Er wirkt leicht außer Atem, als er das dunkel getäfelte Lesezimmer des Hotels betritt. Vielleicht liegt es am zehnminütigen Fußmarsch, den er gerade hinter sich hat, von seinem Arbeitsplatz in den Kensington Gardens vorbei am Naturkunde- und am Victoria & Albert Museum zum kleinen Pelham Hotel in South Kensington. Vielleicht liegt es auch einfach an seiner Betriebstemperatur.

Hans Ulrich Obrist ist Kurator und Co-Direktor der international renommierten Londoner Serpentine Gallery, vor allem aber ist der Schweizer als der große Rastlose des Kunstbetriebs bekannt, als unschlagbarer Netzwerker, immer auf dem Sprung zu Konferenzen, Ausstellungen, Werkstattbesuchen irgendwo auf der Welt.

Und als hätte er seine Allüberall-Präsenz in Baden-Baden abermals zu untermauern, ist er als Einziger sowohl im historischen als auch im zeitgenössischen Teil der Room Service- Ausstellung vertreten. In der Kunsthalle dokumentiert er sein berühmtes Projekt Hotel Carlton Palace: Chambre 763 von 1993; damals hatte der 24-Jährige 70 meist bekannte Künstler dazu überreden können, gemeinsam auf den zwölf Quadratmetern seines Pariser Zwei-Sterne-Zimmers auszustellen. 

Im Zimmer 130 des Steigenberger schreibt er nun die eigene Legende fort – mit einer herausragenden Arbeit von 1993 sowie einer Reihe neuer Beigaben. Wer wüsste mehr über Künstler und Hotels als er, der seit Teenagertagen obsessiv für die Kunst unterwegs ist und längst tausendfach in Drei-, Vier- und Fünf-Sterne-Häusern gewohnt hat?

Obrist trägt weißes Hemd zum dunkelgrauen Anzug. Die hohe Stirn fällt wegen der kurz geschorenen Haare kaum auf. Er spricht schnell, wie sollte es anders sein? Vor dem Kamin setzt er sich in einen Sessel, der so gemütlich ist, dass er gleich wieder ein bisschen daraus hervorrückt. Nur nicht versacken! Das Pelham war seine Wahl für das Treffen. "Mein erweitertes Wohnzimmer", sagt er. Hier hat er einen Monat lang gewohnt, als er 2006 nach London zog. Hin und wieder kehrt er für eine Besprechung zurück, stets nach 20 Uhr, wenn in der Serpentine Gallery nur noch die Alarmanlage aktiv sein darf.

Sind Hotels sein zweites Zuhause? "Nicht mehr. Ich bin sesshafter geworden. Inzwischen reise ich nur noch an den Wochenenden." Das aber konsequent, angeblich 52-mal im Jahr, immer für die Sache und befeuert von der Lust auf Begegnungen mit Künstlern. Nächstes Wochenende ist er in Dubai, weshalb er die Baden-Badener Eröffnung schwänzen muss. In welchem Hotel? "Keine Ahnung. Ich lasse mich überraschen."

Im Lesesaal mit Gerhard Richter

Das meint Obrist ernst: Er will zum Staunen gebracht werden, immer wieder. Aber ob ihm ein Hotel in Erinnerung bleibt, darüber entscheidet letztlich nicht das Design, sondern eine Begegnung, die daran geknüpft ist. Er schwärmt vom Lesesaal des Hotels Waldhaus in Sils-Maria – da wohnte er 1992 mit Gerhard Richter und bereitete eine Ausstellung im nahen Nietzsche-Haus vor.

Oder vom Hotel Okura in Tokio, einer "Sechziger-Jahre-Zeitkapsel" – da traf er gemeinsam mit Rem Koolhaas die vergessenen Helden der japanischen Nachkriegsarchitektur. Hotels sind so gut wie das, was in ihnen geschieht. Auch deshalb denkt der Kurator so liebevoll an das heruntergekommene Pariser Carlton Palace zurück, wo ihm 1993 sein Zwölf-Quadratmeter-Coup gelang.

Wenn Obrist mit munter vorantrabender Stimme von damals erzählt, dann weniger als routinierter Kurator, eher wie ein ewiger Fan, der die verehrten Künstler stets aufs Neue preist. "Im Carlton Palace lebte damals Raymond Hains, ein legendärer desaffichiste, der alte Plakatwände in Kunst verwandelte. Zwei befreundete Künstler überließen mir für eine Weile ihr Zimmer.

Dort las ich eine Biografie über Félix Fénéon, den Anarchisten und Kunstkritiker. In der hieß es, Fénéon habe ein paar Lieblingsbilder von Georges Seurat in Futteralen überall mit sich herumgetragen. 'Ihr Stil', stand da, 'brachte Leben noch in das banalste Hotelzimmer.' Ich sah an meine Wand, an der ein schreckliches Poster hing, und fand, dass ich selbst gerade eines dieser 'banalsten Hotelzimmer' bewohnte. Da kam mir die Idee mit der Ausstellung."