Familie Zhang aus Peking kauft bei Taobao, einem Marktplatz im Internet, ein: Essig, Öl, Snacks, Kleidung, Schuhe, Sicherheitsschlösser, Bettzeug, praktisch alles, was sie braucht. Ins Einkaufszentrum gehen sie kaum mehr und nur noch selten in den Supermarkt. Die Zhangs bestellen – und warten auf die Post.

Zunächst war Zhang Gefei noch misstrauisch. Als seine Tochter begann, bei Taobao ihre Kleider und Kosmetik zu kaufen, sagte der pensionierte Ingenieur: "Lass das doch. Das sind alles nur Betrüger, die gefälschte Sachen verkaufen." Aber dann suchte er spezielle Sägen und Klingen und fand sie in keinem Geschäft. Sein Sohn bestellte sie ihm auf Taobao. Herr Zhang war fasziniert. Wie so viele andere Chinesen auch.

Inzwischen hat Taobao 370 Millionen Nutzer und gehört zu den zehn meistbesuchten Internetangeboten der Welt. 70 Prozent der chinesischen Postsendungen sollen schon auf Bestellungen über den elektronischen Marktplatz zurückgehen, Rentner und Schulmädchen, Wanderarbeiter und Unternehmer nutzen ihn gleichermaßen. Selbst für chinesische Verhältnisse ist Taobao also ziemlich groß, und doch ist das Unternehmen nur Teil eines anderen, eines noch größeren Konzerns: Taobao gehört zu Alibaba, dem dominierenden Internetkonzern des Landes mit 600 Millionen Nutzern, der eine ganze Fülle von Onlinemarktplätzen und anderen Geschäften betreibt.

Im Westen ist weder der eine noch der andere Firmenname bekannt. Doch das wird sich ändern, weil Alibaba kurz vor dem Sprung an die New Yorker Börse steht. 15 Milliarden Dollar möchte der Konzern angeblich einsammeln, aber dafür nur zehn Prozent seiner Aktien verkaufen. Es sieht gerade so aus, als würde ihm das gelingen, was hieße: Alibaba wäre 150 Milliarden Dollar wert und damit mehr als doppelt so viel wie eBay und fast so viel wie Amazon.

Damit ist Alibaba nicht nur das erste chinesische Unternehmen, das derart hohe Summen an einer Börse im Westen einsammelt und mit dortigen Unternehmen um Investoren konkurriert. Es ist auch der erste chinesische Konzern, der in einer Liga mit den westlichen E-Commerce-Unternehmen spielt.

Dieser heimliche Aufstieg wäre bemerkenswert genug. Doch dazu kommt die Geschichte des Englischlehrers Ma Yun, der Alibaba und die wichtigste Tochtergesellschaft Taobao aus eigener Kraft aufgebaut hat, mit eigenen Ideen, und nicht etwa indem er andere kopiert hätte.

Was ist das für ein Konzern? Was unterscheidet etwa Taobao von Amazon und eBay, die sich in China so schwertun?

Im elektronischen Handel gehen die drei Konzerne verschiedene Wege. Amazon hat riesige Logistikzentren gebaut, hält Waren wie ein Großhändler vor und vertreibt viele Eigenmarken. eBay ist als Auktionshaus entstanden und mit dem Slogan "3, 2, 1 ... meins" populär geworden. Taobao dagegen ist von Anfang an ein Marktplatz gewesen, auf dem selbstständige Verkäufer ihre Waren zu Festpreisen vertrieben. Zwar bieten auch Amazon und eBay seit mehreren Jahren vergleichbare Dienste an, zusätzlich zu ihrem ursprünglichen Angebot. Doch in China hatten sie gegen Taobao keine Chance, denn dessen Gründer hat seine Landsleute besser verstanden und zwei ihrer zentralen Eigenheiten besonders berücksichtigt: ihre Sparsamkeit und ihr weitverbreitetes Misstrauen gegenüber fremden Menschen.

Während beispielsweise eBay einen Teil des Verkaufspreises als Provision behält, ist der Handel bei Taobao kostenfrei. Geld wird mit Onlinewerbung und Dienstleistungen wie dem Design von Internetauftritten für Unternehmen verdient. Außerdem zahlen Verkäufer etwas, wenn sie ganz oben auf der Angebotsliste für ein Produkt erscheinen wollen.

Dem Misstrauen vieler Verbraucher kam Taobao entgegen, indem es ein eigenes Zahlungssystem namens Alipay entwickelte, das auf einem Treuhandkonto beruht. Erwirbt der Käufer eine Ware, wird das überwiesene Geld auf diesem Konto geparkt, und erst wenn die Ware ausgeliefert wurde, fließt das Geld an den Verkäufer. eBay verlangte demgegenüber lange eine Vorkasse. Der Käufer musste dem Verkäufer einen Vertrauensvorschuss leisten.