Heute hat der gesamte Alibaba-Konzern 25.000 Mitarbeiter und gliedert sich in mehrere Bereiche, unter ihnen drei elektronische Marktplätze: Da ist wie beschrieben Taobao für private Verbraucher und dazu das Onlinekaufhaus TMall, in dem sich globale Markenfirmen wie adidas an das zahlungskräftige chinesische Publikum wenden. Aber da ist auch eine Plattform namens Alibaba, die Keimzelle des Konzerns, auf der kleine und mittlere chinesische Unternehmen mit Großabnehmern zusammenkommen.

Nun sind Statistiken in China mit Vorsicht zu genießen und widersprechen sich oft, doch einigen zufolge bestimmt Alibaba mit seinen Gesellschaften inzwischen 80 Prozent des chinesischen Internethandels. Was das bedeutet, begreift man erst, wenn man die Prognosen der Unternehmensberater von KPMG kennt, die voraussagen, dass der Umsatz des chinesischen Internethandels bereits im Jahr 2020 größer sein werde als jener in den USA, Großbritannien, Japan, Deutschland und Frankreich zusammen.

Da ändert sich etwas im Gefüge der Weltwirtschaft. Lange galt China als deren Werkbank. Die Arbeiter im Land fertigten iPhones, Jeans und Möbel für die Konsumenten im Rest der Welt, von Japan über den Kongo bis nach Feuerland. Unternehmer, die reich wurden, kopierten vor allem Techniken und Produkte, die sich jemand woanders ausgedacht hatte. Doch mittlerweile melden chinesische Wissenschaftler und Unternehmer mehr Patente an als die deutschen, der chinesische Premier reist nach Osteuropa, um die Hochgeschwindigkeitszüge seines Landes zu preisen und es als Exporteur eigener Hochtechnologie zu etablieren. Und Internetkonzerne wie der elektronische Marktplatz Alibaba strecken ihre Fühler in die Welt aus. Alibabas Börsengang wird damit auch zum Symbol für eine neue Phase der chinesischen Integration in die Weltwirtschaft.

"Sollte der Börsengang erfolgreich verlaufen, dann wird das Interesse an chinesischen Technologieaktien steigen", sagt Cao Lei, Analyst der Beratungsfirma China E-Business Research Center. "Es werden mehr Geld und Ressourcen in den hiesigen Markt fließen. Und andere Firmen werden Alibaba folgen."

Dieser Aufstieg wäre ohne den Gründer Ma Yun nicht denkbar. Vergangenes Jahr zog er sich, mit 48 Jahren einer der reichsten Männer Chinas, aus dem Tagesgeschäft zurück und wurde Verwaltungsratschef.

Geboren wurde Ma Yun im Jahr 1964 in Hangzhou. Seine Kindheit erlebte er in der Kulturrevolution, die für seine Familie nicht einfach gewesen sein kann, waren seine Eltern doch beide Pingtan-Sänger. Pingtan ist eine Mischung aus Erzählung und Gesang, die in der Kulturrevolution verboten war. (Diese Entertainerqualitäten hat Ma offenbar geerbt. Vor Angestellten trat er schon in Lederkluft, mit Irokesenfrisur und schwarzem Lippenstift auf und sang Lieder von Elton John.)

Als Teenager fuhr Ma Tag für Tag zu einem Hotel, in dem Ausländer übernachteten, und bot sich als Gratis-Tourguide an, um Englisch zu üben. Nachdem er zweimal durch die nationale Aufnahmeprüfung für die Universität gefallen war, machte er schließlich seinen Abschluss als Englischlehrer an einem Lehrerkolleg. Später arbeitete Ma für das Außenhandelsministerium und wurde 1998 gebeten, einen ausländischen Gast an die Große Mauer zu begleiten. Der war kein anderer als Jerry Yang, der Mitbegründer des Internetportals Yahoo. Die aus dieser Begegnung erwachsende Freundschaft sollte später zu einem großen Deal führen.

In den Neunzigern begann Ma zunächst, mithilfe amerikanischer Freunde Internetseiten für chinesische Firmen zu erstellen. "Am Tag, an dem wir ans Netz angeschlossen wurden, habe ich meine Freunde und Fernsehleute zu mir nach Hause eingeladen", erzählt er später. Die Verbindung sei quälend langsam gewesen, "wir warteten dreieinhalb Stunden, bis eine halbe Seite geladen war". In der Zwischenzeit hätten sie getrunken und Karten gespielt, und als es endlich funktionierte, "war ich so stolz. Ich hatte meinen Gästen bewiesen, dass das Internet existierte". 1999 gründete Ma dann gemeinsam mit Freunden in seinem Apartment den elektronischen Marktplatz für Unternehmen, Alibaba.

Warren McFarlan, Professor an der Harvard Business School, hat bereits ein Jahr später eine erste Fallstudie über Alibaba erstellt. Allerdings war der Wissenschaftler, ein anerkannter Experte für Informationstechnologie und Management, damals sehr skeptisch. "Ich dachte, die sind pleite, bevor wir die Fallstudie abgeschlossen haben", sagt er und lacht ein bisschen verlegen. Dann traf er Ma persönlich und wurde zum überzeugten Fan: "Ma ist ein wahrer Entrepreneur, jemand, der ein Unternehmen immer wieder neu erfinden kann." Er habe Energie, Charisma und Unternehmergeist, schwärmt der Professor, und als er Ma kürzlich wiederbegegnet sei, habe er erfreut festgestellt, dass der Mann nichts von seinem Elan eingebüßt habe. "Ma ist eine Ausnahmeerscheinung." Und das wisse dieser auch, so selbstbewusst wie er und seine Leute aufträten, sagt McFarlan. "Einen Mangel an Ehrgeiz kann man ihnen nicht nachsagen."