Ich liege mit ausgestrecktem Körper auf der Meeresoberfläche, das Gesicht halb unter Wasser getaucht, und sauge Luft mit Salzwasser durch meinen Schnorchel ein. Durch meine Maske beobachte ich einen Mann unter mir. Lautlos durchschneidet er das Wasser. Schwärme von Clownfischen folgen ihm. Synchron bewegt er seine Beine auf und ab, als wären sie zu einer einzigen Flosse zusammengewachsen. Spielerisch dreht er sich auf den Rücken. Dann schießt er an die Oberfläche: Olli Deniega, 30, ehemaliger Fischer, mein Tourguide und meine Verbindung zum Meer.

Wer die Seele der Philippinen kennenlernen wolle, hatte mir ein Freund geraten, der müsse hinaus aufs Meer. Wie kaum ein anderes Volk sind die Filipinos mit dem Wasser verbunden: Fast 37.000 Kilometer Küste und über 7.000 Inseln hat ihr Land. Zwei Drittel der Küstenbewohner leben vom Fischfang. Ich bin dem Rat gefolgt: Fünf Tage lang reise ich auf der Aurora II durch das kleinste der vier Haupt-Archipele des Inselreichs.

Bekannt wurde Palawan zuletzt tragischerweise durch den Taifun Yolanda, einen der stärksten Wirbelstürme der jüngeren Geschichte. Am 8. November 2013 fegte er über die Region hinweg. Doch selbst danach findet man hier noch einige der schönsten Landschaften der Philippinen.

Palawans Abgeschiedenheit, seine Korallenriffe und versunkenen Wracks zogen schon Abenteurer, Taucher und Meeresforscher an. Ich will versuchen, das Archipel mit den Augen der Fischer zu sehen. Mit an Bord sind 26 Touristen, darunter ein australisches Farmer-Ehepaar, französische Flitterwöchner, ein in die USA ausgewanderter philippinischer Fitnesstrainer – und der Bootshund, Tiger.

Es ist der zweite Nachmittag auf der Aurora. Deniega zieht sich aus dem Wasser an Deck und krallt sich mit den breiten Zehen wie eine Echse am Bootsrand fest. Seine Füße wirken um Jahrzehnte älter als der Rest von ihm. Die nassen Badehosen mit Flammenmuster kleben an seinem drahtigen Körper. In jedem Ohr blitzt ein Silberring. Auf der rechten Wange hat ein Angelhaken eine Narbe hinterlassen, auf dem Bauch prangt ein Wellen-Tattoo. "Das hat mir mal ein Fischerkollege mit Krakentinte gemacht", sagt er und schüttelt sich das Wasser aus den Haaren.

Wer vom Ober- aufs Unterdeck will, muss durch die Küche, über Wasserschläuche steigen und sich an Kühlkästen aus Styropor, Eierkisten, Komposteimern und Reissäcken vorbeizwängen. Dahinter sind zwei Bänke aufgestellt – unser Wohnzimmer. An der hölzernen Wand hängt eine Karte von Palawan. Jeden Tag zeichnet Deniega darauf ein, welche Strecke die Aurora II zurückgelegt hat. Die Insel Coron, Startpunkt der Reise, liegt schon lang hinter uns, wir haben Kurs nach Süden genommen, in drei Tagen sollen wir die Hauptinsel Palawan erreichen.

Schwimmende Favela

Für Privatsphäre ist wenig Platz bei 33 Menschen auf einem 25 Meter langen Boot. Schnell findet man heraus, wer am lautesten schnarcht, wer viel redet oder sich eigentümlich ernährt. Der Fitnesstrainer zum Beispiel ist ein Fan der sogenannten Steinzeitdiät. Vorhin ist er mit einer Harpune erfolglos auf Fischfang gegangen. Nun liegt er mir gegenüber auf einer Matratze mit einer Angelspule zwischen den Oberschenkeln und macht Sit-ups, bis einer anbeißt.

Vor der Insel Buluang ankert die Aurora abends neben einem Fischerboot, das aussieht wie eine schwimmende Favela. Für die Fischer ist diese Insel der letzte Halt, bevor sie hinaus aufs offene Meer fahren. "Das ist mein altes Leben", sagt Deniega, "45 Mann leben auf so einem Boot wie Sardinen in der Büchse." Vorsichtig schaue ich hinüber, neugierig schauen die Fischer zurück. Drei Tage und Nächte, sagt Deniega, dauert es von hier, bis man die Fischgründe erreicht; davor wird alles von den großen Schleppern abgefischt.

Dann wechselt man in eins der Beiboote und fischt zwei Wochen allein. "Um dich gegen Mücken zu schützen, reibst du dich mit Dieselöl ein. Wenn es in Strömen regnet, hast du nur eine Plane, um dich zu schützen. Aber zumindest bekommst du so in den zwei Wochen mal eine Dusche."

Ich dusche an diesem Abend auf der Insel in einem Bambusverschlag. Mit einer Schöpfkelle gieße ich mir das kalte Wasser aus einer Regentonne über die Haut. Die Aurora- Matrosen bauen derweil das Schlaflager auf. In zwei großen Stelzenhütten hängen sie Moskitonetze auf und rollen Matratzen aus, je zwölf in einer Hütte, die Schnarcher werden ausquartiert. Niemand beschwert sich. Wir haben ja alle die Warnung des Reiseveranstalter TAO gelesen: "Quallenstiche, Moskitostiche, Hundegebell ... – diese Tour ist nichts für jedermann."

Geheimbundtreffen beim Abendessen

Deniega zündet die Fackeln an, mit Petroleum gefüllte Bierflaschen, die an Bambuspfählen hängen. Trotz Vollmond erkennt man nur noch die Konturen der Gesichter. Ich fühle mich, als nähme ich an einem Geheimbundtreffen teil, dabei sitze ich nur an einem ausklappbaren Tisch auf einer abgeschiedenen Insel zum Abendessen.

Vor mir steht Fisch, in Bananenblättern gekocht, Gemüse, in Kokosmilch zubereitet, Reis und Mangos als Nachtisch. Der Niederländer neben mir erzählt von seiner letzten Safari, bei der ein Nilpferd fast auf sein Zelt getrampelt wäre, der Brite gegenüber von seinem verstorbenen Großvater, der in einen Häuptlingsstamm hineingeheiratet hatte.

Vom Kiesstrand dringen dumpfe Bassklänge herüber. In einer Bambushütte haben sich Fischer und Touristen neben einer alten Karaoke-Maschine versammelt. Ein junger Fischer greift zum Mikrofon, das nur noch von Klebeband zusammengehalten wird. Bald wird er allein auf offener See sein, an diesem Abend genießt er noch mal das Bad in der Menge. Die Hütte vibriert, das Publikum johlt, philippinischer Tanday-Rum macht die Runde. Unser Kapitän Milito Dimalapitan, kurz Käpt’n Lito genannt, überredet eine Touristin zum Engtanz.