Das Kurhaus Baden-Baden © FREDERICK FLORIN/AFP/Getty Images

Am frühen Abend gehen überall in Baden-Baden die Gaslaternen an. Man kann förmlich dabei zusehen, wie sich 19. Jahrhundert über die Lichtentaler Allee senkt, diese Promenade zwischen murmelndem Flüsschen und blumenbestandener Wiese, und am liebsten hätte man jetzt selbst ein bodenlanges Kleid an, um entlang dieser Lichtkegel durch den Kurpark zu rauschen – rechts, jenseits des Flusses, die mächtigen Umrisse der Grand Hotels; links, hinter Bäumen, die Silhouetten von Burda-Museum und Kunsthalle, Theater und Kurhaus

Als der Franzose Jacques Bénazet 1838 nach Baden-Baden kam, um Casino und Park nach Pariser Vorbild zu gestalten, schuf er ein verblüffendes Ensemble aus Kunst und Wohnen, Kultur und Natur, das bis heute Sehnsuchtsträume von New York bis nach St. Petersburg erfüllt.

Bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts hatten europäische Fürsten den Thermalkurort Baden zu ihrem Lieblingsort für Erholung und Vergnügen erkoren. Ein neues Kurviertel wurde gebaut, 1805 entstand mit dem Badischen Hof eines der ersten Grand Hotels Europas. 1824 kam das heutige Kurhaus samt Casino dazu, weitere Hotels folgten.

Ist das Casino das wilde Herz von Baden-Baden, so sind die Hotels das Skelett, das den Stadtkörper zusammenhält. Über seine ganze Länge und Breite erstrecken sich die Häuser mit insgesamt knapp 5.000 Gästebetten, und sie alle hatten sich stets zu messen an den Hotelpalästen an der Lichtentaler- und Kaiserallee.

Apéro im Grand Hotel

Wo, wenn nicht hier in Baden-Baden, liegt es nahe, das Hotel selbst zum Thema einer groß angelegten Schau zu machen, seiner Geschichte nachzuspüren, der Verbindung zwischen Hotel, Kunst und Kultur? Unter dem Titel Room Service – Vom Hotel in der Kunst und Künstlern im Hotel zeigt die Kunsthalle derzeit in einer historischen Ausstellung Arbeiten von William Turner bis Andreas Gursky. Ein zweiter, experimenteller Teil führt als Parcours durch Hotels der Stadt, die von Künstlern bespielt werden. Immer wieder stößt man dieser Tage auf Teile der Schau, selbst wenn man gar nicht danach sucht.

Ich hatte meine Hotelerkundung mit einem Apéro im Badischen Hof beginnen wollen – dem ältesten Grand Hotel der Stadt am anderen Ende der Kaiserallee. Aber das klappt nicht wirklich gut: So gründlich ist der alte Badische Hof im heutigen Radisson aufgegangen, dass man ihm eigentlich nur noch im prächtigen Treppenhaus aus dem 19. Jahrhundert begegnet. Also spaziere ich weiter die Allee hinunter, entlang der Oos und ihres Rauschens – jenes domestizierten Flusses, an dem die Grand Hotels wie prächtige Klunker aufgereiht liegen.

Längst haben der Lauf der Dinge und die Globalisierung aus dem Hotel de l’Europe das Steigenberger Europäischer Hof gemacht. Russische Dichter liebten das Haus, obwohl Gogol schrieb: "In seinem Hotelzimmer hält sich fast niemand auf, alle sitzen den ganzen Tag an kleinen Tischen unter Bäumen."   

Aus Baden-Baden wurde Roulettenburg

Dostojewski konnte sich das De l’Europe gar nicht erst leisten: Er verlor sein Geld im Casino und erzählte später in seinem Roman Der Spieler von den Erlebnissen in "Roulettenburg". 1793 hatte die Heirat Luise von Badens mit dem späteren Kaiser Alexander I. den Kurort in die russische Wahrnehmung gerückt. Turgenjew und Gogol, Tolstoi und Dostojewski verankerten ihn als Mythos in der Literatur.

Zu Abend essen möchte ich im Atlantic Park, dessen Fenster wie Bullaugen eines Ozeandampfers über den Fluss leuchten, hinter jedem eine kleine Tischlampe, die warmes Licht auf die Speisenden wirft. Zum Nachtisch stöbere ich im Kaminzimmer bei flackerndem Feuer in der Room Service-Bibliothek – einer eigens zusammengestellten Auswahl von Büchern und Filmen zum Thema Hotel.

Hinterher, in der Lounge des Brenners Park-Hotel, fällt es mir schwer, nicht einfach hängen zu bleiben, da überhaupt nichts schöner sein kann, als in den Polstern eines Biedermeiersofas zu versinken und sich zu weiden an dieser Perfektion aus Kronleuchtern und Wandgemälden, zierlichen Möbeln und (ja, ehrlich) 19 Steh- und Tischlämpchen; wegzudriften mit den Klängen der Klaviermusik, die der Barpianist nur für mich und eine schwergewichtige Dame in Rot spielt, die ab und zu selbstvergessen ein paar Tanzschritte wagt.

Nicht, dass sonst niemand im Raum wäre: An der Bar, zwei Stufen erhöht, stehen Männer mit erhobenen Gläsern so dicht gedrängt, dass sich die Maßanzüge berühren. Das Raunen ihrer Stimmen grundiert die Klavierklänge. Eigentlich könnte ich jetzt langsam zu Bett gehen.