim Streit um Arbeitszeit geht es immer ums Eingemachte. Die großen Produktivitätssprünge der deutschen Wirtschaft, die Stellung Deutschlands als Exportweltmeister – das alles hätte es ohne die enorm gestiegene Flexibilität der Beschäftigten nicht gegeben. Und der Druck wird in den nächsten Jahren noch steigen. Arbeitszeit ist kein reines Wohlfühlthema. Es ist die zentrale Auseinandersetzung in unserer Wirtschaftsgeschichte, vom Achtstundentag in den zwanziger Jahren bis heute. In der Nachkriegszeit haben die Gewerkschaften Plakate mit dem Slogan "Samstag gehört Vati mir" aufgehängt. Daran wollen wir anknüpfen. Heute würde man sagen: "Nachmittags gehören Mutti und Vati mir". Die passenden Plakate gibt es bei uns schon.

ZEIT: Wollen Sie andere Tarifverträge aushandeln – oder sollen die Unternehmen Lösungen finden?

Wetzel: Die Lebenserfahrung zeigt, dass es immer einzelne Unternehmen gibt, die alles wunderbar regeln. Aber das nützt nur wenigen. Wir haben zwei Instrumente, um auf breiter Ebene die Lage zu verbessern: Tarifverträge und Gesetze. Ich glaube, dass sich beides gut ergänzen kann. Wir könnten zum Beispiel der Familienministerin helfen, ihr Ziel einer vorübergehend kürzeren Arbeitszeit für Väter und Mütter zu erreichen ...