Die Ministerin hat eine gute Nachricht und eine schlechte. Es ist ein Montagmorgen Anfang des Jahres, nicht mehr Winter, noch nicht Frühling, und Frauke Heiligenstadt, Kultusministerin des Landes Niedersachsen, eröffnet die kleine Pressekonferenz in einer Hannoveraner Schule mit der guten Nachricht: Der islamische Religionsunterricht, seit diesem Schuljahr endlich Regelfach an den staatlichen Schulen des Landes, mache sich gut. Er sei wichtig für Identitätsbildung, Integration und gegenseitige Toleranz.

Dann kommt sie zur schlechten Nachricht: Es gibt dafür aber nicht genügend Lehrer. 200 wären nötig, um das Fach im ganzen Bundesland einzuführen. Bisher sind es 25.

Neben der Ministerin sitzt Annett Abdel-Rahman, eine Religionspädagogin, die sich seit vielen Jahren für die Einführung des Fachs einsetzt. Sie zupft kurz ihr Kopftuch zurecht und liefert dann eine Erklärung für die schlechte Nachricht: Lehrerinnen dürfen in Niedersachsen an staatlichen Schulen kein Kopftuch tragen. Zwar wird für die Stunde Religionsunterricht eine Ausnahme gemacht, aber sobald die Lehrerin das Klassenzimmer verlässt, muss sie das Tuch wieder abnehmen. Weder auf dem Pausenhof noch auf dem Flur, im Lehrerzimmer oder während sie ein anderes Fach unterrichtet, darf sie es tragen. Zu einem solchen Zugeständnis sind die wenigsten Kopftuchträgerinnen bereit. Auch Annett Abdel-Rahman nicht. Sie ist heute nur als Vertreterin eines muslimischen Verbandes dabei, der Schura Niedersachsen. Nicht als Lehrerin.

Das Kopftuchverbot für Lehrerinnen an Schulen ist eine Folge eines Urteils des Bundesverfassungsgerichtes von 2003: Einer Lehrerin könne das Tragen eines Kopftuchs an einer öffentlichen Schule nicht untersagt werden, hieß es darin – solange es kein entsprechendes Gesetz auf Landesebene gebe. Acht Bundesländer haben sich daraufhin für ein Verbot des Kopftuchs entschieden. Darunter Nordrhein-Westfalen, Hessen, Niedersachsen. Drei Länder, in denen islamischer Religionsunterricht bald auf dem Stundenplan steht. Wichtigster Teil der Begründung: Lehrer im öffentlichen Schuldienst müssen als Vertreter des Staates religiöse Neutralität wahren. Human Rights Watch sieht in den Kopftuchgesetzen eine Diskriminierung im Namen der Neutralität.

Wie gehen die betroffenen Frauen damit um, was bedeutet das Kopftuchverbot für sie?

Einige Tage nach dem Schulbesuch hat Annett Abdel-Rahman Zeit für ein Treffen, um darüber zu reden. Sie ist genervt von der Diskussion. Am liebsten würde sie das Wort Kopftuch aus ihrem Wortschatz streichen, hat sie schon bei der Terminabsprache am Telefon gesagt. Weil es den Islam und sie selbst auf ein Stück Stoff reduziere. Abdel-Rahman wartet in einem Café in der Nähe des Hannoveraner Hauptbahnhofs. Sie trägt Jeans und ein rosa-violett gemustertes Kopftuch, kein Haar schaut darunter hervor.

Warum tragen Sie das Tuch? Annett Abdel-Rahman, 44 Jahre alt, fasst eine lange Geschichte kurz zusammen. Aufgewachsen ist sie in Erfurt, als Atheistin, im ersten Semester Germanistik auf Lehramt in Hannover lernte sie in der Mensa einen ägyptischen Muslim kennen und lieben. Die Frage "Gibt es Gott oder nicht?" hatte sie schon lange beschäftigt und nun umso mehr. Um in Ruhe darüber nachzudenken, ging sie einige Tage ins Kloster. Es gibt einen, fand sie für sich heraus und entschied sich für den Islam. Das Tuch hat sie erst nach der Geburt ihres ersten Kindes angelegt. "Das hatte nichts mit der Heirat oder meinem Mann zu tun, das war eine priva-te Entscheidung zwischen Gott und Mensch, wie man sich entscheidet, zu fasten oder zu beten."

Es war eine Entscheidung, die ihre Berufsplanung über den Haufen warf.

Das Referendariat sei die schlimmste Zeit ihres Lebens gewesen, erzählt Annett Abdel-Rahman. Empfangen wurde sie an ihrer Schule in Hannover mit einer Unterschriftensammlung der Lehrer – gegen das Kopftuch. "Sie können als Gemüsefrau arbeiten, aber nicht als Lehrerin", blaffte eine ältere Kollegin im Lehrerzimmer sie an. "Das hat wehgetan", sagt Abdel-Rahman. Sie wollte gerne Geschichte, Deutsch und Erdkunde unterrichten.