Ausgerechnet der Kapitalismus hat Simone de Beauvoir widerlegt. "Ein ehemaliger Mechaniker ist kein Mechaniker mehr: Er ist nichts", notierte sie 1970 in ihrem Essay La Vieillesse über die kapitalistische Gesellschaft, die sich "von den gealterten Werktätigen wie von einer fremden Gattung abwendet". Heute sind es gerade die Trendscouts, die in den nicht mehr Arbeitenden die Marktchance des Jahrhunderts sehen, in den Pensionisten und über 60-Jährigen.

"Die Zukunft ist silber", hat auch die Wirtschaftskammer im vergangenen Jahr als Devise ausgegeben. Hinter grauen Haaren schimmert eine immer größer werdende "Generation Gold" mit Lust auf das Leben und Zeit zum Geldausgeben. Anspruchsvolle Genießer, gerne auch "Greyhopper" oder "Silverpreneure" genannt.

Zum einen steckt ein gewachsener Zwang zur ewigen Jugend hinter diesem Marktsprech. Auch Leopold Rosenmayr, der bekannteste Gerontologe des Landes, relativiert das Bild des ewig strahlenden Best Agers: Es gebe ihn so ganz einfach nicht. Wie das Alter gelebt werde, hänge auch von der sozialen Schicht ab. "Höhergebildete joggen öfter, lesen mehr, sind in jeder Hinsicht aktiver und haben weitaus mehr Interessen", sagt der 90-Jährige und geht mit den österreichischen Senioren hart ins Gericht. "50 Prozent oder mehr lassen sich vor dem Fernseher berieseln und kratzen Geld zusammen, um in ein Wellnesscenter zu fahren. Aber Wellness hat doch nichts mit der Aktivierung des eigenen Ich zu tun!" Sie mögen also noch eine Minderheit sein, die Menschen in Österreich, die mit Pensionsantritt keineswegs in Viktor Frankls "Sonntagsneurose in Permanenz" verfallen. Menschen, auf die keines der gängigen Altersbilder wirklich passen will, weil sie ihr Leben nicht daran anpassen wollen. Denn Selbstfindung, sagt Rosenmayr, sei nichts weniger als eine Kulturaufgabe. Auch um Simone de Beauvoirs Defätismus, wonach Alter keine Zukunft habe, abseits jeglichen Marktkalküls wirklich zu widerlegen.

Helga Jessenig, 69, Tänzerin

Der Kopf ist einbandagiert, nur ein wenig helles Backenfleisch lugt hervor. Ein toter Blick ins Leere, die barfüßigen Zehen schlurfen ziellos umher. Mit der ersten Armbewegung wirbeln zwei lose Leinenärmelchen in die Luft und stellen zur Schau, was gar nicht geht: Achselhaare. Ein wucherndes, schwarzes, langes Knäuel, das sich in den nächsten zwei Stunden vollsaugen wird mit dem Schweiß der Tänzerin. Ein bewusster Bruch mit dem guten Geschmack.

Die Tänzerin heißt Helga Jessenig und hat mit ihren 69 Jahren das übliche Ablaufdatum einer Tanzkarriere um gleich mehrere Jahrzehnte überschritten. Das ist das Aufnahmekriterium bei der AgeCompany, einem Wiener Ensemble für zeitgenössische Tanzperformance: 13 Frauen sind es derzeit, allesamt weit über 50 und allesamt Laien. Jessenig, HAK-Lehrerin im Ruhestand, sitzt im Salon ihres schmucken Jugendstilhäuschens im 17. Wiener Bezirk und reflektiert über ihren Auftritt mit kahlem Schädel und aufgeklebter struppiger Achselhöhle. Im Alltag ist Jessenig eine Frau mit Stil, mit mitreißender Energie und seidig-dichtem Haar, das lebhaft in Richtung Nacken schwingt. "Gerade die Haare waren die letzte Bastion", sagt sie. "Jeder will schön ausschauen, auch alte Menschen." In der jüngsten Produktion war sie das Gegenteil.

Die Rolle des weiblichen No-Gos ist selbst gewählt. Ob Pussy-Riot-Maske, wallende Kleider oder Ledermonturen, die Requisiten erarbeiten sich die Mitglieder der AgeCompany selbst. Und Helga Jessenig hat entschieden, den Titel der Produktion, Fight Lookism, radikal ernst zu nehmen: Schönheit, Ideale, Rollenbilder und alternde Körper, sie verstößt gegen alles.

Natürlich gehe es um den Spaß beim Tanzen, die Bewegung sei nur ein Nebeneffekt. "Ich genieße viel zu gern, um mich einschränken zu lassen", sagt sie und wirft den Kopf zurück. Zum Genuss gehöre das Glas Wein ebenso wie die Torte und die gelegentliche Zigarette, "wieso auch nicht?" Seit Kinder und Hund aus dem Haus sind, lebt sie nach dem Motto: keine Verpflichtungen. Stattdessen Kultur, Reisen, ganz einfach Unternehmungen jeglicher Art.

Und doch schwebt noch etwas anderes im Raum, wenn Jessenig mit den tanzenden Altersgenossinnen vor das Publikum tritt. "Ich habe eine Art inneren Auftrag entwickelt, zu zeigen: Es geht auch, wenn es schlapper ist." Die Traumfigur werde sie nie mehr haben, lächelt sie dann beim Blick auf einige Fotos von ihrer demonstrativen Performance als Körper, dem nicht nur Perfektion, sondern mangels Frische auch jeglicher Marktwert abhandengekommen zu sein scheint. "Mit 30 hätte ich mich wahrscheinlich nicht getraut, mich so demonstrativ herzuzeigen."