Homer Simpson tut sehr viel dafür, dass er nicht dünn wird: Er trinkt Unmengen Bier und isst Donuts – und fühlt sich wohl © Pari Dukovic

Da lehnt ein Mann an einem Stromkasten im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg und trinkt, was schon mal gut ist, keinen Milchkaffee, sondern ein Bier. Es ist, man erkennt es auf den zweiten Blick, der gute und sympathische Schauspieler Ronald Zehrfeld. Woran liegt es, dass der Typ am Stromkasten einem so gute Laune macht? Liegt es an Zehrfelds wunderbar altmodischer Aura? Liegt es daran, dass er nicht telefoniert und nicht im Gespräch ist mit einem wichtigen Agenten?

Viel schöner, einfacher: Der Schauspieler Ronald Zehrfeld, 37, bekannt aus Dominik Grafs Killer-Fernsehserie Im Angesicht des Verbrechens, ist nicht so dünn wie viele andere Männer. Er trägt, genau genommen, ein Bäuchlein unter seinem T-Shirt (was nicht weiter schlimm ist, weil der Rest seines Körpers, Brust und Oberschenkel, eine vergleichbare Menge Gewicht und Kraft mitbringt). Das Bäuchlein ist praktisch nicht der Rede wert, es steht ihm gut. Der Prenzlauer-Berg-Spaziergänger aber versteht: Männer mit Bäuchlein unter dem T-Shirt können sexy aussehen. Ist das nicht eine wunderbare Nachricht?

Begriffsklärung. Wir reden hier ja nicht von dicken Männern. Wir reden von Männern mit einem Ansatz von einem Bauch. Die These lautet: Die richtige Menge Bauch, nicht zu viel, nicht zu wenig – Entschuldigung, genauer lässt sich das nicht sagen –, ist sexy. Wichtiger Punkt, er hat sich merkwürdigerweise noch nicht herumgesprochen: Man sieht einem Mann an, ob er ein Bauch-Typ ist oder nicht, und zwar ganz unabhängig davon, ob er sich seinen Bauch gerade weggehungert hat. (Jaja, liebe Männer, versteht das mal: Es bringt nichts, sich seinen Bauch wegzuschuften, ihr seht im besten Fall wie angestrengte, nicht besonders glückliche Männer aus, die zu viel Zeit im Fitnesssalon verbringen.)

Natürlich sahen Männer früher männlicher aus, auch deshalb, weil sie mehr Bauch unter ihrem Hosenbund trugen (Spencer Tracy, Bob Mitchum, John Wayne). Männer, denen eine altmodische Lässigkeit attestiert wird, wie sie ohne Bauch nun mal nicht zu haben ist, heißen Russell Crowe, Joaquín Phoenix, Vince Vaughn. Lässt sich andersherum sagen, dass einem Ryan Gosling für das letzte Gramm Coolness der nicht hart trainierte, mit spöttischem Lächeln zur Schau getragene Bauch fehlt? Man kann es doch mal behaupten.

Frühjahr 2014: Es ist, zugegeben, keine ganz einfache Zeit für Bäuche und diejenigen, die behaupten, dass sie cool sind. Durch die westliche Welt laufen so viele von Power-Yoga, Pilates und makrobiotischem Essen gestählte Männer wie nie zuvor, und es lässt sich schwerlich sagen, dass sie alle schlecht aussehen. Noch einmal dasselbe Argument: Wollen Frauen Männer, die – huhu – auf ihre Linie achten? Wollen Frauen Männer, die zum Abendessen Salat bestellen? Oder finden Frauen auch die Männer attraktiv, die es ein bisschen gemütlicher angehen lassen und dafür ein lässigen Grinsen im Gesicht stehen haben? Nein? Ein Paradoxon: In Zeiten der Überfixierung auf den Körper ist der Respekt für den Bauch so gering wie nie zuvor, warum ist das so? (Fast scheint es so, als ob der Bauch eine Art Pfand dafür wäre, dass dem Körper in unseren Zeiten zu viel Aufmerksamkeit zuteilwird.) Dabei sind es doch diese auf den ersten Blick nicht schicken Männer mit Bauch, die den Eindruck erwecken, sie könnten sich noch um etwas anderes kümmern als sich selber – die Erziehung der Kinder zum Beispiel, den Wochenendeinkauf, die Autoreparatur. Mangelnde Eitelkeit – zwischen Mann und Frau kann sie eine sehr attraktive Währung sein.

Paar vergnügte, bisschen alberne Gedanken: Was lässt sich mit einem Bäuchlein so alles anstellen? Doch einiges. Mit einem Bäuchlein lässt sich zum Beispiel sehr schön eine Autotür zuschlagen. Konkret: Der Gentleman hält in der Linken die Zeitung, führt mit der Rechten ein Telefonat und lässt mit dem Bauch die Autotür zufallen. Klung. Sieht super aus. Mit einem Bauch lässt sich zum Beispiel auch ein Tisch, der falsch steht, verschieben. Mit einem Bauch kann man einen Gegner wegdrängen oder demjenigen, der neben einem steht und auf die Nerven geht, einen freundlichen Stupser verpassen. Vor allem aber lässt sich mit einem Bauch ganz wunderbar an Straßenecken herumstehen und in die Sonne gucken. Hallo, Ronald Zehrfeld.

Kann man sagen, dass sich mit einem Bäuchlein ganz konkret auch Frauen anlocken lassen, oder ist das männliches Wunschdenken? Folgende Geschichte: Vor gut zehn Jahren reiste ich mit einem Kollegen in den Dschungel von Neuguinea. Unser Auftrag lautete, mit einem Stamm von Ureinwohnern in Kontakt zu kommen, die mit der westlichen Zivilisation (Handys, Popmusik, Nike-Turnschuhe) gänzlich unvertraut sind. Wir wurden überall freundlich empfangen, aber mein Kollege – eine wohlgenährte, keine dicke Erscheinung – bekam, ganz im Gegensatz zu mir, in jedem Dorf mindestens einen Heiratsantrag. Die Erklärung, die der mitreisende Führer uns lieferte: "Ihm trauen die Frauen die Ernährung ihrer Familie eher zu als dir." Das mit den vielen Frauen hat mich beeindruckt. Und es hat mich, das kann ich auch sagen, beruhigt.