ZEITmagazin: Herr Gladwell, warum sind die Menschen so hungrig nach Ihren Botschaften?

Malcolm Gladwell: Wir Menschen haben alle das fundamentale Bedürfnis nach Vertrauen und Zuversicht. Wir wollen uns darauf verlassen können, dass die Aufgaben, die uns in unserem Leben gestellt werden, auch machbar sind.

ZEITmagazin: Zuletzt erschien von Ihnen das Buch David und Goliath: Die Kunst, Übermächtige zu bezwingen. Wann waren Sie zuletzt in der Position des David?

Gladwell: 1987 bekam ich aus mir unerfindlichen Gründen einen Job bei der Washington Post. Ich hatte zuvor noch nie einen Zeitungsartikel verfasst. Die ersten beiden Monate war ich wie gelähmt vor Angst. Aber die Geschichte von David und Goliath zeigt, dass es mehr als einen Weg gibt, siegreich aus einem Kampf hervorzugehen, es muss nicht immer mit dem Schwert sein. Also nahm ich mich der Themengebiete an, die keiner machen wollte, und war damit sehr erfolgreich. Ich verwandelte eine scheinbare Schwäche in einen Vorteil. Eigentlich wollte ich nach der Uni unbedingt in einer Werbeagentur arbeiten. Ich erhielt jedoch nur Absagen. Im Nachhinein erkennt man erst, dass es gut sein kann, etwas nicht zu erreichen, da man dafür etwas anderes lernt, in dem man dann erfolgreicher ist.

ZEITmagazin: Die Botschaft Ihrer Bücher ist, dass man alles schaffen kann, wenn man es will. Aber ich glaube, dass nicht jeder die Energie dazu hat.

Gladwell: Nicht Energie, sondern Vertrauen ist der Schlüssel – und die Zuversicht, dass etwas Gutes aus dem Versuch entstehen wird, und sei es nur Erfahrung. Das sah ich schon mit elf Jahren bei meinem Schulfreund Terry. Ich selbst war ein braver und fleißiger Schüler. Terry hingegen hinterfragte alles, von ihm lernte ich, eigenständig und aktiv nach Wissen zu suchen. Er hatte absolutes Vertrauen in seine intellektuellen Fähigkeiten. Wenn du etwas lernen willst, mach es einfach, such dir passende Lektüre, befrag Leute, die es wissen, geh ungewöhnliche Wege. Terry war der erste echte Revolutionär, den ich kennenlernte – und ich hatte bis zu dem Zeitpunkt nicht einmal gewusst, dass es so etwas wie Rebellen gibt.

ZEITmagazin: Er hat Sie also aufgerüttelt.

Gladwell: Er hat mich gerettet, indem er mir eine völlig neue Sicht auf die Welt eröffnet hat. Ich lernte, dass es sich lohnen kann, Risiken einzugehen. Dass auch Scheitern in Ordnung ist. Dass aus anfänglichen Nachteilen Vorteile entstehen können. Ich war in meinem Leben zweimal in der Rolle des Immigranten. Erst zogen wir von England nach Kanada, und als Erwachsener ging ich in die USA. Das erfordert eine gewisse Anpassung. Man kann nicht so handeln, wie man es zu Hause getan hätte. In gewisser Weise ist man ein Außenseiter. Dazu passt dann gut der Job als Journalist. Seine Rolle ist die des objektiven Außenseiters, der Fragen stellt. Insofern ist mein beruflicher Werdegang eine direkte Konsequenz meines Lebensweges.

ZEITmagazin: Ihre Mutter stammte aus Jamaika, Ihr Vater aus England. Eine gemischte Ehe einzugehen war in den fünfziger Jahren noch radikal.

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Gladwell: Entscheidend ist auch hier wieder die Perspektive. Betrachtet man die unterschiedlichen Hautfarben, war es sicherlich radikal von meinen Eltern, zu heiraten. Abgesehen davon waren sie einander sehr ähnlich und somit ein perfektes Paar. Sie waren beide sehr religiös und auf die Familie bedacht, sie liebten Musik. Bildung war ihnen sehr wichtig. Mein Vater empfand seine Ehe nie als radikalen Schritt. Mir zeigte es bereits als Kind, dass unkonventionelle Wege unerwartet erfolgreich sein können.