Es geht ein Riss durch deutsche Redaktionen. Nicht etwa unterschiedliche Ansichten zu Russland sind es, zum Euro oder zum Fall Edathy, die zu diesem Zerwürfnis führen. Nichts scheidet deutsche Journalisten mehr als das Substrat, auf dem sie publizieren: Selbst Print- und Onlineredakteure desselben Verlagshauses leben oft in unterschiedlichen Sphären und pflegen die Ressentiments gegenüber der anderen Seite.

Ganze Chefredaktionen können an diesen scheinbar unüberbrückbaren Kulturen zerbrechen wie im Falle des Spiegels, der sich nach langem Streit von Print-Mann Georg Mascolo und Onliner Mathias Müller von Blumencron trennte. Ihr Nachfolger Wolfgang Büchner soll nun endlich beide Welten einen – und laboriert erneut am Systemkonflikt.

Ein ZEIT-Beitrag in der vergangenen Woche entfachte die Print/Online-Debatte neu: Bei der Süddeutschen Zeitung, stand darin, herrsche Streit um die Chefredaktion, in die mit Stefan Plöchinger erstmals ein Digitaler berufen werden soll. Print-Kollegen wollten das nicht. Eine Solidarisierungswelle für Plöchinger war die Folge – und eine neue Debatte über das Verhältnis von Print- und Onlinemedien.

Auch wir, der stellvertretende ZEIT-Chefredakteur Bernd Ulrich und der ZEIT ONLINE-Chefredakteur Jochen Wegner, tauschten dazu Gedanken aus – zunächst im privaten Twitter-Dialog mit maximal 140 Zeichen Länge. Daraus entstanden gemeinsame Thesen:

1 Onliner kompensieren mangelnde Akzeptanz mit Zukunftsarroganz. Printler ihre Zukunftsangst mit Gegenwartsarroganz.

"Mit uns zieht die neue Zeit", so singt die SPD. "Time is on my side", das singen die Rolling Stones. Es ist normal, dass eine neue Bewegung die Zukunft für sich reklamiert und damit auch nicht aufhört, wenn sie 150 (SPD) oder 75 (Stones) geworden ist. Auch die Onliner hatten sogleich behauptet, dass ihnen die Zukunft ganz allein gehört, wenn sie schon in der Gegenwart lange fürs halbe Gehalt arbeiten mussten. Allerdings, und das machte die Sache am Anfang heikel, musste Print dieses Zukunftsprojekt finanzieren. Manchmal kam das rüber wie: "Füttert uns, dann fressen wir euch."

Diese Haltung traf auf Printjournalisten, die am selben Tag vor Selbstbewusstsein platzen und vor Zukunftsangst zittern konnten. Sozusagen Borderliner gegen Onliner. Gegenüber den Kollegen im eigenen Hause verhielten sich die Printler wie der Adel zum Gesinde. Mit fatalen Folgen: Man gab den eigenen Digitalleuten so wenig Geld, dass es ihnen zuweilen unmöglich war, seriösen Journalismus zu produzieren, was dann wieder als Argument diente, auf Online herabzublicken.

Das Beste, was man zu dieser Phase sagen kann: Sie endet gerade.

2 Online hat gewonnen. Print auch.

Während manche Printredakteure mit Einstecktuch immer noch auf die Kollegen im Kapuzenpulli herabblicken, ist die Frage der Vorherrschaft längst entschieden: Die Online-Angebote der meisten Medienmarken erreichen inzwischen mehr Leser als die der Druckausgaben, und die Online-Leser sind ebenso gebildet und wohlsituiert, dafür ein bisschen jünger. Wichtiger noch: Guter Online-Journalismus ist heute so gut wie guter Print-Journalismus und kann sich dabei eines erheblich größeren Repertoires von Erzählformen bedienen. Online hat gewonnen.

Print aber auch. Denn entgegen den Prognosen vieler digitaler Apologeten ist das Gedruckte nun mal nicht gestorben. Einige wenige Printmedien konnten sogar von der Massenbewegung hin zum Netz profitieren, die nämlich ihrerseits eine Gegenbewegung angestoßen hat: die Suche nach Ruhepunkten außerhalb des Digitalen. Andere Medien haben ihre Wandlung vom Gedruckten zum Hybriden bereits so erfolgreich vollzogen, dass es sie in neuer Mischform noch sehr lange geben wird.

Faustregel: Print verdient um Faktoren mehr als Digital, Ausnahmen wie die Financial Times und bald auch die New York Times bestätigen diese Regel. So kommt es, dass der aufwendigste Journalismus, die größten Redaktionen und die bestbezahlten Jobs nach 20 Jahren Online-Journalismus immer noch bei Print zu finden sind.

Gleich, wer nun gewonnen hat: Gute Sieger zeigen Demut. Damit haben sich bisher weder Print- noch Onlinejournalisten hervorgetan. Seien wir demütig.

Ein Hoch auf den Hoodie

3 Print-Journalisten sind Journalisten. Online-Journalisten auch.

Online-Journalisten sind nicht nur mit Journalismus beschäftigt, sondern auch mit Online: Zum Berufsbild gehört, das eigene Betriebssystem ständig neu zu erfinden – das Netz bewegt sich schnell und mit ihm die journalistischen Formen. Das ist ein wenig so, als müssten Print-Journalisten ständig ihre Druckmaschinen neu zusammenbauen und hätten deshalb manchmal ölverschmierte Hände.

Naturgemäß reüssieren im Digitalen jene, die nicht nur Merkel verstehen, sondern auch, auf welche Weisen genau ihr Handy von der NSA abgehört werden könnte. Hinzu kommt, dass Online-Journalisten immer gern dann gefragt werden, wenn es um die Zukunft der Medien geht.

Wohl daher rührt der falsche Eindruck, sie hätten zur Krimkrise nicht so viel zu sagen wie zum neuen iOS-Update, als seien sie allesamt Jungs mit Star Wars-Postern überm und Lötkolben unterm Bett, die mit Kapuzenpullis und Aufmerksamkeitsdefizit in Print-Konferenzen stören.

Das Verfassen schöner Seite-3-Texte alleine wird in Zukunft auch nicht mehr für eine Karriere im Print-Journalismus reichen. Strategische Gestaltungskraft sollte ein Printler besitzen in einer Zeit, in der Kapuzenpullis bereits den dynamischeren Teil der Weltwirtschaft organisieren.

Ein Hoch auf den Hoodie.

4 Print-Journalisten haben keine Ahnung von der Zukunft der Medien. Online-Journalisten aber auch nicht.

Wie das mit der Zukunft geht, mussten immer die Onliner sagen. Sie hätten besser geschwiegen, denn fast alle ihre Prognosen haben sich als falsch erwiesen. Print ist nicht gestorben, das Fernsehen zweimal nicht, Radio gibt es noch. Das Prinzip eines offenen, freien, kostenlosen Internets habe sich für alle Zeiten durchgesetzt, erklärten sie mal. Dann kamen das geschlossene Facebook, geschlossene Bezahlinhalte und der weltweite Siegeszug einer Firma mit proprietären Systemen und kostenpflichtigem Content: Apple hat nach digitalem Lehrbuch so ziemlich alles falsch gemacht und ist genau damit erfolgreich.

Eine einzige digitale Weisheit erwies sich als robust: Wer im schnellen, schwer vorhersehbaren Wandel erfolgreich sein will, sollte statt in Jahresplänen lieber in Monatszyklen denken und Projekte in Wochenrhythmen organisieren. Herumprobieren statt schwadronieren.

5 Online-Journalisten müssen ihr Medium immer wieder neu erfinden. Print-Journalisten ebenso.

Veränderung ist für Onliner Alltag. Für Print-Journalisten aber auch. Und das nicht nur, weil man von diesem Netzgewese mit berührt wird, sondern wegen der Welt, über die berichtet wird, und vor allem wegen: der Leser. Seit sie eine Alternative zu Print haben, eine kostengünstige obendrein, werden sie anpruchsvoll. Sie wollen auf Augenhöhe angesprochen werden, sie wollen einbezogen werden, und sie haben – nicht zuletzt durch das Netz – ein hochfeines Sensorium für Bullshit, Gelaber und schlechte Qualität entwickelt. Journalismus, der sich vor allem an den Bedürfnissen der Journalisten ausrichtet, hat keine Chance mehr. Journalismus, der sich als täglich frisch gedrucktes Zeitungsmuseum geriert, kann Nostalgie wecken, aber nicht überleben. Das ist natürlich anstrengend – aber auch sehr aufregend.

6 Print-Journalisten haben Angst vor der Kannibalisierung durch Online. Und übersehen ihre wahren Gegner.

Printler pflegen eine Hassliebe zum Netz und deshalb auch zu ihren Online-Kollegen. Sie lieben Online, weil es Debatten weiterträgt, die sie in Print anstoßen. Sie hassen Online: Die eigenen Digital-Kollegen, so glauben sie, stehlen ihnen jene Leser, die sie selbst hätten haben können – manchmal sogar mit der Hilfe von Online-Artikeln, die ursprünglich für Print verfasst wurden.

Solche Effekte lassen sich kaum belegen, zumal die Überschneidung zwischen Print- und Online-Leserschaft überall sehr klein ist. Sollte es sie geben, ließen sie sich dennoch getrost ignorieren, denn viel größere Kannibalen nagen an anderer Stelle: Facebook und Twitter, Google und iTunes, WhatsApp und Snapchat fressen die Zeitbudgets auf, die Menschen früher für andere Medien zur Verfügung hatten. Etwa für Print. Schluss mit falschen Fronten.

7 Online-Journalisten haben Angst vor der Print-Hegemonie. Und verkennen ihre wahren Freunde.

Erstaunlicherweise hängen oft gerade Onliner einem alten Bild von Öffentlichkeit an. Sie sehen eine hierarchische Struktur, bei der die Print-Medien eine illegitime Sonderstellung einnehmen, die es zu bekämpfen gilt. Dabei geht es schon längst um etwas anderes: nicht darum, ob sich die Struktur von Öffentlichkeit zugunsten von Online wandelt, sondern darum, ob die Öffentlichkeit überhaupt noch eine Struktur hat – jenseits von Hysterien und Hypes und kommerziellen Strukturen wie Google. Online- wie Print-Journalisten haben ein Interesse daran, dass Diskurse erkennbar sind, dass das große Selbstgespräch der Gesellschaft funktioniert. Machen wir unsere Arbeit.

8 Online-Journalisten leben in einer Filterblase. Print-Journalisten auch.

Online-Journalisten denken nicht in den großen Bögen der Weltgeschichte, sondern bis zum nächsten Tweet – glauben manche Print-Kollegen. Ihr Wissen zu Marx und Mao, Nietzsche und Hegel reicht so weit wie der dazugehörige Wikipedia-Eintrag. Eine Seite 3, die zwar das Kanzleramt erschüttert, aber nicht online steht, werden sie nie wahrnehmen. Ihre Diskurse verlassen niemals jene digitalen Echokammern, zu denen anständige Journalisten keinen Zutritt haben.

Unglücklich nur, wenn diese Echokammern mittlerweile mehr Menschen erreichen, als beliebige Medienerzeugnisse es je konnten. Wenn das Kanzleramt neuerdings auch digital zu erschüttern ist. Wenn sie vom #Aufschrei einer ganzen Generation eine Woche später aus der Zeitung erfahren. Es gibt eben auch eine Hermetik des Gedruckten.

Hören wir zu. Machen wir mit.

Die Crowd als klügste Supervision

9 Wir denken unsere Medien zusammen.

Es gibt ein schlimmes Wort, das die vernünftige und respektvolle Zusammenarbeit von Print und Online lange vergiftet hat. Dieses Wort heißt Synergie. Das war die Idee, dass Print Online einfach so mitmachen könne, Schreiber filmen, Fotografen schreiben. All das ist auch immer wieder möglich, als Grundlage der Kooperation kann es nicht dienen, weil damit Arbeitsteilung und Spezialisierung aufgehoben werden, was der Qualität schadet. Tatsächlich brauchen wir Verfeinerung und nicht Verbreiterung. Trotzdem gibt es viel zusammen zu tun, und wir tun es auch immer mehr.

Unser Ziel ist, gemeinsam eine größere journalistische Kraft zu entwickeln, ohne Einbußen an Distinktion.

Daneben gibt es Foren, in denen sich alle aufhalten, austauschen, befruchten und anschreien, Twitter oder Facebook zum Beispiel. Aus dem, was da gezwitschert wird, machen dann die einen ihren gedruckten Leitartikel, die anderen den Ausgangspunkt einer Recherche und die Dritten einfach nur einen neuen Tweet.

10 Wir lieben die Crowd, also das Phänomen der klugen Masse. Aber die Crowd ist kein Journalist.

Es wird oft vergessen, wie der Journalismus im Nachkriegsdeutschland entstand: als Umerziehungsprojekt für ein Volk, das den größten Zivilisationsbruch des Jahrhunderts verübt oder geduldet hatte.

Das war auch richtig so. Allerdings hielt sich der pädagogische Impuls des deutschen Journalismus allzu lange. Wer genau hinguckt, findet Spuren davon noch heute. Das Internet lehrt die Schreiber jedoch Demut. Irgendwo da draußen gibt es immer jemanden, der mehr weiß als man selbst und der sich dann bei uns meldet.

Darüber kann man nur heilfroh sein, die Crowd organisiert die klügste Supervision, die man sich nur wünschen kann, sie macht uns im Zweifel: besser.

Es wäre ein Kurzschluss, zu glauben, die Crowd könnte den Journalismus ersetzen. Das aufwendige Recherchieren und sprachliche Synthetisieren von Informationen, das Auffinden des Allgemeinen im Speziellen, die Kunst des Erzählens ist und bleibt ein sehr anspruchsvoller Beruf, einer der schönsten, die es gibt.

11 Was vom Journalismus bleibt, sind seine Prinzipien.

Wir haben verstanden, dass heute jeder zum Journalisten werden kann. Seit es das Netz gibt, definiert nicht mehr der Zugang zu den Verteilungskanälen unseren Beruf. Journalismus unterscheidet sich nur noch durch seine Prinzipien von allem anderen, was online steht, durch seine Haltung, sein Streben nach Wahrheit. Journalisten sind jene, die sich alle erdenkliche Mühe geben, diesen Prinzipien zu folgen. Es gibt ehemalige Leser, die nun Kollegen sind.

12 Die Frage ist nicht Print oder Online, sondern: wann und in welchem Rhythmus?

Gedruckt oder gepublished, das ist eine uninteressante, überholte Entgegensetzung. Entscheidend ist nicht die Stofflichkeit, entscheidend sind die Rhythmisierung und der Zeitpunkt.

Wollen wir Medien, die auch mal nicht senden? Glauben wir an die fundamentalen Unterschiede zwischen Minütlichkeit, Täglichkeit, Wöchentlichkeit? Glauben wir an die Magie des ganz bestimmten Augenblicks, in dem unser Journalismus seine Leser findet? Am Morgen, am Abend, am Samstagnachmittag?

Gibt es Leser, die uns fürs Innehalten bezahlen? Der Schrei nach Sinn, nach Bleibendem, nach informationeller Reinigung wird umso lauter, je mehr man sich im Netz bewegt.

Hier bei uns gibt es viele Rhythmen: Minütlichkeit oder Täglichkeit bei ZEIT ONLINE und Wöchentlichkeit bei der ZEIT und ihrer App. Das verträgt sich.

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