Werden Schulen nicht besser ausgestattet, wird Inklusion am Ende zum Sparprogramm

Natürlich ist die Idee der Inklusion wunderbar. Wer wünschte sich nicht, dass Kinder mit und ohne Handicap ganz selbstverständlich miteinander lernen und alle individuell gefördert werden? Leider folgt aus einem hehren Ideal noch keine ideale Wirklichkeit. Und wie die Geschichte lehrt, haben gerade schöne Utopien mitunter hässliche Nebenwirkungen.

Betrachten wir also einmal nicht das Ideal, sondern die real existierende Inklusion. Dann zeigt sich: Bekommen die Schulen nicht mehr Geld und Unterstützung, droht die schöne Idee zu scheitern.

Warum etwa besuchen hierzulande weiterhin so viele Schüler eine Sonder- oder Förderschule? Fast drei Viertel der knapp 500.000 Schüler mit "sonderpädagogischem Förderbedarf" finden sich dort. Dabei hätten im Jahre fünf nach Inkrafttreten der UN-Konvention alle Kinder das Recht auf inklusive Beschulung. Warum zieht es sie nicht vermehrt in die Regelschulen? Wohl nicht zuletzt deshalb, weil viele Eltern merken, dass ihr behindertes Kind in einer Sonderschule besser betreut wird.

Für den inklusiven Unterricht fehlt es den meisten Regelschulen schlicht an Ressourcen. Das beginnt schon mit der Rampe für Rollstühle, betrifft aber auch Fahrstühle, behindertengerechte Toiletten, Therapiebäder oder Entspannungsräume. Ebenso mangelt es an gut geschultem Personal. Eigentlich brauchten inklusionswillige Lehrer eine solide Fortbildung und (zumindest anfangs) ein Coaching. Stattdessen gab es vielerorts nur einen Schnellkurs – fehlendes Wissen soll nun durch guten Willen ersetzt werden. Denn für neue Stellen fehlt das Geld. Dabei würden 9.300 zusätzliche Lehrkräfte gebraucht, hat der Bildungsökonom Klaus Klemm für die Bertelsmann-Stiftung errechnet. Kostenpunkt: Jährlich 660 Millionen Euro. Zusätzlich brauchte man Geld für Umbauten, Schulungen, Integrationshelfer et cetera. Weil das Bildungsbudget aber notorisch knapp ist, streiten sich nun Länder, Kommunen und Schulen um die Finanzierung.

Leidtragende sind die Kinder. Statt dauerhaft von Sonderpädagogen betreut zu werden, wird ihnen in Inklusionsklassen nur stundenweise eine sonderpädagogische Fachkraft zugestanden. Dabei kann es passieren, dass diese zwar alles über körperliche Behinderungen weiß, aber kaum etwas über Kinder mit geistigen Behinderungen, die auch in der Klasse sitzen.

In der Inklusion geht es eben nicht nur um geistig aufgeweckte Kinder, die im Rollstuhl sitzen, sondern auch um sprachgeschädigte oder lernbehinderte Schüler, um Kinder mit unheilbarer Muskeldystrophie oder solche mit extremen Verhaltensauffälligkeiten. Deshalb gibt es auch nicht den Sonderpädagogen, sondern verschiedene sonderpädagogische Fachrichtungen und Förderzentren. Wer diese zum Luxus erklärt und so tut, als könne man in der Inklusion alle Kinder über einen Kamm scheren, ist weltfremd oder fahrlässig.

Ebenso heuchlerisch ist der Vorwurf, die Sonderschulen versagten, weil drei Viertel ihrer Schüler keinen Hauptschulabschluss erreichten. Das suggeriert, man müsse Sonderschüler nur an eine Regelschule verpflanzen, und schon sei ihr Abschluss garantiert. Unfug, ein Kind mit geistiger Behinderung wird auch in der Inklusion nicht automatisch zum Überflieger.

Leider ist die Diskussion mittlerweile so aufgeladen, dass schnell zum Gegner der Inklusion abgestempelt wird, wer auf solche Probleme hinweist. Man gilt als Ewiggestriger, der nicht an den Sinn eines gemeinsamen Unterrichts glaube. Das ist Unsinn. Echte Gegner der Inklusion gibt es kaum. Aber man darf darüber streiten, was für welches Kind das Beste ist.

Unbestritten ist für manche der Besuch einer Regelschule enorm förderlich. Andere dagegen können dort erst recht in die Isolation geraten, etwa Schwerhörige, die in einer lauten Klasse untergehen. Und wenn beeinträchtigte Kinder sich in ihrer Leistungsfähigkeit mit "normalen" Kindern vergleichen, können sie sich ebenfalls ausgegrenzt fühlen. Deshalb führt eine schlecht gemachte Inklusion erst recht zur Exklusion.

Ob sie eher in der Regel- oder der Sonderschule besser aufgehoben sind, sollten die Betroffenen daher selbst entscheiden dürfen. Damit könnte es allerdings bald vorbei sein. Schon fordern Inklusionsverfechter, dass man die Betroffenen zur Not auch gegen ihren Willen zu ihrem (vermeintlichen) Glück zwingen müsse. So sei das Recht der Eltern, zwischen Regel- und Sonderbeschulung wählen zu dürfen, "nur übergangsweise vertretbar", schreibt die deutsche Monitoring-Stelle zur UN-Behindertenrechtskonvention. Wenn sich die Eltern weiterhin für Sonderschulen entschieden und damit den "Aufbau eines inklusiven Bildungssystems verzögern", sei ihr Wahlrecht mit dem Recht auf inklusive Bildung "nicht in Einklang zu bringen". Im Klartext: Entscheiden sich die Eltern behinderter Kinder nicht freiwillig für den Besuch normaler Schulen, wird aus dem Recht auf eben der Zwang zur Inklusion.

Sind bis dahin die Regelschulen nicht deutlich besser ausgestattet, gibt es ein böses Erwachen: Die Betroffenen würden feststellen, dass viele jener Errungenschaften verloren sind, die Sonderschulen einst mühsam für ihre Schüler erkämpften; und dass die schöne Idee der Inklusion für ein Sparprogramm missbraucht wurde.

Ulrich Schnabel